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Klassiker der Comic-Literatur : Der gezähmte Anarchist: Micky Maus

Bild: Abbildung aus dem vorgestellten Band

Ein Opfer seines Erfolgs: Micky hat sich vom wilden Tier zur Saubermaus gewandelt. Die Abenteuer der berühmtesten aller Comic-Figuren sind ohne Zahl, doch es gibt einige, die alle Erwartungen übertreffen.

          Ein Abenteurer? Das hätte man Micky Maus nicht an der Wiege gesungen. Der Legende nach wurde die berühmteste Maus der Welt in einer Garage geboren, wohin sich Walt Disney und Ub Iwerks im Februar 1928 zurückgezogen hatten, um sich eine neue Trickfigur auszudenken. Dabei sollen sie einen kleinen Nager beobachtet haben, der ihnen die Idee eingab, und Disneys Frau Lilian wischte den ersten Namensvorschlag „Mortimer“ resolut vom Tisch: „Zu altertümlich. Nennt ihn doch Micky.“

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Diese Legende hat mehrere Haken. In der berühmten Garage, wo Disney 1923 im dritten Anlauf endlich ein erfolgreiches Unternehmen gegründet hatte, arbeitete man 1928 längst nicht mehr. Andere Überlieferungen wollen überdies wissen, daß es Disney allein war, der sich auf einer Zugfahrt quer durch die gesamten Vereinigten Staaten die Maus ausgedacht hat. Und die Wahl fiel deshalb auf diese Spezies, weil alle anderen halbwegs niedlichen Tiere als Trickfiguren schon vergeben waren: Katzen, Hunde, Kaninchen kamen somit nicht in Frage. Mäuse hatte Disney in den letzten Jahren aber schon häufig als skurrile Nebenfiguren in seinen Arbeiten untergebracht. Da dürfte die Entscheidung nicht allzu schwer gefallen sein.

          Ein unerzogener Knabe

          Nur der Bericht von der Taufe des neuen Hoffnungsträgers scheint nachvollziehbar. „Micky“, das hat tatsächlich einen jugendlichen Klang, und in seinem ersten Film, der die Leinwand erreichte, benahm er sich auch wie ein unerzogener Knabe. Als Matrose eines Mississippi-Dampfers knutschte er während des Dienstes mit seiner Freundin Minnie herum, widersetzte sich den Weisungen des Kapitäns, mißbrauchte die aus allerlei Getier bestehende Fracht für einige Dummejungenstreiche und war im großen und ganzen somit als ein Charakter eingeführt, der mit „leichtfertig“ wohl noch euphemistisch beurteilt wäre. Keinesfalls hätte man von diesem Tunichtgut Heldentaten erwartet.

          Doch Micky wurde ein Opfer seines Erfolges. Als das ganze Land über die Kinospäße der Maus jubelte, regten sich alsbald auch die in Amerika allgegenwärtigen Tugendwächter. Elternverbände verwahrten sich gegen eine Leinwandfigur, die halbnackt herumlief (was im Falle von Minnie naturgemäß als noch etwas heikler angesehen wurde) und zugunsten von Schabernack auf Ordnung und guten Geschmack pfiff. Disney vernahm es mit Sorge. Denn wenn man ihm auch nicht nachsagen kann, daß er ein begnadeter Zeichner gewesen wäre, so war er gewiß ein blendender Organisator und Vermarkter, der genau wußte, daß einem Massenphänomen nichts Unangenehmeres drohen kann als üble Nachrede. Seine Micky Maus, die er als Retterin der eigenen Existenz vergötterte, durfte nicht wieder untergehen.

          Aus der Schußlinie

          Deshalb ließ er Micky im Film immer wieder neue Gefährten zugesellen, die all die wilden oder naiven Eigenschaften übernahmen, die die Maus so beliebt gemacht hatten: Pluto erbte die Rolle des Prügelknaben, Goofy die des Dummerchens, Donald Duck die des Cholerikers. Alle diese Helfer übernahmen bald selbst Hauptrollen, denn selbstverständlich sind bedauernswerte, schlichte oder zornige Gemüter viel interessanter als ein Musterknabe, wie ihn Micky Maus nun gab. Zur Freude Disneys gelang es aber durch diesen Kniff, das Publikum bei der Stange zu halten. Und sein Micky war aus der Schußlinie heraus.

          Allerdings auch aus dem Scheinwerferlicht. Die Filme liefen immer schlechter, weil sie langweilig wurden. Meist waren die Handlungsorte auf eine biedere ländliche Umgebung beschränkt, mit der Disney das große Publikum im Mittleren Westen, woher er selbst stammte, ansprechen wollte. Doch zur gleichen Zeit setzte der 1930 ins Leben gerufene Comic strip mit Micky Maus zu einem erzählerischen und graphischen Höhenflug an, der seine Titelfigur aus einem kleinstädtischen Amerika in die große Welt katapultierte, und diese Parallelaktion, die mit der Filmabteilung bei Disney nicht abgesprochen war, verdankt sich vor allem dem Zeichner Floyd Gottfredson.

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