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Computerspiele Wenn Kinder Mörder spielen

19.12.2007 ·  Computerspiele, die brutalen, vermeintlich coolen zumal, sind für Eltern eine Prüfung: Was soll man seinem Kind erlauben? Wo beginnt die Gefahr und wann die Verformung der Kinder? Der Kriminologe Christian Pfeiffer weiß Antworten.

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Computerspiele, die brutalen, vermeintlich coolen zumal, sind für Eltern eine Prüfung: Was soll man seinem Kind erlauben? Wo beginnt die Gefahr und wann die Verformung der Kinder? Der Kriminologe Christian Pfeiffer weiß Antworten.

Sie haben etliche sogenannte Killerspiele analysiert. Was sind Ihre Befunde?

Ich kann die Alterseinschätzung der Freiwilligen Selbstkontrolle nur zu einem Drittel nachvollziehen. Bei vielen Spielen sind wir der Ansicht, dass eine sehr viel strengere Bewertung nötig gewesen wäre. Häufig hätten Spiele auch ganz vom Markt genommen werden müssen. Mir scheint es nötig, unsere Freiwillige Selbstkontrolle grundlegend zu reformieren.

Was wollten Sie herausfinden?

Die Wirkung von gewaltverherrlichenden Computerspielen, die wir in mehreren Studien untersucht haben. Dabei standen die Schulleistung und die persönliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt. In Berlin läuft seit zwei Jahren eine Studie, in der wir tausend Kinder bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr begleiten. Hier wollen wir überprüfen, ob die Hypothese stimmt, dass zu viel Medienkonsum bei Kindern dazu führt, dass sie dicker werden, kränker, aggressiver und schlechter in der Schule.

Gibt es erste Erkenntnisse?

Ja. Kinder, die schon beim Start der Studie vor zwei Jahren eigene Bildschirmgeräte im Zimmer stehen hatten und es deswegen auf eine besonders hohe Medienzeit brachten, sind heute häufiger übergewichtig und haben schlechtere Noten als diejenigen, die nach wie vor über keine Geräte verfügen. Mit der Aggressivitätsmessung haben wir noch nicht begonnen, weil die Kinder hierfür noch zu jung sind.

Aber wir haben ein Experiment mit identisch zusammengesetzten Gruppen von jungen Erwachsenen durchgeführt. Dabei kam heraus: Wer zunächst Tischtennis spielte, hatte beim anschließenden Konzentrationstest mit leichten Mathematikaufgaben um fünfzig Prozent besser abgeschnitten als die Vergleichsgruppe, die sich in derselben Zeit intensiv auf ein brutales Computerspiel eingelassen hatte. Das bestätigt die Hypothese: Sehr gewalthaltige Computerspiele haben eine problematische Wirkung auf Schulleistungen, weil die emotionale Wucht der Spiele die Kinder massiv belastet. Was sie vorher gelernt haben, droht im Kurzzeitgedächtnis vergessen zu werden. Und im Anschluss an das Computerspiel braucht das Kind lange, um sich wieder konzentrieren zu können.

So ist es kein Wunder, dass die vier Verlierergruppen, die wir bei Pisa identifiziert haben, durchweg deutlich mehr Zeit mit Computerspielen verbringen als andere: also Jungen mehr als Mädchen, Norddeutsche mehr als Süddeutsche, Ausländerkinder mehr als Deutsche und Unterschichtskinder mehr als Mittelschichtskinder. Die Pisa-Verlierer haben durchweg mehr eigene Geräte im Zimmer stehen und nutzen diese wesentlich öfter. Die Empfehlung lautet deshalb ganz klar: Im Kinderzimmer haben Fernseher und Computerspiele nichts zu suchen, da die Verfügbarkeit zu einem wesentlich höheren und inhaltlich problematischeren Konsum verführt.

Trifft es zu, dass Jugendgewalt durch Gewaltspiele zunimmt?

Es gibt keine monokausale Beziehung vom Killerspiel zur Gewalt oder gar zum Amoklauf. Das ist wie beim Rauchen: Kettenraucher haben ein um vierzehn Prozent höheres Risiko, später an Lungenkrebs zu sterben - aber nicht jeder Raucher stirbt daran. Auch hierbei geht es um Risikoerhöhung: Kinder, die sich massiv auf Gewaltspiele einlassen, gefährden ihre Sensibilität für die Leiden von Opfern. Die Hirnforschung sowie psychologische Experimente haben eindeutig aufzeigen können, dass das intensive Spielen zu Abstumpfungseffekten führt, zu einer Abnahme von Empathie.

Man reagiert auf reale Leiden von Opfern nicht mit derselben Sensibilität, wie wenn man die Brutalität in einem Roman liest oder in einem Film anschaut. Die Tatsache, dass man persönlich in die Rolle des Mörders, des Folterers, des Angreifers schlüpft, verfremdet die eigene Reaktion. Doch auch wenn sich durch aggressive Computerspiele die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man Gewalttäter wird, müssen freilich immer andere Belastungsfaktoren hinzutreten, damit aus einer erhöhten Gewaltbereitschaft tatsächlich Gewalt entsteht, beispielsweise Gewalt in der Familie, soziale Randständigkeit, die falschen Freunde oder zu wenig Anerkennung.

Auch früher haben Jugendliche „verbotene“ Filme gesehen. Es gibt also einen Unterschied im Konsum von Gewalt?

Eindeutig. Filme haben durchaus auch Belastungseffekte. Aber die stärkste Belastung für Kinder und Jugendliche ist das aktive Spielen von Gewaltspielen, weil sie dort selbst in die Rolle des Mörders, des Gewalttäters einsteigen. Deshalb sollten sie sich davon fernhalten und stattdessen musizieren oder Sport treiben.

Wie kommt es zu den regionalen Unterschieden, die Sie erwähnen?

Es gibt im Süden sehr viel mehr Angebote für Kinder als im Norden. Dort haben sie zum Beispiel eine ausgeprägte Musikkultur. Ein Viertel aller Musikschüler stammt aus Baden-Württemberg, dabei leben nur zehn Prozent aller deutschen Kinder dort. Es gibt dort auch eine engere Anbindung an Vereine; das Sportangebot ist größer. Deshalb sind die Nachmittage der süddeutschen Kinder viel abwechslungsreicher als die der norddeutschen Kinder.

Was gibt es noch für Auffälligkeiten?

Auch das Gewaltverhalten deckt sich mit den Verlierergruppen bei Pisa: In Norddeutschland wird mehr Gewalt ausgeübt als in Süddeutschland, Jungen sind gewalttätiger als Mädchen, Ausländer gewalttätiger als Deutsche, ärmere Kinder gewalttätiger als Mittelschichtskinder: Mehr Gewalt und schlechte Leistung, das kommt zusammen. Ein dahinterstehender Wirkfaktor, dem bisher zu wenig Gewicht beigemessen wurde, ist meiner Ansicht nach der Medienkonsum. Bei uns werden schlechte Leistungen allein dem Schulsystem vorgeworfen und der mangelhaften Bildungsintegration von Ausländern. Die Schülerleistungen werden zu wenig in Verbindung gebracht mit dem Medienkonsum.

Was können Politik und Gesellschaft tun gegen die Anziehungskraft der Medien?

Sie müssen den Nachmittag der Kinder und Jugendlichen retten. Und das geht nur, indem eine Ganztagsschule für alle Kinder angeboten wird. Aber bitte keine Verwahranstalt mit Suppenküche zwischendrin oder Fortsetzung des Schulunterrichts vom Vormittag, wie bei G-8-Kindern am Gymnasium. Es geht vielmehr um ein Nachmittagsprogramm, das ich überschreiben würde mit: Lust auf Leben wecken in Gestalt von Musik, Theater und Sport - wie das im Ausland angeboten wird. Mein Sohn verbrachte ein Schuljahr in Neuseeland. Dort gab es für jedes Kind kostenlos Musikunterricht an einem Instrument seiner Wahl, und es wurden am Nachmittag sechzehn verschiedene Sportarten angeboten. Ganz wichtig ist natürlich die Aufklärung der Eltern: Die Eltern vor allem müssen wissen, dass Bildschirme in Kinderzimmer nichts verloren haben, weil sie gefährlich und schädlich sind.

Ist kein stärkerer Jugendschutz nötig?

Doch. Und ich bedauere es, dass Frau von der Leyen ihre Idee der Testkäufe durch Kinder begraben musste. Umso erfreulicher ist es, dass Länder wie Bayern und Nordrhein-Westfalen jetzt angekündigt haben, mit Testkäufern zu arbeiten. Man erreicht einen effektiven Jugendmedienschutz nur, wenn die Verkäufer wissen, dass das Risiko des Erwischtwerdens sich drastisch erhöht. Gegenwärtig gibt es fast keine Bußgeldverfahren, weil die Ordnungsämter Verstöße gegen das Jugendschutzgesetz kaum aufdecken können. Wir müssen Spiele, die exzessiv Gewalt zeigen, vom Markt nehmen. Denn wir können nachweisen, dass Kinder und Jugendliche indizierte Spiele kaum spielen, weil sie nicht beworben werden dürfen und auch nicht in Kaufhäusern ausliegen.

Die Fragen stellte Sandra Kegel.

Quelle: F.A.Z., 19.12.2007, Nr. 295 / Seite 38
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Von Sandra Kegel

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