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Klassiker der Comic-Literatur : Eine amerikanische Revolution: Die Fantastischen Vier

Hier mal nicht unsichtbar: Susan Storm Bild: Marvel

Sie bilden eine Schicksalsgemeinschaft, die einander ewig aushelfen muß: „Die Fantastischen Vier“ von Jack Kirby sind Erneuerer des Comic-Genres und Pioniere des amerikanischen Nationalgeistes.

          Der Ökonom und Historiker Walt W. Rostow veröffentlichte 1958 einen Aufsatz über den „nationalen Stil“ Amerikas. Er verstand darunter eine charakteristische Art und Weise des Zugangs zur Welt und des Zugriffs auf die Dinge.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Wie die Kunstgeschichte von Stil spricht, wo Motive zu Formeln werden und glücklich gefundene Lösungen der Meister für Generationen von Schülern verbindlich bleiben, so suchte Rostow eine amerikanische Handschrift in der Ordnung des Lebens und der Gestaltung der Gesellschaft, bewährte Muster des Umgangs mit neuen Herausforderungen. Prägend war die Erfahrung der Besiedlung des Kontinents: die Erschließung natürlicher Reichtümer in ungesichertem Gelände. Den freien Mann, der auf eigene Rechnung arbeitete, schloß sich mit seinesgleichen zur Gefahrenabwehr zusammen - bis die Gefahr gebannt war.

          Empirisch und pragmatisch

          Uramerikanisch ist die Kunst des Neuanfangs, das Ethos des Pioniers, der provisorische Vorkehrungen trifft, um ad hoc das Nötigste tun zu können. „Der Mann, der sich darauf verstand, drängende materielle Probleme zu lösen, ein produktives Unternehmen profitabel zu organisieren und die tagtäglichen Kompromisse des örtlichen sozialen und politischen Lebens effektiv zu handhaben, stieg auf diese Weise im Ansehen; seine operative Denkungsart beherrschte am Ende die amerikanische Szene, ein Denken mit einer Vorliebe für Individuen, die konkrete, spezielle Probleme einschätzen, empirisch in der Methode, pragmatisch in den Lösungen.“

          Die vier Helden, die drei Jahre nach der Publikation von Rostows Aufsatz im ersten Heft des nach ihnen benannten Comicheftes die Arbeit aufnahmen, wurden als Erneuerer des Genres angepriesen und angenommen. Dabei erfüllen sie die Definition von Rostows Nationalgeist, als wär's eine Stellenbeschreibung, bei der der erfolgreiche Bewerber vorher schon feststeht. Mr. Fantastic, Die Unsichtbare, Die Fackel und Das Ding tragen blaue Ganzkörperanzüge aus elastischem Kunststoff, versehen mit dem Wappen oder besser Markenzeichen der Gruppe, der durch einen Kreis eingefaßten Ziffer Vier - Uniformen einer Modernität, die nicht erst dem heutigen Betrachter repräsentativ für den Stil der sechziger Jahre erscheint, sondern von vornherein parodistisch gemeint war. Unter den hauchdünnen, aber undurchsichtigen Supertextilien zeichnen sich die Konturen des alten neuen Menschen ab. Pioniere sind die Fantastischen Vier, weil sie ihren ererbten Reflexen vertrauen. Ihr Debüt war eine amerikanische Revolution.

          Erhellende Sichtweisen

          Nun ist Reed Richards ein Wissenschaftler. Bedeutungslos sind für Gelehrte äußere Erfolge, wie sie Chroniken amerikanischen Stils füllen. Für sie sind andere Gesichtspunkte wichtig, Gesichtspunkte eben, kühne Perspektiven und erhellende Sichtweisen, und so widmet sich Dr. Richards im obersten Stübchen des Baxter-Hochhauses in New York standesgemäß der Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält. Soweit die Theorie des theoretischen Lebens. In der Praxis müssen sich Richards und seine Assistenten mit dem herumschlagen, was die Welt im äußersten Fall auseinanderreißt. Dieser Fall droht in jedem Augenblick einzutreten. Man braucht nur den Fernseher anzuschalten, das Fenster zu öffnen oder ein Comicheft. Sofort sieht man einem Invasor aus dem Weltraum ins Auge, einem Negerhäuptling oder einem Strippenzieher, der es auf die Beseitigung der Menschheit abgesehen hat. Oder natürlich einem verrückten Professor.

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