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Klassiker der Comic-Literatur : Faustrecht als graphisches Erzählideal: Batman

Bild: DC

Wenn große Medienunternehmen den Individualismus und die Selbstjustiz verkaufen: Batman darf nicht altern. Der Superheld ist zur begehrtesten Figur der namhaftesten amerikanischen Zeichner geworden.

          Wenn Batmans Erfinder solche Kerle wie Batman gewesen wären, wüßten wir von Batman nichts. Nicht nur die psychologischen Voraussetzungen dafür, daß man sich als fliegende Höhlenratte verkleidet und gewalttätig Leuten das Leben schwermacht, die ihren Unterhalt mit Glücksspiel, Rauschmittelhandel, Raubmord und Geschlechterverleih bestreiten, sind denkbar ungeeignet, ein zivilisiertes Publikum anzusprechen und zu gewinnen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch mit dem Sozialen hapert's: Batman kann den Ball nicht abgeben, er will immer alles alleine machen, selbst wenn ihm dabei hin und wieder irgendwelche verführten Jugendlichen im Robin-Kostüm zur Hand gehen - ein Beruf, bei dem man buchstäblich Kanonenfutter ist und dem Abschaum der Menschheit zum Fraß vorgeworfen wird, zum Beispiel jenen Comic-Lesern, die 1988 in einem beispiellos zynischen Plebiszit per Telefon entscheiden durften, ob Jason Todd, der zweite Robin, sein aktuelles Abenteuer an Batmans Seite überleben sollte.

          Das Hirn voll Wut

          Daumen runter, Verkäufe rauf: Der Junge ging hops, der Verlag verdiente. In einer Welt, die dermaßen lieblos eingerichtet ist, bringt man fast Verständnis auf für den „dunklen Ritter“ (Verlagswerbung) und seinen verbitterten Unwillen, jene Fragen von Rache und Gerechtigkeit, die ihn umtreiben, irgendwelchen existierenden Institutionen anzuvertrauen - besser, man lauert den Verbrechern in dunklen Nebenstraßen auf, das Hirn voll Wut, die Faust geballt, den Gürtel voller Rauchbomben, Nervengiftkapseln, elektrischer Wurfgeschosse und selbstklebender Säureblasen.

          Bild: DC

          Seit 1969, als der erste Robin aufs College geschickt wurde, haben die Eigentümer des eingetragenen Warenzeichens „Batman“ wohlwollend dabei zugesehen, wie die Autoren und Zeichner, die dazu da sind, den Wert der Marke zu verwerten, diesen Batman der menschlichen Gesellschaft immer ärger entfremden. Ein erster Höhepunkt der Höllenfahrt ins komplett Asoziale war 1986 Frank Millers herrliche Rechtsstaatsverhöhnung „The Dark Knight Returns“, in der Batman nicht nur den Joker, sondern gleich die ganze zivilgesellschaftliche und staatliche Ordnung der Vereinigten Staaten von Amerika zusammenfalten durfte, inklusive donnernden Showdowns mit dem spritzigsten Symbol des American way of life, dem braven, stumpfen und leutseligen Kätzchen-aus-dem-Baum-Holer und Alte-Damen-über-die-Straße-Träger Superman höchstselbst.

          Das Leiden der gefolterten Hauptfigur

          Daß Batman der Geselligkeit und Kooperativität nicht zuletzt deshalb entsagt hat, weil man ihn nur so für eine der ehrwürdigsten Aufgaben des seit dem Gilgamesch-Epos die Menschen beschäftigenden Heldenwesens präparieren konnte, nämlich all das einstecken und verschmerzen zu müssen, was unserer vielen Verfehlungen wegen eigentlich „uns allen“ an kosmischer Kloppe zustünde, wurde Anfang der Neunziger in einer weiteren Verfinsterung von Batmans Geschick überdeutlich: Selbst die neue Zeichentrick-Inkarnation, ansonsten der klassische Ort der nettestmöglichen Weichspül-Versionen etablierter Comic-Protagonisten, summte plötzlich vor schwerer Düsternis und den argen Leiden der gefolterten Hauptfigur.

          Im Heftchen schlug man Batman während der „Knightfall“-Saga 1993 sogar zum Invaliden: Er saß gelähmt im Rollstuhl, biß die Zähne zusammen und arbeitete an dem, was er seinen Feinden nie gegönnt hat: der Rehabilitation, aus der er dann 2001 in „The Dark Knight Strikes Again“, einer weiteren Frank-Miller-Geschichte, als keineswegs geläuterter, sondern noch viel schlimmerer, nun sogar gegen seine eigene Heldenvergangenheit wütender Staatsfeind hervorging: „Ich war sentimental“, erklärt er schulterzuckend - eine Behauptung, der sich diverse Gangster, denen er seinerzeit in die Hintern getreten oder die Kiefer gebrochen hat, eher nicht anschließen würden.

          Warum ging er nicht zur Polizei?

          Eine nie erzählte Batman-Geschichte könnte davon handeln, warum Bruce Wayne, der Millionär, der zum dunklen Ritter wurde, um den Tod seiner Eltern zu rächen, nicht einfach statt dessen zur Polizei oder in die Politik gegangen ist. Sie müßte ein Gespräch mit Batmans einzigem Ansprechpartner im existierenden Gefüge von Recht und Ordnung enthalten, mit dem Polizeikommissar (und späteren Polizeichef) Gordon. Jener könnte etwa sagen: „Es ist schon seltsam, daß du ausgerechnet mich zum Repräsentanten der Polizei in deinem Verbrechensbekämpferleben ausgewählt hast. Ich bin kein typischer Polizist und habe, wie du weißt, häufig Ärger mit meinen Kollegen, weil ich viel vom Prinzip ,Auge um Auge' halte und von der Unbestechlichkeit.“

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