02.03.2001 · Als Tim und Struppi die Welt betraten, kamen sie als Buch heraus. Aber erst Alben und Hefte brachten den Erfolg.
Von Peter ThomasEr raucht und trinkt kaum. Fleischeslust ist ihm fremd. Und „Sapristi“ ist heute auch kein Fluch mehr.
Irgendwie klingt das ziemlich farblos für eine Hauptfigur von Abenteuergeschichten. Doch der junge Reporter des katholischen Magazins „le petit vingtième“, der mit diesen Eigenschaften aufwartet, wurde zum Held mehrerer Lesergenerationen: Hergés „Tintin“ prägte über Jahrzehnte das Bild der francobelgischen Comics. Serien wie Astérix oder Gaston verneigen sich mit Anspielungen vor dem großen Klassiker der „9e art“. in diesen Wochen widmet ihm das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover die Ausstellung „Tim und Struppi. Ein Blick ins Atelier Hergé“.
Auch in Deutschland setzten die Comics des 1907 als Georges Prosper Remi Remi geborenen Zeichners Maßstäbe für die Rezeption des neuen Mediums. Gute Vorzeichen gab es für die erste Veröffentlichung der Abenteuer von „Tim und Struppi“ allerdings nicht. In Frankreich und Belgien hatte die Serie seit 1929 immer mehr Fans gewonnen und die Entwicklung einer eigenständigen Comic-Kultur angeregt. In Deutschland kamen moderne Comics erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Markt - zunächst als Einzelveröffentlichungen, ab 1950 dann auch in Serienform.
Schmuddelhefte
Doch die „Schmutz und Schund“-Kampagne“ privater wie institutioneller Jugendschützer stoppte in den 1950-er Jahren die Entwicklung einer Comic-Kultur. Mit der Einrichtung der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften 1954 kamen schwierige Zeiten für viele Serien auf. Gerade auf aktionsbetonte Comics wie die Piccolos des Lehning-Verlags hatten die Jugendschützer ein kritisches Auge.
Einen Ausweg hatte schon 1951 das „bunte Monatsheft“ des Ehapa Verlags gewiesen: Spannende, aber anspruchsvolle Geschichten - darunter vieles von Carl Barks. Exzellente Übersetzungen von Dr. Erika Fuchs. Und ein hervorragender Druck. Das machte „Micky Maus“ unverdächtig für die Zensur.
Für Tim und Struppi wählte das Brüsseler Verlagshaus Casterman nochmals einen anderen Weg: Die Comics sollten raus aus dem Kiosk und in die Buchhandlungen hinein. Als „Tim-Bücher“ beworben, kamen die Bände 1952 auf den Markt - als Hardcover mit Leinenrücken und zwanzig- bis dreißigmal so teuer wie ein Piccolo-Heft. Das war zwar zu teuer für die meisten Leser. Aber die spannenden Geschichten und der mittlerweile zur exquisiten „ligne claire“ gereifte Stil Hergés kamen beim Publikum gut an.
Beim zweiten Anlauf erfolgreich
Die Abdrucke der Abenteuer in Zeitungen und Magazinen, die der dänische Carlsen-Verlag für Hergé in Deutschland organisierte, waren entsprechend erfolgreich. So war es auch Carlsen, der 1967 die Serie zum zweiten Mal in Deutschland herausgab - und diesmal auch mit großem Erfolg: Mehr als zwölf Millionen Tim-Bände wurden bisher verkauft.
Die roten Alben für Leser zwischen sieben und 77 Jahren sind bis heute in bis zu 28 Auflagen erschienen. Die ständige Arbeit an der Edition markiert den Erfolg der bis zu 70 Jahre alten Comics in Deutschland:
In den vergangenen Jahren wurde die Reihenfolge der Alben umgestellt und die Chronologie der Originalausgaben übernommen. Als Ausgabe in der Reihe „Carlsen Classics“ erschien „Tim im Lande der Sowjets“, Hergés erste Geschichte um den jungen Reporter. Der Verlag brachte die erste kolorierte Fassung von „Die Schwarze Insel“ wieder heraus und gestaltete einen Sonderband zu Hergés Fragment gebliebener letzten Arbeit „Tim und die Alpha-Kunst“.
Die schwarzweißen Erstausgaben der belgischen Alben erschienen Mitte der 90er Jahre im Stil der ersten Tim-Bücher von Casterman. 1999 schließlich startete eine auf 19 Bände angelegte Werkausgabe. Noch immer, so sagt diese Editionspraxis, fasziniert der Reporter in Knickerbockerhosen seine Leser.
Ein Comic für brave Kids
Aber die Erfolgsgeschichte geht langsam zu Ende. Noch immer verkauft sich die Serie besser als viele andere Comics. Nur werden die Käufer immer älter - gleich ob in Comic-Läden oder Buchhandlungen. Die Jugendlichen wenden sich lieber Mangas zu, Tim ist keine Identifikationsfigur mehr. „Nur die braven Kids kaufen noch Tim und Struppi“, bestätigt ein Comic-Händler.
Die extrem dynamischen Bildgeschichten nach japanischem Muster entsprechen offenbar eher den Sehgewohnheiten einer von schnellen Videoclips medial sozialisierten Generation als Hergés klare Bilder. Die extreme Akribie, mit der Georges Remi seine Alben mehrfach überarbeitete, die umfangreichen Recherchen, die Grundlage seiner Serie waren und Hergés Kreativität im Umgang mit Farbe und Form, die er für die endgültige Druckfassung der Geschichten zügelte und in eine elegante Form zwang, sprechen für seine überragende Qualität.
Das alles im Museum zu präsentieren, scheint nicht nur eine Würdigung des großen Werks zu sein, sondern ebenso ein Ausdruck der Leserhaltung: Für viele ist der große Klassiker museumsreif.