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Comic Tim im Gestrüpp der Geschichte

12.07.2004 ·  Das "Tim und Struppi"- Abenteuer "Im Reiche des Schwarzen Goldes" wird in seiner Urfassung wieder aufgelegt. Dabei zeigt sich, wie politisch die Comics einst waren.

Von Andreas Platthaus
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Das "Tim und Struppi"-Abenteuer "Im Reiche des Schwarzen Goldes" stand unter keinem guten Stern. Der Zeichner Georges Remi alias Herge brauchte drei Anläufe, um die Geschichte in die Form zu bringen, die sie heute hat, und darüber vergingen 32 Jahre. Am Schluß, im Jahr 1971, kam eine Handlung heraus, die kaum noch etwas mit dem zu tun hatte, was Herge 1939 geplant hatte.

"Im Reiche des Schwarzen Goldes" sollte ursprünglich die Kette von zeitaktuellen "Tim und Struppi"-Comics fortsetzen, die 1934 mit "Der blaue Lotus" eingesetzt hatte, als Herge seinen Reporterhelden mitten in den Chinesisch-Japanischen Krieg entsandte. Damals entfremdete der Zeichner sich von seinen klerikal-konservativen Förderern bei der Tageszeitung "Le Vingtieme Siecle", für die er zeichnete, weil Tim sich auf die Seite der angegriffenen Chinesen stellte. Die europäische Rechte drückte dagegen Japan die Daumen. Und deren belgische Führungspersönlichkeiten hielten Herge für einen der Ihren, seit der Zeichner mehrere Bücher des rechtsextremen Publizisten Leon Degrelle mit Titelillustrationen versorgt hatte.

Doch Herge erfüllte damit nur eine Freundespflicht, seine eigene Einstellung gegenüber den weltweit reüssierenden nationalistischen Bewegungen blieb durch eine tiefe Religiosität geprägt und dementsprechend skeptisch.

Notdürftig kaschierte Parabel

Vor allem "König Ottokars Zepter", 1938/39 erschienen, erregte Aufsehen, weil die Handlung um einen Putschversuch in dem fiktiven Balkanstaat Syldavien als nur notdürftig kaschierte Parabel auf die Unruhen im Königreich Jugoslawien gelesen wurde. Mit der Nachfolgegeschichte zu diesem Abenteuer wollte Herge solche Aktualitätsbezüge wiederaufnehmen und wählte den internationalen Streit um die Ölvorräte des Nahen Ostens zum Gegenstand. Im unmittelbaren Vorfeld des Zweiten Weltkriegs wurden die dortigen Rohstoffquellen immer wichtiger.

Als die letzte Folge von "König Ottokars Zepter" am 10.August 1939 im "Le Vingtieme Siecle" erschien, war der zweiunddreißigjährige Herge als Leutnant der Reserve im belgischen Heer einberufen worden, um die Grenzen gegen einen etwaigen deutschen Angriff zu sichern. Da der belgische König jedoch sofort die Neutralität seines Landes verkündete, wurde Herge bereits Mitte August wieder demobilisiert und begab sich ans Zeichenbrett, um die ersten Folgen von "Im Reiche des Schwarzen Goldes" anzufertigen.

Der Auftakt erschien am 28.September 1939, und auf dem Titelblatt von "Le Petit Vingtieme", der Kinderbeilage zu "Le Vingtieme Siecle", war zu lesen: "Tintin est revenu!" - Tim ist zurückgekehrt. Darunter zeichnete Herge einen uniformierten Tim, der begeistert seinen Demobilisierungsbescheid präsentiert. Dieses Motiv war nicht nur autobiographisch, es gab der Stimmung eines ganzen Landes Ausdruck, das nach den bitteren Erfahrungen des Ersten Weltkriegs das Gefühl hatte, diesmal davongekommen zu sein.

1939 ein heißes Eisen

Im neuen Abenteuer wurde Tim mit einer Serie von Sabotageakten an den belgischen Benzinvorräten konfrontiert, die allerdings keinen direkten Bezug zum bereits ausgebrochenen europäischen Krieg herstellten. Erst als Herge 1948 die Geschichte ein erstes Mal umarbeitete, wurden die bis heute darin enthaltenen Dialoge zur Kriegsgefahr eingefügt, die 1939 gar nicht nötig waren, um den Kontext der Anschläge klarzumachen. Alsbald macht sich Tim zur Klärung der Treibstoffmanipulationen auf nach Palästina, wo er in die Auseinandersetzungen zwischen britischer Mandatsmacht, jüdischen Unabhängigkeitskämpfern und arabischen Fürsten gerät.

Das war 1939 ein heißes Eisen, denn schon damals wurde der Kampf ums Heilige Land vor allem mit Waffen ausgetragen. Und 1948, als Herge sich wieder an die Geschichte machte, war das Thema durch die im selben Jahr erfolgte Gründung des Staates Israel noch aktueller geworden. Heute dagegen findet sich in den aktuellen "Tim und Struppi"-Ausgaben keine Spur mehr von diesen Auseinandersetzungen. Denn als "Im Reiche des Schwarzen Goldes" 1971 in England publiziert werden sollte, regte der britische Verlag an, alle Szenen, die in Palästina spielen, zu überarbeiten, um den längst veränderten politischen Verhältnissen Rechnung zu tragen.

Erfordernissen der Gegenwart angepaßt

Herge war stets bestrebt, seine alten Comics den Erfordernissen der Gegenwart anzupassen - mehrfach hatte er die Dekors von Geschichten modernisiert. Aber inhaltliche Änderungen hatte er bislang kaum vorgenommen. Diesmal ließ er sich breitschlagen und änderte jene Seiten, die auf den palästinensischen Konflikt Bezug nahmen. Statt von britischen Soldaten im Schottenrock wird Tim seit 1971 von arabischer Militärpolizei abgeführt, entführt wird er seitdem nicht mehr von jüdischen, sondern von arabischen Partisanen, und die gesamte Handlung wurde aus Palästina ins fiktive Emirat Khemed verlegt.

Dadurch wurde der Geschichte ein Großteil ihres Reizes genommen, und die heute wieder so aktuellen Szenen zum muslimisch-jüdischen Konflikt oder zu den Konflikten einer westlichen Besatzungsmacht in Nahost fielen der Unkenntlichmachung des Handlungsortes zum Opfer. Immerhin aber wird in diesem Herbst in Frankreich die 1948 fertiggestellte Version mit all diesen Elementen erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten wieder erscheinen. Auch sie jedoch wird nicht die ganze Geschichte des Albums "Im Reiche des Schwarzen Goldes" erzählen.

Dazu muß man zurück ins Jahr 1939. Herge wurde am 28.Dezember abermals zur Armee einberufen. Zur gleichen Zeit erschien auf dem Titelblatt des "Petit Vingtieme" sein Neujahrsgruß an die Leser: die Zeichnung einer großen Kiste mit der Aufschrift "1940", aus der zur Freude der umstehenden Figuren, darunter auch ein deutscher Wehrmachtssoldat, eine Friedenstaube auffliegt. Eine eitle Hoffnung, denn die Lage wurde immer bedrohlicher, und die militärischen Einsätze des Zeichners unterbrachen mehrfach die Weiterführung des aktuellen "Tim"-Abenteuers. Bis Mitte April 1940 mußte Herge mehrere Fortsetzungen ausfallen lassen, und beim letzen Mal ließ er eine Erklärung ins Blatt rücken: "Ich verspreche euch, daß ihr unsere beiden Helden in unserer Ausgabe vom nächsten Dienstag finden werdet, sofern nicht Unvorhergesehenes geschieht (Erdbeben, Flutwelle, Tornado oder Bombardierung)."

Das Unvorhergesehene

Keinen Monat später geschah das Unvorhergesehene: Die deutschen Truppen fielen am 10.Mai 1940 in Belgien ein, Brüssel und andere Städte wurden bombardiert. Herge floh nach Frankreich und kehrte erst am 28.Juni, nach der belgischen und der französischen Kapitulation, nach Brüssel zurück. Weitere Folgen von "Im Reiche des Schwarzen Goldes" aber erschienen nicht mehr, und die letzten beiden vor dem deutschen Einmarsch fertiggestellten Seiten sollten auch nie gedruckt werden. Die Leser mußten die Geschichte verlassen, als Tim gerade, dem Verdursten preisgegeben, in der Wüste lag.

Da hatte Herge noch nicht einmal den heikelsten Punkt seiner Erzählung erreicht: den Auftritt des deutschen Saboteurs Müller, den "Tim"-Lesern schon aus einem früheren Abenteuer bekannt. Herge hätte damit eine zusätzliche politische Komponente in seine Handlung gebracht. Unter deutscher Besatzung war es natürlich unmöglich, diesen Verlauf der Geschichte fortzuschreiben, zumal "Le Vingtieme Siecle" von den Besatzern eingestellt wurde.

Herge fand ein neues Engagement bei der Tageszeitung "Le Soir", einem der angesehensten Blätter Belgiens. Dort wurde eine Kinderbeilage lanciert, in der "Tim und Struppi" weitergeführt werden sollten. Doch Herge entwickelte zum Start am 17.Oktober 1940 eine ganz neue Geschichte: "Die Krabbe mit den goldenen Scheren". Aus guten Gründen ließ er "Im Reiche des Schwarzen Goldes" ruhen. Einmal war die Handlung für ihn gefährlich, weil sie zu deutlich auf die Kriegszeit bezogen war, zum anderen mußte der ungleich größeren Leserschaft von "Le Soir" ein Einstieg in die Serie ermöglicht werden; das fiel mit einem neuen Abenteuer leichter.

Der Held diesmal in Zivil und aus Frankreich

Wieder hatte das Titelbild der ersten Folge Signalwirkung, sogar im gleichen Wortlaut wie ein Jahr zuvor: "Tim ist zurückgekehrt". Nur kam der Held diesmal in Zivil und aus Frankreich - ganz wie Herge und eine Million weiterer Belgier, die vor den Deutschen geflohen waren. Tim war wieder Symbol der Nation, auch in der Sorglosigkeit, die er auf dem Bild ausstrahlt. Diese sichtbare Freude seines Helden bei der Rückkehr in die besetzte Heimat wurde Herge später bitter verübelt.

Vier vollständige "Tim und Struppi"-Geschichten erschienen in den Jahren der deutschen Besatzung, keine davon thematisierte mehr aktuelles Kriegsgeschehen. Trotzdem wurde Herge nach der Befreiung am 3.September 1944 kurzfristig als Kollaborateur festgenommen, weil er für den von den Besatzern kontrollierten "Soir" gearbeitet hatte. Er erhielt ein unbefristetes Berufsverbot. Sein Ruf war ruiniert, aber der Zauber von "Tim und Struppi" immer noch lebendig. Kollegen und Freunde betrieben die Gründung eines neuen Comicmagazins, das "Tintin" (der französische Name Tims) heißen sollte. Ohne Abenteuer der Titelfigur war das Projekt undenkbar, und der ökonomische Reiz des Vorhabens überwog die Bedenken der Behörden. Herge wurde eine Arbeitserlaubnis erteilt. Am 26.September 1946 erschien die erste Ausgabe von "Tintin" und setzte das fast genau zwei Jahre zuvor mit der Befreiung Belgiens abgebrochene Abenteuer "Die sieben Kristallkugeln" fort.

Aktualität beinahe unheimlich

Als diese Episode und deren Fortsetzung "Der Sonnentempel" im April 1948 beendet waren, suchte Herge nach neuem Stoff. Jetzt wurde "Im Reiche des Schwarzen Goldes" wieder aus der Schublade gezogen. Immerhin war ein Drittel der Handlung fertig und die Aktualität des Stoffes beinahe unheimlich. Die alten Schwarzweißfolgen zeichnete Herge teilweise neu, und im Februar 1950 brachte er die Geschichte tatsächlich zuende.

Fast wäre auch das nicht gelungen. Im August 1949 setzte Herge sich mitten in der Arbeit für fast drei Monate in die Schweiz ab und plante seine Auswanderung nach Südamerika, weil ihm die politische Stimmung in Belgien Sorgen machte. Sein Freund Jacques Van Melkebeke, wichtiger Helfer bei der Gründung von "Tintin", war Ende 1947 nachträglich wegen Kollaboration zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt worden, und Herge war sich seines eigenen Falles keineswegs sicher. Private Probleme kamen hinzu. In der Zeitschrift kaschierte man die ausbleibenden Fortsetzungen durch ein bemüht witziges Suchspiel nach Herge, das immer wieder seine Figuren auftreten ließ, um die Rückkehr des Zeichners zu fordern.

Vorabdruck ohne Vorgeschichte

In der Einleitung zum Vorabdruck dieser Version von "Im Reiche des Schwarzen Goldes", der derzeit im "Figaro Magazine" läuft, werden die Kriegseinflüsse vollständig verschwiegen. Das paßt zur Politik der Fondation Herge, die das Erbe verwaltet: Herges immer noch umstrittene Rolle im Zweiten Weltkrieg soll tunlichst aus der Debatte gehalten werden.

Aber man kann nicht die Umstände vernachlässigen, die zur zunächst elfjährigen Arbeit an "Im Reiche des Schwarzen Goldes" führten und dann die Umarbeitung von 1971 ermöglichten. Herge wird froh gewesen sein, nun auch dieses Abenteuer in die fiktive Welt zu übertragen, in der sich Tim seit 1940 überwiegend bewegt hatte. Die Geschichte als Quelle hatte ausgedient, die Geschichte von "Tim und Struppi" ging immer weiter.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.07.2004, Nr. 28 / Seite 43
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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