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Computerspiele Zuhälter brauchen auch nur Mathe

21.08.2009 ·  Ist die Warnung vor der Verrohung wirklich nur ein Klischee? In Köln lädt die Computerspielbranche zu einem Kongress über den Jugendschutz ein. Diskutiert wird über neue Technik-Trends, Datenschutz und die Zulassungsbeschränkungen von Killerspielen.

Von Oliver Jungen
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Zunächst ist da ein Dröhnen, das vom Himmel zu fallen scheint und nicht nachlässt, nicht variiert: So klingt nicht der Untergang, so klingt das Werden einer Welt. Es ist ein erhabenes Gefühl, wenn man die langen Hochglanzflure der Kölnmesse durchquert hat und sich der abgedunkelten Halle 6 nähert, in der die Luft vibriert. So stand Dante vor dem Inferno, Kant vor dem Gebirge, Caspar David Friedrich vor dem Ozean, etwas nicht Einzuordnendes übermannt die Sinne.

Tausende von Lautsprechern produzieren dieses Magma. Gleich am Eingang simuliert Microsofts Stand für die Xbox 360, wo vor allem Rennspiele vorgeführt werden, saftigen Motorenlärm. Gleich daneben ein „Call of Duty“ mit gehörigem Nachdruck: Es geht um die von Oktober an zu kaufende Version „Modern Warfare 2“ von Activision, ein Spezialeinsatz mit krachender Kampfhandlung und beeindruckender Grafik. Das ganze hintere Ende der Hallenhölle hat Electronic Arts reserviert und lässt mit dem höchst realistischen Rennspiel „Need for Speed Nitro“ ebenfalls die Motoren aufheulen, wogegen der Publikumsjubel von „Fifa 10“ anbrandet. Ohrenbetäubenden Sound steuern zudem die vielen neuen Musikspiele bei, etwa „The Beatles Rock Band“ (E.A.), wo ein jeder „Help“ schreien darf und offenbar auch will.

420 Aussteller auf 120 000 Quadratmeter

Noch drei weitere, nur unwesentlich kleinere Hallen zählen zum Entertainment-Bereich der Gamescom, ergänzt durch den ruhigeren Business-Bereich: Insgesamt 120 000 Quadratmeter teilen sich die mehr als 420 Aussteller aus dreißig Ländern. Die Leipziger Messe war der Branche zu klein geworden für ihren Treff, hatte sie mit zweihunderttausend Besuchern doch schon ihr Maximum erreicht: Köln ist für die doppelte Besucherzahl ausgelegt.

Zwei große Trends lassen sich ausmachen: die Internetanbindung der Spiele, was ganz neue Vermarktungsmöglichkeiten eröffnet – Abonnements, Shops für Zusatzfeatures, auf den Nutzer eingestellte Werbung –, sowie das Buhlen um Gelegenheitsspieler. Zum Erschließen neuer Nutzergruppen dienen die vielen Sport-, Musik- und Superstar-Titel, die oft auf ausgefallene Controller setzen, etwa in Form von Instrumenten oder Skateboards. Eifrig bemühen sich zudem die Konsolenhersteller Sony (Playstation) und Microsoft (Xbox), eine Bewegungssteuerung für ihre fernsehgebundenen Geräte zu kreieren, die es mit derjenigen von Nintendo (Wii) aufnehmen kann. Letztere ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass „Wii Sports“, „Wii Play“ und Wii Fit“ zu den meistverkauften Spielen überhaupt gehören. Hier geht es nicht unbedingt um ausgefeilte, schon gar nicht um realistische Grafik: Mit Armen und Beinen steuert der Spieler knautschige Comicfiguren durch bunte Kinderpixelwelten, was viel Geschicklichkeit erfordert.

Game Over für Killerspiele?

Am ersten Besuchertag fand nun der mit mehreren hundert Teilnehmern bestens besuchte „Gamescom Congress“ statt, auf den die Organisatoren zu Recht stolz sind. In selten konstruktiver Weise tauschte man sich über gesellschaftliche Auswirkungen von Computerspielen aus. Die Flugzettel mit der Aufschrift „Game Over für Spiele-Killer“ verteilenden Vertreter der Piraten-Partei werden sich darüber gewundert haben, dass der nordrhein-westfälische Minister für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien, Andreas Krautscheid, kaum anders argumentierte: Der „blinde Beißreflex“ mancher Politiker, die nichts wüssten von den „Wirkabläufen der Spiele“, führe zu solch tendenziösen Begriffen wie „Killerspiele“.

Dem pflichtete der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, energisch bei, indem er das „Pfeiffersche Medienfieber“ geißelte. Der sonst allgegenwärtige Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, Christian Pfeiffer, wurde in Köln so wenig gesehen wie seine alarmistische Amok-These. Natürlich aber, da waren sich alle einig, sei ein wirksamer Jugendschutz essentiell. Die Branche selbst verlange nach einem verlässlichen System, so Krautscheid vielleicht allzu optimistisch.

Deutsche Sonderregelung beim Jugendschutz

Damit war der von der Softwareindustrie oft beklagte deutsche Sonderweg einer Spielebewertung durch die Prüfstelle Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) angesprochen. In den meisten europäischen Ländern nehmen die Hersteller die Alterseinstufung nach einem Kriterienkatalog selbst vor, genannt Pan-European Games Information (PEGI). Die USK ist dadurch nicht gebunden. Für Hersteller ist es lästig, wenn sie für den deutschen Markt ihre Spiele modifizieren müssen. Eine Katastrophe ist es für die Firmen, wenn Spiele überhaupt keine Zulassung in Deutschland erhalten, was, so Gerhard Florin von Electronic Arts, bis heute bei 218 Spielen der Fall sei. Ein Spiel für Erwachsene herzustellen, sei hierzulande zu einem ökonomischen Risiko geworden. Über eine europaweite Harmonisierung der Regularien solle nachgedacht werden, hatte Krautscheid da aber bereits angeregt, nur sicherlich nicht auf dem niedrigsten Level. Auch sonst liefen Florins Drohgebärden – deutsche Politiker beleidigten mit ihrer AntiGames-Einstellung Millionen Wähler und würden die Quittung schon noch erhalten – ins Leere. Dass man der Industrie durchaus auf die Finger zu sehen habe, war einhellige Meinung.

Ein ganz erhebliches Problem hat der Jugendschutz allerdings im Bereich der kaum bis gar nicht regulierten Online-Games. Krautscheid plädierte deshalb für eine USK-Freigabe auch dieser Spiele, was allerdings neue Instrumente nötig machen würde. Genauer betrachtet wurde das Gangsterspiel „The Pimps“: Es gilt, Prostituierte zu kaufen und je nach Grad ihrer Abgenutztheit in verschiedenen Bordell-Umgebungen anzubieten. Außerdem will der Drogenhandel organisiert sein. Ein hochkomplexes Wirtschaftsspiel also, fasste Nils Holger-Henning von der Hamburger Herstellerfirma Bigpoint zusammen – hier setzten sich die Mathe-Asse durch. Auch die Kunstpädagogin Birgit Richards zeigte sich eher amüsiert darüber, dass der Nutzer mit Machosprüchen unterhalten werde, aber vor allem Excel-Tabellen zu sehen bekomme. Anstoß am Sujet nahm niemand; etwaigen Einwänden kam man mit der Formel zuvor, man solle sich über die soziale Realität empören, nicht über ihre spielerische Verdopplung.

Anlass zu datenschutzrechtlicher Sorge

Obwohl die Strategieorientierung bei den Onlinespielen noch dominiert, nicht zuletzt aufgrund von Bandbreitengrenzen, nimmt die Zahl der bildorientierten Gewaltspiele allerdings rasant zu. Die Entwicklung läuft derjenigen der Datenträgerspiele also genau entgegen. Zudem bricht das „Ingame Advertising“ in neue Dimensionen auf und gibt, wie Christoph Klimmt vom Institut für Publizistik der Universität Mainz darlegte, Anlass zu datenschutzrechtlicher Sorge.

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