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Comics in der DDR : Die Kobolde und ihr Pionier

Mit „Mosaik“ trat Hannes Hegen 1955 an, als der Comic in Ostdeutschland als Teufelswerk des Klassenfeinds galt. Eine Ausstellung im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig zeigt, wie das ging.

          Am 1. Juni 1955, dem Internationalen Tag des Kindes, ließ die DDR Comics verbrennen. Die Aktion war gut vorbereitet; man hatte Flugblätter gedruckt, die zum Beispiel so lauteten: „Bei Hitler waren es Wehrertüchtigungslager, heute ist es die Schundliteratur - frisch importiert aus den USA. Das Ziel ist die Vorbereitung der Jugend auf einen neuen Krieg. Das Ergebnis: Schlachtfelder, Atom- und Wasserstoffbomben, Massengrab.“ Man traute den westlichen Comics einiges zu. Deshalb wünschte das Zentralkomitee der SED sich eigene Comics.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Der erste erschien noch im selben Jahr. Im Dezember 1955 debütierte „Mosaik“, eine Heftserie, die drei Kobolde als Helden hatte, die beliebig durch Zeit und Raum reisen konnten, um den jungen Lesern aufklärerische Inhalte zu Geschichte und Technik zu bieten. Das erste Abenteuer führte nach Konstantinopel an den Hof des Sultans, also mitten in die schönste Feudalgesellschaft. Wenn es nach dem Wunsch der Machthaber in Ost-Berlin gegangen wäre, hätte dieser Comic ein ideologisches Schlachtfeld abgegeben: gezeichnete Bomben aufs Bürgertum, ein Massengrab für den Imperialismus. Doch nichts davon geschah. Das „Mosaik“ wurde ein riesiger Erfolg im Sozialismus, ohne je ein sozialistischer Comic zu sein.

          Verantwortlich dafür war eine einmalige Konstellation, die nun im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig auf vorbildliche Weise in einer Ausstellung aufgearbeitet wird. Dafür kann es auf einen nicht nur für Deutschland einmaligen Schatz zurückgreifen: 2009 wurde dem Forum das Archiv Hegenbarth geschenkt, und zwar von dem Mann, der das „Mosaik“ erfunden und zwanzig Jahre lang verantwortet hatte: Hannes Hegen. Aus seiner Feder kamen die Figuren Dig, Dag und Digedag (so die Namen der drei Kobolde), und er leitete bis 1975 das „Mosaik-Kollektiv“, das seinem sozialistisch geprägten Namen zum Trotz keine gemeinschaftlich verwaltete Comicproduktionsstätte war, sondern ein privates Atelier mit bis zu einem Dutzend Angestellten, die alle das zu tun hatten, was Hannes Hegen anordnete. Mit anderen Worten: Es war ein knallharter Privatbetrieb mitten in der DDR.

          Das Regime machte ihm das Leben schwer

          Hannes Hegen, 1925 geboren, heißt eigentlich Johannes Hegenbarth. Er stammt aus einer Familie, die mehrere Künstler hervorgebracht hat. Als er selbst von 1947 bis 1951 in Leipzig Kunst studierte, nannte er sich Hannes Hegen, um keinen Verwechslungen mit den schon bekannten Hegenbarths ausgesetzt zu sein. Er reüssierte auf humoristischem Gebiet, und als er die Figur des Rumpelmännchens für die staatlich organisierte Wertstoffsammlung entwarf, glaubte er sein Glück gemacht. Aber Hegen hatte versäumt, sich die Rechte an seiner Erfindung zu sichern. Diesen Fehler machte er nicht noch einmal, als er im Sommer 1955 Dig, Dag und Digedag entwickelte und einen Verlag für sie fand.

          Also war die beliebteste DDR-Comicserie, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs eine regelmäßige Auflage von 660 000 sofort vergriffenen Exemplaren erreichte, Privateigentum. Das Regime hatte jedoch noch genug Möglichkeiten, Hegen das Leben schwerzumachen, denn die Verlage, die das „Mosaik“ vertrieben (Neues Leben und Junge Welt), waren natürlich in Staatsbesitz, und über Zuteilung von Papier und Druckkapazitäten konnte man Einfluss ausüben. In einem Brief, den Hegen am 21. Januar 1964 an den Verlag Junge Welt schrieb, gab er zu bedenken, dass es doch „devisenrentabler“ wäre, seine Comics (die er „Bilderromane“ nannte, als hätte er den Graphic-Novel-Boom vorausgeahnt) in schöner Form zu drucken und zu exportieren, statt weiterhin „bestes Tiefdruckpapier als Rohmaterial für die französisch-belgische Bildergeschichte ,Tintin’“ in den Westen zu verkaufen. Ja, Hegen war selbstbewusst: Mit „Tim und Struppi“, für dessen Druck die DDR jenes Papier lieferte, das Hegens Verlag nicht zugeteilt bekam, mochte er sich allemal vergleichen. Wie man in Leipzig sieht, war das nicht einmal Hybris. Im Zeitgeschichtlichen Forum sind mehr als 150 Originalzeichnungen aus Hegens Atelier ausgestellt, was schon spektakulär genug wäre, weil der Zeichner nie etwas nach außen gegeben hatte, bis er 2009 das gesamte Inventar nach Leipzig stiftete. Aber es gibt auch Raritäten wie eine englischsprachige Probeausgabe des „Mosaiks“ zu sehen, die nie ins Ausland verkauft werden konnte. Damit ist dem Westen einiges entgangen, denn anhand der Originale zeigt sich nun das hohe zeichnerische Qualitätsniveau, das der billige Rollenoffsetdruck nie erkennen ließ.

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