Home
http://www.faz.net/-gqz-76yca
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Cocooning in der Ferne Abenteuer habe ich zu Hause genug

Eine Gesellschaft ohne Neugier, aber in der Krise: Sie will weit weg, es aber dort genau so haben wie daheim. Man reist sozusagen aus Heimeligkeitsweh. Wildnis und Industrie stellen sich auf die Glamper ein.

© Wolwedans/NamibRand Wohl gebettet in der Steppe: Was möchte jemand, der hier Urlaub macht?

Neulich lag im Treppenhaus ein Magazin mit Wohnmobilen, die allesamt aussahen, als handele es sich um Trutzburgen auf vier Rädern, fahrende 5-Sterne-Hotels, die so ziemlich jeden Komfortwunsch erfüllen. Von Fußbodenheizungen war in den Beschreibungen die Rede, von rückenschonenden Hightech-Matratzen, Massageduschen, Handtuchhalter-Heizkörpern, Grill-Backöfen, Klimaanlagen, vergoldeten Armaturen und raumhohen Schränken aus Echtholz. Man hatte den Eindruck, man blättere durch einen Inneneinrichtungskatalog. Nur der eigene Butler fehlte.

Melanie Mühl Folgen:

Die Länge der Mobile ähnelte der von Reisebussen, ebenso das Gewicht. Das, was einem hier für ungeheuer viel Geld angeboten wurde, hatte jedenfalls nicht mehr das Geringste mit der eigenen freilich weit zurückliegenden Camping-Erinnerung zu tun, in der das Wort Bequemlichkeit wie ein schlechter Witz klingt. Stattdessen entsinnt man sich an undichte Wohnmobildecken und tropfendes Wasser, an harte Schlafstätten, puppenhausähnliche Kochgelegenheiten, an Ungeziefer und die Aggressivität der Zusammengepferchten. Es waren schlimme Urlaube.

Der Natur hautnah sein, ohne von ihr belästigt zu werden

Der Begriff Glamping, ein Kunstwort aus glamorous und camping, existierte damals noch nicht. Es wäre wohl auch niemand auf die Idee gekommen, diese zwei Wörter überhaupt in einem Atemzug zu nennen. Mittlerweile bieten Campingplätze in Holland, Frankreich, Italien oder Spanien Glamping-Unterkünfte an, deren Design sich an dem safarizeltartiger Luxus-Lodges in der afrikanischen Wildnis orientiert, die einem das schöne Gefühl vermitteln, der Natur ungeheuer nah zu sein, ohne permanent von ihr belästigt zu werden. Ganz so, als säße man hinter Glas. Eine befremdlich anmutende Art des Urlaubs - nur passt sie eben perfekt in unsere Zeit.

Das hat einen einfachen Grund: Glamping ist eine gigantische Illusionsmaschine, die bestens funktioniert. Eike Wenzel, der das Heidelberger Institut für Trend- und Zukunftsforschung leitet, hält Glamping für einen der wichtigsten Tourismustrends. Glamping, sagt er, befriedige das Bedürfnis der Menschen nach Landleben, Natur, Einfachheit und Luxus, wobei Einfachheit und Luxus hier tatsächlich zusammengehören - es geht ja, wie gesagt, in erster Linie um Illusionen. Genaugenommen handelt es sich bei Glamping um die Übersetzung des sehr erfolgreichen Magazins „Landlust“ in die Tourismusbranche: Mit tatsächlicher Naturnähe haben allerdings weder „Landlust“ noch Glamping irgendetwas zu tun.

In Wahrheit entfernen wir uns stetig weiter von der Natur, anstatt uns ihr anzunähern. Wie weit die Entfremdung bereits vorangeschritten und wie unerschütterlich gleichzeitig unser Bedürfnis ist, genau das Gegenteil zu glauben, zeigt auf eindrucksvolle Weise das Buch von Andreas Möller, das demnächst unter dem Titel „Das grüne Gewissen: Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“ bei Hanser erscheint, eine Verteidigungsschrift der Natur gegen ihre falschen Freunde. Dieses Buch öffnet einem die Augen. Und das, was wir zu sehen bekommen, wirft einen hässlichen Schatten auf unsere blankgeputzte Projektionsfläche Natur.

Die Wildnis lauert schon vor der eigenen Haustür

Der Terror der Veränderung hat uns mürbe gemacht. Wir leben in einer von Effizienz und Steigerungslogik getriebenen überkomplexen Welt, in der die einzige Konstante Instabilität heißt. Doch unsere Gefühlswelt ist auf Beständigkeit trainiert worden, weshalb ihr die Realität stets einige Schritte voraus ist. „Wir stehen überall auf rutschenden Abhängen“, sagte der Soziologe Hartmut Rosa vor kurzem in einem Interview. Dieses Bild kommt unserer Gefühlslage tatsächlich sehr nah. In einer Situation der permanenten Verunsicherung, der Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse könne man, so Rosa, sein Weltverhältnis nicht als eines der Getragenheit erleben.

Anders formuliert: Die Wildnis liegt nicht im Amazonasbecken, sie liegt auch nicht in Afrika oder sonst wo, sie lauert direkt vor der eigenen Haustür - und sie lauert nicht nur dort, sie hat sich längst ihren Weg ins Innere gebahnt. Auf der Suche nach dem Kick muss kein Mensch mehr durch den Busch kriechen, Rafting-Touren wagen oder über irgendwelche Hängebrücken laufen. Meistens genügt schon ein Blick auf die Nachrichten, deren Schlagzeilenlieblingswort Krise lautet, dass entweder für sich allein steht oder mit Wörtern wie Euro-, Finanz- beziehungsweise Wirtschaft gekoppelt wird.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Reisemobile und Caravans Herdentrieb der Individualisten

Was fasziniert immer mehr Menschen am Campingurlaub? Wir blicken auf eine Branche, die bald auf der weltgrößten Messe für Reisemobile und Caravans in Düsseldorf ihren Jahreshöhepunkt feiert. Mehr Von Boris Schmidt und Monika Schramm

20.08.2015, 08:36 Uhr | Technik-Motor
Kathmandu Deutsche Botschaft kümmert sich um Reisende nach Erdbeben in Nepal

Die deutsche Botschaft in Kathmandu ist auch Tage nach dem schweren Erdbeben in Nepal Zufluchtsort für viele Deutsche die in dem Himalaja-Land leben oder dort Urlaub gemacht haben. Mehr

30.04.2015, 12:51 Uhr | Gesellschaft
Wie erkläre ich‘s meinem Kind? Die Sache mit den Sommerferien

Karibik, Kanaren, Kanada: Im Sommer fliegen Deutsche immer öfter und weiter in den Urlaub. Seit wann fährt man eigentlich in den Urlaub? Und warum ist das auch heute für viele Familien nicht selbstverständlich? Mehr Von Kornelius Friz

21.08.2015, 17:33 Uhr | Feuilleton
Trotz Krise Hotels in Athen ausgebucht

Während sich die Lage für die Menschen in Griechenland wegen der Krise weiter zuspitzt, sind die Hotels in der Hauptstadt Athen ausgebucht. Das Auswärtige Amt empfiehlt Griechenland-Reisenden, sich vorab mit Bargeld einzudecken. Viele Hoteliers freuen sich, dass die Touristen sich offenbar nicht beunruhigen lassen. Mehr

08.07.2015, 14:49 Uhr | Wirtschaft
Dörte Hansen Dit Huus is mien und doch nich mien

Zeitschriften wie Landlust und ihre Nachahmer beweisen, wie groß die Sehnsucht nach dem Landleben ist. Dörte Hansen kritisiert diese Romantisierung, wendet sie aber in ihrem Roman Altes Land selbst an. Mehr Von Morten Freidel

23.08.2015, 08:29 Uhr | Feuilleton

Veröffentlicht: 16.02.2013, 17:58 Uhr

Glosse

Was verrät die Seelenforschung?

Von Lorenz Jäger

Psychologische Studien präsentieren oftmals Ergebnisse, auf die auch Nicht-Wissenschaftler kommen könnten. Und selbst diese sind anzuzweifeln: Viele Experimente halten der Überprüfung nicht stand. Mehr 9 11