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Klassiker der Comic-Literatur : Amerikas wichtigster Zeichner: Will Eisner

Bild: 2005 by DC Comics, Artwork and The Spirit TM and © Will Eisner

Er ist der wichtigste Zeichner des amerikanischen Comics: Will Eisner, der den geheimnisvollen Detektiv „The Spirit“ erfand, hat mit seinen Comic-Romanen eine ganz neue Form geschaffen.

          Das wirklich wichtige Jahr in Will Eisners Karriere war nicht 1940, und die wirklich wichtige Entscheidung war demnach auch nicht die, seine Serie „The Spirit“ zu entwickeln, die ihm für zwölf Jahre den Platz auf dem Thron der amerikanischen Comic-Zeichner sicherte. Nein, die wirklich wichtige Entscheidung wurde ganz beiläufig 1972 getroffen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Eisner war damals Eigentümer eines Schulbuchverlags in Florida, zeichnete nur noch gelegentlich Illustrationen für dessen Produkte und hatte das Comic-Metier längst hinter sich gelassen. Eines Tages, erinnerte er sich 2004, kündigte ihm seine Sekretärin den Anruf eines gewissen Phil Seuling an, von dem Eisner noch nie zuvor gehört hatte. Wie sich herausstellte, richtete Seuling in New York eine Comic-Messe aus - eine jener winzigen lokalen Veranstaltungen, auf denen sich ein paar hundert Afficionados gegenseitig ihrer Liebe zu den Superhelden versicherten, Hefte tauschten und deren abseits dieser Fankreise weitgehend unbekannten Autoren feierten. Seuling glaubte, daß auch Eisner Spaß daran finden könnte, sich ein wenig umjubeln zu lassen.

          Waren Sie einmal Comic-Zeichner?

          Daß der so Umworbene als hinreichend unbekannt gelten konnte, erwies schon die fassungslose Frage seiner Sekretärin: „Waren Sie wirklich einmal Comic-Zeichner?“ Ihr Chef mußte von Seuling überredet werden, aber was er dann auf der Messe erlebte, versöhnte ihn mit der Anreise: „Zu meinem Erstaunen liefen da Kerle herum, die Hefte aus der Serie mit sich herumtrugen, die ich vor zwanzig Jahren beendet hatte. 1952 war der letzte ,Spirit' erschienen, und jetzt schrieben wir 1972, und diese kleinen dicken Knaben mit pickligen Gesichtern, heraushängenden Bäuchen und Brillengläsern, die wie der Boden einer Colaflasche aussahen - diese Knaben trugen meine Comics bei sich. Und dann traf ich dort natürlich Denis Kitchen, Art Spiegelman und Spain Rodriguez und all diese Underground-Hippies mit langen Haaren und glasigen Augen und einem ziemlich seltsamen Geruch um sich herum.“

          Bild: 2005 by DC Comics, Artwork and The Spirit TM and © Will Eisner

          Doch das Treffen mit diesen typischen „Geeks“, wie die kompromißlosen Verehrer der Populärkultur heute genannt werden, hatte für Eisner gravierende Folgen. Die drei Herren, die er namentlich nannte, mochten zwar auch etwas seltsam riechen, aber sie zählten schon damals zu den wichtigsten Comic-Schaffenden in Amerika. Denis Kitchen sollte ein Jahr später Eisners Verleger werden, Art Spiegelman ihn in seinen Comic-Vorlesungen zum großen Modernisten des Genres erklären, und die Arbeiten von Spain Rodriguez überzeugten Eisner, daß es immer noch Pioniere unter den Comic-Zeichnern gab. Plötzlich nahm er wieder Anteil an einer Branche, in der er fast zwanzig Jahre lang tätig gewesen war - um dann zwanzig Jahre auszusetzen. Und wie es der Zufall wollte, wurde er ein paar Tage später gefragt, ob er seinen Verlag nicht verkaufen wollte. Eisner sagte ja und begann seine zweite Comic-Karriere.

          Er füllte den „missing link“

          Zunächst hatte er gar nicht vor, sich noch einmal selbst an neuen Geschichten, geschweige denn Erzählformen zu versuchen. Denis Kitchen sorgte mit seinem Verlag „Kitchen Sink“ für Neuausgaben der „Spirit“-Geschichten, die nicht nur von Spiegelman, sondern auch von anderen Comic-Historikern wie Les Daniels oder Bill Blackbeard als Vorläufer all der graphischen und erzählerischen Errungenschaften gefeiert wurden, die gemeinhin erst den Superhelden-Comics der sechziger Jahre zugeschrieben wurden. Eisner füllte die Stelle des „missing link“ zwischen Zeitungscomic und Comic-Heften aus, weil das von ihm 1940 entwickelte Supplement, in dem unter anderem auch „The Spirit“ zum Abdruck gekommen war, Zeitungen beilag, aber wie ein Comic-Heft aufgebaut war.

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