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Computerweltschöpfer : Der heiße Krieger

  • -Aktualisiert am

Er dachte vernetzt: Vannevar Bush erweiterte den Computer zum elektronischen Gehirn. Bild: Bettmann Archive

Vannevar Bush sah nicht nur Hyperlink und Desktop voraus. Im Denken des Militärstrategen verdichteten sich Atombombe und Computer zu einer tödlichen Einheit: dem militärisch-industriellen Komplex.

          Zweifellos war das Jahr 1945 der Höhepunkt im Leben von Vannevar Bush, in jedem Fall die Klimax dessen, was man sein „öffentliches Wirken“ nennen könnte. Im Juli erschien sein Report „Science – The Endless Frontier“, in dem die Notwendigkeit einer nationalen Forschungspolitik skizziert war, fast gleichzeitig der Aufsatz „As we may think“ im „Atlantic Monthly“. Darin beschrieb Bush eine Memex genannte Apparatur, mit der ein Mensch, vor einem Bildschirm sitzend, sich durch eine gigantische Bibliothek hindurchbewegen, nein, mehr noch: mit der er seine Bewegung durch das Weltgehirn aufzeichnen und der Nachwelt hinterlassen kann. Mochte dies den Amerikanern noch wie Science-Fiction vorgekommen sein, brannte sich ihnen der Name des Verfassers kaum einen Monat später unauslöschlich ein. Denn im aufsteigenden Staubpilz über der Stadt Hiroshima löste sich ein, wofür Bush als wissenschaftlicher Koordinator des Manhattan Project jahrelang gearbeitet hatte, ohne das Wissen der Öffentlichkeit, ja selbst seiner eigenen Frau.

          Was aber ist öffentliches Wirken, wenn es mit dem Gedächtnis an Hiroshima verschmilzt? Von Robert Oppenheimer, dem Vater der Atombombe, ist der Ausspruch überliefert: „Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ Von Vannevar Bush gibt es kein Reuebekenntnis. Im Gegenteil. Mit seiner schnarrenden Stimme, die grenzenlose Selbstgewissheit und Arroganz verriet, wurde er nicht müde, der Welt auch weiterhin Lehren zu erteilen. So mag es naheliegen, im „General der Physik“ (wie ihn die „Times“ tituliert hat) eine Art Dr. Seltsam der Technokratie zu sehen: den Mann, in dem sich die Bombe, der Computer, aber auch der militärisch-industrielle Komplex zu einer tödlichen Einheit verdichten.

          „Wenn du ein Problem nicht lösen kannst, vergrößere es.“

          Mag sein, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. Ebenso gut aber kann man die Zeugung des Computers als einen Kathedralenbau auffassen, eine gemeinschaftliche Aufgabe, die sich über Generationen erstreckt. In diesem Generationenprojekt kommt Vannevar Bush eine besondere Rolle zu, führt er doch jene Metempsychose vor, die aus dem Pionier des neunzehnten Jahrhunderts den Technokraten des zwanzigsten Jahrhunderts macht. Diese Geschichte beginnt mit der Auflösung des Raums, bei der das gelobte Land (die „Frontier“) nicht mehr im Wilden Westen, sondern in jenen geistigen Räumen verortet wird, die von der Radiophonie, dem Telefon und der Elektrizität aufgeschlossen werden.

          1890 in Everett bei Boston geboren, als Sohn eines universalistischen Pastors und Freimaurers, kannte Vannevar Bush keine andere Grenze als den Himmel. So entwickelte das kränkliche Kind den Drang, die Welt mit neuartigen Gadgets zu beglücken. Da der Vater die Familienersparnisse für die Erziehung der beiden älteren Schwestern aufgebraucht hatte, war der aufgeweckte Knabe schon früh mit der Notwendigkeit konfrontiert, die Karriere in die eigenen Hände zu nehmen. Da sich die Mathematik unter seinen geschickten Händen stets in ein Gebrauchsding verwandelte, meldete der zweiundzwanzig Jahre alte Selfmademan ein Patent für ein Gerät zur Geländeprofilerfassung an. Nach Erfahrungen bei General Electrics und einer Beteiligung beim Radiopionier AMRAD gründete er im Alter von 32 Jahren eine Firma, die der Pfarrerssohn passenderweise göttlicher Strahl (Raytheon) taufte.

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