21.05.2004 · Im Kölner Museum Ludwig war von der „Kreativpause“ nichts zu spüren. Auf einer kleinen Bühne unterhielt Harald Schmidt sein begeistertes Publikum wie gewohnt - zynisch, respektlos, bissig.
Von Andreas RossmannAcht Jahre lang vier-, später sogar fünfmal die Woche eine eigene "Late-Night-Show", das müßte eigentlich reichen, um Museumsreife zu erlangen. Der mächtige Schreibtisch, eine Inkunabel der deutschen Fernsehgeschichte, steht bereits im Haus der Geschichte in Bonn; jetzt ist der Mann selber dran.
Der fühlt sich ja auch schon wie ein "Methusalem" und fragt sich, was "wir zum hundertsten Geburtstag machen". Doch von wegen. Vor der großen Glastür bleibt er, dem hier ein bescheidenes Podium gebaut wurde, stehen. Das Foyer, wo der Umbau zum Dauerprovisorium zu werden droht und - wie lange eigentlich noch? - elektrische Leitungen aus den Wänden baumeln, genügt ihm. Denn ein Künstler ist er nicht, nur der "Herr Schmidt". Als den und nur als den stellt ihn Kasper König vor, der Direktor des Hauses, der selbst großen Wert auf seinen Vornamen legt und ihn auch, wenn es um die Herren Richter (Gerhard) oder Polke (Sigmar) ginge, jederzeit dazusagen würde. Doch bei Herrn Schmidt läßt er ihn weg, der ist nur, und das gleich viermal, der "Herr Schmidt". Da fängt's ja schon an.
Fünfundvierzig Minuten nonstop, eine Parforce-Performance
Auf der Eintrittskarte, schon Wochen zuvor ein Wertpapier, dessen ebay-Kurs täglich kletterte, aber steht: "Harald Schmidt". So, wie wir das von seiner seligen Show kennen, mit diesen gelben leuchtreklameartigen Buchstaben einer Kinderschrift. Und ganz genau so, wie wir ihn kennen, war er dann auch - nur noch etwas schneller, wacher, verboser und mit verschärftem "name dropping". Eine Harald-Schmidt-Show de Luxe, die ohne Eckermann Andrack auskam und für alle Beteiligten - das erhöht die Aufmerksamkeit - im Stehen stattfand: für ihn, der erst mal das Jackett ablegt, vorne am Mikro, und für die achthundert Zuschauer, die sogar rauchen dürfen. Fünfundvierzig Minuten nonstop, Vorlesungslänge ohne Werbepause, eine Parforce-Performance, die den "Kreativurlauber" in Hochform zeigte. Hatte sich ja auch einiges angestaut in jetzt schon fünf Monaten Bildschirm-Abstinenz. Und worum ging's? Ach so, ja, "Miami - Singapur" war die "Ein-Mann-Biennale lokalen Zuschnitts" überschrieben, und Rausch, Ekstase und Transzendenz sollten - die Themen sein.
"Gibt es etwas Gräßlicheres als Schulklassen im Museum?"
Aber Gemach! Frau Dr. Oetker hat das alles eingerührt. Beim Antrittskonzert von Sir Simon Rattle in Berlin hat sie, Johannes Rau stand auch dabei, Harald Schmidt (oder nur den Herrn Schmidt?) angesprochen: "Können Sie nicht mal was machen, um junge Menschen ins Museum zu bringen?" Und Schmidt hat "ja" gesagt, schon weil er - angeblich - nicht "nein" sagen kann: "Gibt es etwas Gräßlicheres als Schulklassen im Museum?" fragt er sich jetzt. Hinterher ist auch Harald Schmidt schlauer. Doch als es im Freundeskreis des Museums Ludwig konkret und "Wie wär's mit Anfang Januar?" gefragt wurde, hieß es: "Ah, das ist schlecht, da bin ich in Miami", und auf die Nachfrage "Anfang Februar?" kam "Ah, das geht auch nicht, da bin ich in Singapur." Womit der einmalige Abend auch schon einen Namen hatte, und der ist, Schmidts ganzer Stolz, sogar ein Hexameter!
So geht das eine ganze Weile, nachdem zunächst, zwei Stunden nach der Kulturhauptstadt-Entscheidung, in "Köln, dem Leipzig der NRW-Kultur", dem Genius loci gehuldigt wurde. Die Geschichte ihres Zustandekommens ist schon die halbe Miete dieser Museumspremiere, selbstironische Schlenker sowie Abschweifungen zu Heike Beyer, die demnächst hier ausstellen wird, und Gerhard Mayer-Vorfelder, Bagdad und Berlin inklusive: "Der Potsdamer Platz sieht aus, wie wenn die Ceausescus vor der Erschießung noch mal zu Geld gekommen wären."
Folter, Benneton oder die Weihnachtsfeier einer Werbeagentur?
Also doch Kunstkritik? Das auch, die aktuelle Ausstellung des "Blauen Reiters" bringt Schmidt schnell zu Kandinsky und Gabriele Münter sowie der weiterreichenden Frage nach der Bedeutung des Damenrads in der europäischen Kulturgeschichte. Bildbeschreibung wird zum Thema. Goethes "Man sieht nur, was man weiß" abwandelnd und sich auf die Fotos der mißhandelten Gefangenen im Irak beziehend, führt sie in ein erkenntnistheoretisches Dilemma: "Man muß im Grunde wissen, daß das Folter ist. Sonst denkt man Benneton, oder es ist eine Weihnachtsfeier in einer Werbeagentur." Einen Schnappschuß lang gefriert das Lachen.
"Eine Ausstellung mit Harald Schmidt" war es nicht, ausgestellt wurde nur - Harald Schmidt. Der Versuch einer Kulturinstitution, sich mit Hilfe der Prominenz einer anderen zu salvieren, hat vor allem, da ist der Entertainer ganz Profi, diesen selbst nobilitiert: Am Himmelfahrtstag hat dirty Harry in Köln seine eigene Auferstehung inszeniert. Würde Botho Strauß heute ein Update von "Trilogie des Wiedersehens" (1976) schreiben, es würde vielleicht so ähnlich aussehen wie dieser Auftritt im Museum Ludwig: Eine Vernissage, bei der sich niemand mehr mit Beziehungsmiseren abschleppt, sondern nur alle, Monologie des Niedersehens, gebannt auf das Sekundärphänomen des großen Zampanos starren, um anschließend wie die Lemminge in den Heldensaal zu wandern. Und was offenbarte sich dort? Ein Gerüst stand einsam herum, und die Wände waren - leer.