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Computerjahr 2010 Die Zukunft, die nicht geschehen ist

02.01.2010 ·  Prognosen gibt es viele, wenn es um die Zukunft des Computers und des Internets geht. Aus der Vielzahl der Vorhersagen ragt eine Arbeit des Computerherstellers IBM aus dem Jahr 1987 heraus. Zehn Thesen für 2010 wagte man dort, die sich als erstaunlich hellsichtig erweisen.

Von Detlef Borchers
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Ein neues Jahr ist da, begleitet von vielen Prognosen, was alles passieren wird. Besonders die Informations- und Telekommunikationsbranche ist verliebt in ihre Prognostik - und liefert gerade deshalb laufend besonders kümmerliche Vorhersagen ab.

Weil der große Trend klar ist - alles wird vernetzt und konvergiert ins große Intergoogle - prognostiziert man gerne Petitessen wie die Tatsache, dass Anwendungen auf telefonierenden Kleincomputern wichtig werden. Das Jahr 2010 wird so das Jahr der „Äpps“ und Mutmaßungen über Mark Zuckerberg (Facebook) lösen die des Vorjahres über Steve Jobs (Apple) ab. Damit könnte dieser Artikel zu Ende sein - gäbe es nicht Prognosen, die ein interessantes Licht auf das Jahr 2010 werfen. Vor dreiundzwanzig Jahre dachte man radikaler darüber nach, was sich in fernerer Zukunft abspielen könnte: „Bis zum Jahre 2010 wird der Computer ein weit verbreitetes Werkzeug sein. Der Mensch hat sich daran gewöhnt, dass der Computer nützlich ist, aber auch daran, dass ihm der Computer in vielen Bereichen überlegen ist, und dass man nicht mehr auf ihn verzichten kann und will. Typisch für heute ist, dass wir keinerlei Gefühl dafür haben, welche Bereiche dies sein werden.“

Dem Weltkonzern untertan

Wir wissen, dass der Computer überall sein wird, haben aber keine Ahnung, in welchen Bereichen er uns überlegen sein soll. Wird er die Kultur, die Wirtschaft, die Bildung verändern? Dieser bemerkenswerte Klartext wurde im Jahre 1987 ausgerechnet bei IBM formuliert. Es war das Jahr, als eine Firma namens Mobira mit einem Cityman genannten Funktelefon einen riesigen Erfolg erzielte und sich den Namen der Mutterfirma Nokia zulegte. Es war das Jahr, als der Boom der „Personalcomputer“ seinen ersten Höhepunkt erreichte.

In diesem Jahr 1987 machte sich IBM daran, die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, als man den ersten IBM-PC mit einer Technik auf den Markt warf, die jeder kopieren konnte. Aus diesem PC-Markt mit seinen vielen „Startups“ sollte eine geschlossene Plattform entstehen, die allein dem Weltkonzern untertan wäre. IBM lancierte 1987 eine PS/2 genannte Rechnerfamilie mit einer neuen, kostenpflichtigen Architektur namens „Microchannel“ und einem eigenen Betriebssystem namens OS/2.

Selbstbewusst feierte IBM obendrein den siebzigsten Geburtstag des Namens IBM (International Business Machines). Er wurde 1917 für die Auslandsfirmen der von Hermann Hollerith im Jahre 1896 gegründeten Tabulating Machine Company geschaffen.

Kafkas Schloss, gelutzt

Die deutsche Niederlassung von IBM beteiligte sich an den Feiern auf ihre ganz spezielle Weise. Sie ließ von ihren Chefdenkern eine Studie erstellen. Wie könnte die Nutzung von Computern im Jahre 2010 aussehen, wenn IBM Deutschland seinen hundertsten Geburtstag feiert? Denn 1910 wurde die Dehomag, die „Deutsche Hollerith Maschinen-Gesellschaft“ gegründet, die allerdings erst 1949, nach durchaus erfolgreichen Geschäften mit den nationalsozialistischen Machthabern als „Internationale Büro Maschinen-Gesellschaft mbH“ firmierte.

Technischer Chefredakteur der Studie war Theo Lutz, ein Schüler des Kybernetikers Max Bense (dessen hundertster Geburtstag im Februar 2010 mit einem großen Kongress über „Weltprogrammierung“ gefeiert wird). Lutz hatte schon in den fünfziger Jahren Computerpoesie auf einem Zuse-Rechner programmiert. Aus seinem Namen entstand das schöne Verb „lutzen“ als Ausdruck für die Tätigkeit von Computern „stochastische poetische Texte“ aus Prosa zu generieren. So wurde Kafkas Schloss mit einem Computer zu einem Gedicht gelutzt, die entsprechenden Programme findet man heute noch im Netz.

Lutz versuchte also, mit „Zehn mal 2010“ die IBM-Version vom Computing im Jahre 2010 zu erklären. Wichtige Hilfsmittel waren für ihn das Moore'sche Gesetz von der ständig wachsenden Prozessorleistung und Einsichten in die Forschung von IBM, etwa im Bereich der Glasfasertechnik. Aus der Arbeit an SNA/OSI-Netzstrukturen schlussfolgerte er für These zwei, dass „electronic mail“ weitgehend das Telefon ersetzen wird: „Die Jahre bis zum Jahre 2010 werden vor allem in unseren Büros bestimmt sein durch eine Befreiung des Menschen von einem erheblichen Teil an ,informeller Kommunikation', die zügiger und produktiver über geeignete Medien formell abgewickelt werden kann.“ Diese Vorhersage ist eingetroffen, auch wenn sich die von IBM protegierten SNA-Technologien nicht durchgesetzt haben. Ähnlich ist es um These drei vom personalisierten, gemischten Arbeitsplatz mit persönlicher Datenverarbeitung bestellt. Er ist heute der Standard, auch wenn IBM längst die Produktion von Desktoprechnern eingestellt hat.

Die gewagte Angst-These

Die anschließende These, dass der Mikroprozessor als Bauteil in seiner Bedeutung den Motor abgelöst haben und dass er in allen Bereichen des Lebens eine Rolle spielen wird, gehörte schon vor 1987 zu einer verbreiteten Annahme. Auch der Optimismus von These fünf, dass der Mensch mit dem Computer „umgangssprachlich“ in Schrift und Stimme kommuniziert, dass der Computer (nächste These) menschliche Behinderungen ausgleichen hilft, waren 1987 nicht ungewöhnlich. 1982 hatte IBM das erste kommerzielle Spracherkennungssystem in Betrieb, das später als „ViaVoice“ im eigenen, bereits erwähnten Betriebssytem OS/2 integriert wurde. Aber erst 1992 konnte die Firma ein Experimentalsystem vorstellen, bei dem der Computer komplett mit Gesten gesteuert wurde. ViaVoice wurde verkauft und arbeitet heute in Mobiltelefonen.

These acht zur „perfekten Kommunikation in der 24-Stunden-Gesellschaft“ nach einer These über Telearbeit im trauten Heim verabschiedete unter anderem die Tageszeitung, die man zu Hause liest: „Bis zum Jahre 2010 werden die sogenannten 'Neuen Medien' in der Gesellschaft, und damit auch im privaten Bereich, so akzeptiert und verbreitet sein, dass sich das Individuum im Austausch von Daten, Texten, Bildern und Stimme mit höchster technischer Qualität unabhängig von Raum und Zeit bewegen kann.“ Raum und ortsgebundene Medien, die wie ein Bündel Papier in den Briefkasten eines Lesers transportiert werden müssen, sind obsolet. Perfekte Kommunikation? Diesen Artikel gibt es auch im Internet, mit ein paar Links zum Weiterklicken.

Diebische Freude kommt gemeinhin auf, wenn der Flop genannt wird, der Moment, an dem eine Prognose komplett lächerlich gemacht werden kann, weil sie so hoffnungslos daneben liegt. Das bekannteste Beispiel dieser Art ist der intelligente Kühlschrank, der im intelligenten Haus automatisch frische Milch ordert - ein Szenario, das erstmals 1939 auf der Weltausstellung in New York vorgestellt und auf 1950 datiert wurde, wie der Computerwissenschaftler und KI-Forscher David Gelernter ermittelte. In unserem Fall ist es These neun, die Bestürzung produziert: „Auch im Jahre 2010 wird die aufgeklärte und demokratische Gesellschaft ihre spezifischen Ängste haben, aber sie werden wenig mit dem Computer zu tun haben. Themen wie 'Angst vor Überwachung', 'Jobkiller', 'Datenschutz' u.a. werden nicht mehr im Zusammenhang mit dem Computer gesehen. Datenschutz wird als Bürgerrecht akzeptiert und respektiert sein.“ Diese offensive, sehr optimistische These lässt uns heute ratlos zurück.

Mehr als eine Filiale des Gerhirns

Der Datenschutz als Bürgerrecht ist in den vergangenen Jahren immer wieder missachtet worden. Aufwachsende haben auf der Schule nicht gelernt, wie sie sich in „sozialen Netzwerken“ schützen können, die Datenagglomeration im großen Stil betreiben. Firmen spionieren immer ungenierter ihren Mitarbeitern hinterher, wie die Datenskandale des Jahres 2009 zeigen.

Der Optimismus des Jahres 1987 ist nachhaltig vom „Volkszählungsurteil“ des Bundesverfassungsgerichtes aus dem Jahre 1983 geprägt worden. Das Gericht definierte damals das „informationelle Selbstbestimmungsrecht“ als Recht des Bürgers auf Datenlöschung. Mit einem freien Bürger „wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß“, befand das Gericht. Die Zuversicht der IBM-Prognose speist sich aus diesem Urteil - und kollidiert frontal mit der Realität anno 2010. In ihrem Blog „Kooptech“ hat die Journalistin Christiane Schulzki-Haddouti kürzlich ein deprimierendes Fazit der aktuellen Entwicklung gezogen und von einem „verlorenen, katastrophalen Jahrzehnt des Datenschutzes“ gesprochen (siehe Der Datenschutz und das verlorene Jahrzehnt).

In der letzten und längsten These rechnet die IBM-Studie der Forscher um Theo Lutz mit der „Künstlichen Intelligenz“ ab, einem Zweig der Computerwissenschaften/Informatik, der in den siebziger und achtziger Jahren Unsummen verschlang und heute noch gelegentlich als Wunderwaffe gegen überkomplexe Probleme ins Feld geführt wird. Bei IBM sah man das anders: Wir werden überall Computer haben, wir mögen keine Ahnung haben, wo sie uns überlegen sind, aber die große Symbiose von Mensch und Computer, die können wir getrost vergessen.

„Bis zum Jahre 2010 wird sich ein gewisses Verständnis dafür entwickelt haben, ob der Computer mehr ist als nur eine Filiale des Gehirns oder ein Intelligenzverstärker. Alles spricht dafür, dass Begriffe wie ,Künstliche Intelligenz' bis zum Jahre 2010 stark relativiert und auf ihren rein technischen, werkzeughaften Sinn reduziert sind. Eine Symbiose zwischen dem biologischen Gehirn und dem technischen Computer bleibt eine Fiktion.“

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