Am 1. Juni 1955, dem Internationalen Tag des Kindes, ließ die DDR Comics verbrennen. Die Aktion war gut vorbereitet; man hatte Flugblätter gedruckt, die zum Beispiel so lauteten: „Bei Hitler waren es Wehrertüchtigungslager, heute ist es die Schundliteratur - frisch importiert aus den USA. Das Ziel ist die Vorbereitung der Jugend auf einen neuen Krieg. Das Ergebnis: Schlachtfelder, Atom- und Wasserstoffbomben, Massengrab.“ Man traute den westlichen Comics einiges zu. Deshalb wünschte das Zentralkomitee der SED sich eigene Comics.
Der erste erschien noch im selben Jahr. Im Dezember 1955 debütierte „Mosaik“, eine Heftserie, die drei Kobolde als Helden hatte, die beliebig durch Zeit und Raum reisen konnten, um den jungen Lesern aufklärerische Inhalte zu Geschichte und Technik zu bieten. Das erste Abenteuer führte nach Konstantinopel an den Hof des Sultans, also mitten in die schönste Feudalgesellschaft. Wenn es nach dem Wunsch der Machthaber in Ost-Berlin gegangen wäre, hätte dieser Comic ein ideologisches Schlachtfeld abgegeben: gezeichnete Bomben aufs Bürgertum, ein Massengrab für den Imperialismus. Doch nichts davon geschah. Das „Mosaik“ wurde ein riesiger Erfolg im Sozialismus, ohne je ein sozialistischer Comic zu sein.
Verantwortlich dafür war eine einmalige Konstellation, die nun im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig auf vorbildliche Weise in einer Ausstellung aufgearbeitet wird. Dafür kann es auf einen nicht nur für Deutschland einmaligen Schatz zurückgreifen: 2009 wurde dem Forum das Archiv Hegenbarth geschenkt, und zwar von dem Mann, der das „Mosaik“ erfunden und zwanzig Jahre lang verantwortet hatte: Hannes Hegen. Aus seiner Feder kamen die Figuren Dig, Dag und Digedag (so die Namen der drei Kobolde), und er leitete bis 1975 das „Mosaik-Kollektiv“, das seinem sozialistisch geprägten Namen zum Trotz keine gemeinschaftlich verwaltete Comicproduktionsstätte war, sondern ein privates Atelier mit bis zu einem Dutzend Angestellten, die alle das zu tun hatten, was Hannes Hegen anordnete. Mit anderen Worten: Es war ein knallharter Privatbetrieb mitten in der DDR.
Das Regime machte ihm das Leben schwer
Hannes Hegen, 1925 geboren, heißt eigentlich Johannes Hegenbarth. Er stammt aus einer Familie, die mehrere Künstler hervorgebracht hat. Als er selbst von 1947 bis 1951 in Leipzig Kunst studierte, nannte er sich Hannes Hegen, um keinen Verwechslungen mit den schon bekannten Hegenbarths ausgesetzt zu sein. Er reüssierte auf humoristischem Gebiet, und als er die Figur des Rumpelmännchens für die staatlich organisierte Wertstoffsammlung entwarf, glaubte er sein Glück gemacht. Aber Hegen hatte versäumt, sich die Rechte an seiner Erfindung zu sichern. Diesen Fehler machte er nicht noch einmal, als er im Sommer 1955 Dig, Dag und Digedag entwickelte und einen Verlag für sie fand.
Also war die beliebteste DDR-Comicserie, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs eine regelmäßige Auflage von 660 000 sofort vergriffenen Exemplaren erreichte, Privateigentum. Das Regime hatte jedoch noch genug Möglichkeiten, Hegen das Leben schwerzumachen, denn die Verlage, die das „Mosaik“ vertrieben (Neues Leben und Junge Welt), waren natürlich in Staatsbesitz, und über Zuteilung von Papier und Druckkapazitäten konnte man Einfluss ausüben. In einem Brief, den Hegen am 21. Januar 1964 an den Verlag Junge Welt schrieb, gab er zu bedenken, dass es doch „devisenrentabler“ wäre, seine Comics (die er „Bilderromane“ nannte, als hätte er den Graphic-Novel-Boom vorausgeahnt) in schöner Form zu drucken und zu exportieren, statt weiterhin „bestes Tiefdruckpapier als Rohmaterial für die französisch-belgische Bildergeschichte ,Tintin’“ in den Westen zu verkaufen. Ja, Hegen war selbstbewusst: Mit „Tim und Struppi“, für dessen Druck die DDR jenes Papier lieferte, das Hegens Verlag nicht zugeteilt bekam, mochte er sich allemal vergleichen. Wie man in Leipzig sieht, war das nicht einmal Hybris. Im Zeitgeschichtlichen Forum sind mehr als 150 Originalzeichnungen aus Hegens Atelier ausgestellt, was schon spektakulär genug wäre, weil der Zeichner nie etwas nach außen gegeben hatte, bis er 2009 das gesamte Inventar nach Leipzig stiftete. Aber es gibt auch Raritäten wie eine englischsprachige Probeausgabe des „Mosaiks“ zu sehen, die nie ins Ausland verkauft werden konnte. Damit ist dem Westen einiges entgangen, denn anhand der Originale zeigt sich nun das hohe zeichnerische Qualitätsniveau, das der billige Rollenoffsetdruck nie erkennen ließ.
Mehr Zeitbild als Werkschau
Hegen hatte noch bis zum Mauerbau Comics als Anschauungsmaterial in West-Berlin gekauft, später bekam er vom DDR-Zoll Hefte zur Verfügung gestellt, die an der Grenze bei Einreisenden konfisziert worden waren. Dadurch entwickelte der frühere Disney-Bewunderer eine Vorliebe für den Stil der „Schule von Marcinelle“, die einige der größten belgischen Comicmeister umfasst. Für die großen Tableaus des „Mosaiks“ hätten sich auch André Franquin, Peyo oder Maurice Tillieux nicht schämen müssen. Und die Idee, eine Satire auf die antike Welt zu zeichnen, hatte Hegen schon vor „Asterix“ umgesetzt.
Die Ausstellung ist aber keine Werkschau, sondern ein Zeitbild. In ihrem Zentrum steht ein nachgebautes DDR-Kinderzimmer. Bevor sich von diesem Nukleus aus einzelne Kabinen öffnen, die jeweils einem der großen Erzählzyklen der Digedags gewidmet sind, passiert man andere Zeugnisse von Kindheit und Jugend im Sozialismus wie die „Gesetze der Thälmannpioniere“, die kontrastiert werden mit den Nonsens-Ritterregeln, die im „Mosaik“ von der beliebtesten Nebenfigur, dem Ritter Runkel, gelehrt wurden. Und es sind Letztere, die jene, die mit beiden groß geworden sind, heute noch im Kopf haben.
Der gegenseitige Überdruss wurde zu groß
Angriffen war Hannes Hegens Heft immer wieder ausgesetzt. In der Schau liegt eine Krankenakte, die fünf Knaben auflistet, die sich bei einer Schießpulverexplosion im August 1957 verletzten. Sie hatten das entsprechende Experiment der Digedags aus Heft 7 nachgemacht. Mehrfach stand das „Mosaik“ vor dem Aus. Für die Ausgabe 37 war 1959 schon ein fertiges Titelbild gezeichnet, das die sich traurig verabschiedenden Helden zeigt. Es musste nicht gedruckt werden.
1975 jedoch war der gegenseitige Überdruss von Hegen und dem Staat zu groß geworden. Die Drohung des Zeichners, bei einer Umfangkürzung den Vertrag zu kündigen, nahm der Verlag an. Mit Heft 223 war Schluss, und auf dem letzten Bild reiten die drei Kobolde auf Dromedaren in die Wüste: „Als die Digedags ihren Gastgebern ein letztes Lebewohl zuwinkten, da wussten sie, dass es dieses Mal ein Abschied für alle war, die sie kannten und die sie liebten“, steht darunter.
Aber nur Hegen und seine Frau Edith Szafransky, die eine seiner wichtigsten Mitarbeiterinnen war, hörten auf; der Rest des Kollektivs, der unter den Launen des Chefs oft gelitten hatte, zeichnete fortan die Abrafaxe, die den Digedags im „Mosaik“ folgten - auch drei kleine Zeit- und Raumreisende. Kein Wunder, dass der empörte Hegen gegen den Verlag auf Plagiat klagte. In der Ausstellung sieht man das für den Prozess selbst zusammengestellte Beweismaterial. Es kam 1977 - also in der DDR - immerhin zu einem Vergleich; Hegen zog sich zurück und verdiente sein Geld mit Diarollfilmen der Digedags.
Die Schau beleuchtet vor allem die Wirkung des Pioniers
Nach der Wende gab er 1990 ein einziges Interview und verbarg sich danach in seinem Haus in Berlin, wo auch all die Zeichnungen lagerten, die jetzt in Leipzig zu sehen sind. Zur jetzigen Ausstellungseröffnung reiste der Sechsundachtzigjährige aus gesundheitlichen Gründen auch nicht an, aber im aktuellen „Museumsmagazin“ des Hauses der Geschichte findet sich das zweite Interview mit ihm - eine Sensation, wenn auch eine eher kleine.
Die große ist die Ausstellung selbst, die auch die Wirkung beleuchtet, die weit über das Ende der Digedags hinaus in der DDR anhielt und heute in Ostdeutschland ungebrochen stark ist. Damit aber auch der Westen endlich erkennt, was das Land da für einen Pionier hervorgebracht hat, wird die Schau in kleinerer Form auf Wanderschaft gehen. Dann könnte der kleine Teil, der der Comicrezeption in der Bundesrepublik gewidmet ist, noch etwas ausgeweitet werden. Denn auch dort wurden zur gleichen Zeit wie in der DDR Comics verbrannt. Zu sehen sind Fotos und Berichte aus der westlichsten deutschen Stadt, aus Aachen, wo man 1958 nicht den Internationalen Tag des Kindes, sondern den Martinstag am 11. November als symbolischen Feuertermin wählte. Da war Hegen längst der Liebling der ostdeutschen Jugend. Jemand wie ihn hatte der Westen nie zu bieten.
Seltsam entrückte Darstellung
Peter Ahlfeld (ahlibaba2)
- 24.02.2012, 10:09 Uhr
Guter Artikel - schade um das Schlusswort
Wolf Roth (grandpa_wolf)
- 24.02.2012, 00:02 Uhr
Man sollte nie, nie sagen Herr A. Platthaus
Jörg Tiffert (Tiffy)
- 23.02.2012, 19:14 Uhr