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Comic-Kunst Wechselt Genres wie Hemden: Lewis Trondheim

13.10.2002 ·  Unerschöpflicher Ideenproduzent: Der Comic-Künstler Lewis Trondheim zeichnet pro Jahr zwei Bücher und liefert Kollegen die Ideen für zehn weitere.

Von Paul Brodowsky
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„Zum Glück bin ich Comic-Zeichner von Beruf“, erzählt Lewis Trondheim auf der Buchmesse im Gespräch mit FAZ.NET, „als Kleiderverkäufer hätte ich mich ganz schön gelangweilt.“ Auf dem Weg nach Frankfurt hatte sich sein Abflug in Montpellier um einige Stunden verzögert. „Ich hatte die Wahl: Entweder ich tigere vier Stunden herum oder ich setze mich hin und zeichne, was mir gerade passiert.“

Die Frankfurter Buchmesse hat dem französischen Comic-Künstler Lewis Trondheim dieses Jahr eine Einzelausstellung gewidmet, in der man die Originalzeichnungen verschiedener Projekte unter die Lupe nehmen kann. Wenn Trondheim sich in seinen Comics selbst auftauchen lässt, dann als eine Art Adler: hohe Stirn, überdimensionierter Schnabelmund, am Hinterkopf ein paar Federn. Ernst blickt der Comic-Trondheim aus schmalen Augen, nachdenklich und brütend. Wenn man den echten Trondheim trifft, fallen einem sofort Ähnlichkeiten auf: glänzende Denkerstirn, spärliches Haupthaar, krumme Nase. Er sieht mehr nach einem Physiklehrer aus als nach einem Comickünstler. Der Eindruck ändert sich schlagartig, wenn man anfängt, sich mit ihm zu unterhalten: Dann zeigt Trondheim einen fast jungenhaften Charme, lächelt mit einer Mischung aus Selbstbewusstsein und Understatement.

Wechselt Genres wie Hemden

Lewis Trondheim gehört zu den innovativsten und produktivsten Zeichnern der französischen Szene. Jährlich erscheinen von ihm zwei Bücher, für etwa zehn weitere liefert er die Szenarios und überlässt die Reinzeichnungen Kollegen. Das ist ungefähr so, als würde ein Regisseur zwei Filme im Jahr selber machen und für zehn weitere die Drehbücher schreiben. Das Faszinierende an Trondheims OEuvre ist, dass er immer wieder völlig neue Projekte realisiert, dass er die Genres wie Hemden wechselt. „Ich bin ein Spieler“, sagt er von sich selbst, „ich fordere mich selbst heraus: Kriege ich dies hin, schaffe ich das auch. Das wichtigste dabei ist, dass ich Spaß an der Sache habe.“

Zu seinen Arbeiten gehören autobiographische Comics wie der Band „Aproximate Continuum Comics“ genauso wie die „Donjon“ Fantasy-Epen, die er gemeinsam mit Joann Sfar und anderen Zeichnern realisiert hat, Funnies wie die Serie „Herr Hases haarsträubende Abenteuer“ genauso wie philosophische Essays in Comicform - etwa in seinen „Apokalyptischen Schöpfungen“, aus denen FAZ.NET eine Sequenz zeigt. Er hat mit „Kaput & Zosky“ Science-Fiction-Stoffe realisiert und experimentelle, multilineare Comics zusammen mit dem spanischen Zeichner Sergio Garcia veröffentlicht. Seit einigen Jahren zeichnet er immer wieder Bücher für Kinder. Das liegt daran, dass er selbst zwei Kinder hat: „Ich wollte, dass sie nicht nur die Comics aus den 60ern kennen lernen, sondern auch neue Sachen, bessere Sachen. Und da ich ein egozentrischer Mensch bin, habe ich es gleich selbst gemacht.“

Verspielte Leichtigkeit, skurrile Pointen

Trondheims Arbeiten bestechen durch eine verspielte Leichtigkeit, durch immer neue Pointen und völlig unerwartete Wendungen. Sein Strich ist klar und reduziert, seine Zeichnungen sind weitgehend abstrakt und schnörkellos. Als Einflüsse nennt er den Donald-Duck-Zeichner Carl Barks und den italienischen Zeichner Massimo Mattioli. Er sieht sich im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen französischen Zeichnern, welche die franco-belgische Comic-Tradition der 60er Jahre fortsetzen. Für diese Kollegen hat er kaum gute Worte übrig. „Sie arbeiten wie Klone von Hergé, von Goscinny und Uderzo. Das ist doch langweilig. Die Verlage drucken das nur, weil sie sich damit auf der sicheren Seite wissen.“

Trondheim ist ein Erzähler, er ist mehr Literat als bildender Künstler. „Für mich ist das Comic eine Art zu schreiben und das Zeichnen ist ein Mittel, meine Geschichten an den Leser zu bringen.“ Er plane aber den Verlauf der Geschichten nicht lange voraus; meist reiche das Szenario nur ein, zwei Seiten über die Reinzeichnungen hinaus. „Ich gebe zu, meine Geschichten sind nicht immer ganz schlüssig.“ In der Tat bemängeln manche Kritiker die fehlenden dramaturgischen Bögen.

Ohne Worte

Wohl auch deshalb sind seine vielleicht stärksten Bücher solche, die ohne Worte auskommen - wie der Band „Die Fliege“, der auch die Vorlage für einen Trickfilm lieferte. Als ähnlich gelungen muss „Mister O“ (bislang nur in Frankreich erschienen) gelten, eines seiner neusten Bücher. Der Titelheld, eine Humpty-Dumpty-Figur mit Mondgesicht und Strich-Gliedmaßen, versucht auf 30 Seiten mit je 60 Panels immer wieder über eine Schlucht zu gelangen. Dafür werden Brücken gebaut, verschiedene Fluggeräte bestiegen und die Schlucht mit Steinen zugeschüttet. Am Ende bleiben diese Versuche nach bester Slapstick-Manier alle vergebens.

Und was hat ein Comic-Künstler, dessen Bücher in mehr als 10 Ländern erschienen sind, der unter anderem in dem angesehenen Literaturverlag Edition du Seuil veröffentlicht hat, der mehr als 35 eigene Bücher gemacht hat, noch für Ziele? „Mich würde reizen, ein Buch mit 500, 1.000 Seiten zu machen. Da ist ein ganz anderer Leserhythmus.“ Mangas seien häufig so lang, erklärt Trondheim, aber die finde er langweilig, die Zeichner verwendeten so begrenzte Stilmittel, weil sie einer vom andern abzeichnen würden. „Wenn ein europäischer Zeichner die erzählerischen Mittel des Mangas übernähme und sich die Zeit ließe, um richtig zu erzählen - das würde ich mir sehr spannend vorstellen.“ Nur die Vorstellung, für lange Zeit an das Mamutprojekt gebunden zu sein, ist ihm wenig angenehm. Trondheim runzelt die Denkerstirn. „Aber wenn ich es nicht mache, wer macht es dann?“

In der deutschen Übersetzung sind die Bücher Lewis Trondheims bei Carlsen Comics, Hamburg, und bei Reprodukt, Berlin, erschienen.

Quelle: @brod
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