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Cocooning in der Ferne Abenteuer habe ich zu Hause genug

 ·  Eine Gesellschaft ohne Neugier, aber in der Krise: Sie will weit weg, es aber dort genau so haben wie daheim. Man reist sozusagen aus Heimeligkeitsweh. Wildnis und Industrie stellen sich auf die Glamper ein.

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© Wolwedans/NamibRand Wohl gebettet in der Steppe: Was möchte jemand, der hier Urlaub macht?

Neulich lag im Treppenhaus ein Magazin mit Wohnmobilen, die allesamt aussahen, als handele es sich um Trutzburgen auf vier Rädern, fahrende 5-Sterne-Hotels, die so ziemlich jeden Komfortwunsch erfüllen. Von Fußbodenheizungen war in den Beschreibungen die Rede, von rückenschonenden Hightech-Matratzen, Massageduschen, Handtuchhalter-Heizkörpern, Grill-Backöfen, Klimaanlagen, vergoldeten Armaturen und raumhohen Schränken aus Echtholz. Man hatte den Eindruck, man blättere durch einen Inneneinrichtungskatalog. Nur der eigene Butler fehlte.

Die Länge der Mobile ähnelte der von Reisebussen, ebenso das Gewicht. Das, was einem hier für ungeheuer viel Geld angeboten wurde, hatte jedenfalls nicht mehr das Geringste mit der eigenen freilich weit zurückliegenden Camping-Erinnerung zu tun, in der das Wort Bequemlichkeit wie ein schlechter Witz klingt. Stattdessen entsinnt man sich an undichte Wohnmobildecken und tropfendes Wasser, an harte Schlafstätten, puppenhausähnliche Kochgelegenheiten, an Ungeziefer und die Aggressivität der Zusammengepferchten. Es waren schlimme Urlaube.

Der Natur hautnah sein, ohne von ihr belästigt zu werden

Der Begriff Glamping, ein Kunstwort aus glamorous und camping, existierte damals noch nicht. Es wäre wohl auch niemand auf die Idee gekommen, diese zwei Wörter überhaupt in einem Atemzug zu nennen. Mittlerweile bieten Campingplätze in Holland, Frankreich, Italien oder Spanien Glamping-Unterkünfte an, deren Design sich an dem safarizeltartiger Luxus-Lodges in der afrikanischen Wildnis orientiert, die einem das schöne Gefühl vermitteln, der Natur ungeheuer nah zu sein, ohne permanent von ihr belästigt zu werden. Ganz so, als säße man hinter Glas. Eine befremdlich anmutende Art des Urlaubs - nur passt sie eben perfekt in unsere Zeit.

Das hat einen einfachen Grund: Glamping ist eine gigantische Illusionsmaschine, die bestens funktioniert. Eike Wenzel, der das Heidelberger Institut für Trend- und Zukunftsforschung leitet, hält Glamping für einen der wichtigsten Tourismustrends. Glamping, sagt er, befriedige das Bedürfnis der Menschen nach Landleben, Natur, Einfachheit und Luxus, wobei Einfachheit und Luxus hier tatsächlich zusammengehören - es geht ja, wie gesagt, in erster Linie um Illusionen. Genaugenommen handelt es sich bei Glamping um die Übersetzung des sehr erfolgreichen Magazins „Landlust“ in die Tourismusbranche: Mit tatsächlicher Naturnähe haben allerdings weder „Landlust“ noch Glamping irgendetwas zu tun.

In Wahrheit entfernen wir uns stetig weiter von der Natur, anstatt uns ihr anzunähern. Wie weit die Entfremdung bereits vorangeschritten und wie unerschütterlich gleichzeitig unser Bedürfnis ist, genau das Gegenteil zu glauben, zeigt auf eindrucksvolle Weise das Buch von Andreas Möller, das demnächst unter dem Titel „Das grüne Gewissen: Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“ bei Hanser erscheint, eine Verteidigungsschrift der Natur gegen ihre falschen Freunde. Dieses Buch öffnet einem die Augen. Und das, was wir zu sehen bekommen, wirft einen hässlichen Schatten auf unsere blankgeputzte Projektionsfläche Natur.

Die Wildnis lauert schon vor der eigenen Haustür

Der Terror der Veränderung hat uns mürbe gemacht. Wir leben in einer von Effizienz und Steigerungslogik getriebenen überkomplexen Welt, in der die einzige Konstante Instabilität heißt. Doch unsere Gefühlswelt ist auf Beständigkeit trainiert worden, weshalb ihr die Realität stets einige Schritte voraus ist. „Wir stehen überall auf rutschenden Abhängen“, sagte der Soziologe Hartmut Rosa vor kurzem in einem Interview. Dieses Bild kommt unserer Gefühlslage tatsächlich sehr nah. In einer Situation der permanenten Verunsicherung, der Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse könne man, so Rosa, sein Weltverhältnis nicht als eines der Getragenheit erleben.

Anders formuliert: Die Wildnis liegt nicht im Amazonasbecken, sie liegt auch nicht in Afrika oder sonst wo, sie lauert direkt vor der eigenen Haustür - und sie lauert nicht nur dort, sie hat sich längst ihren Weg ins Innere gebahnt. Auf der Suche nach dem Kick muss kein Mensch mehr durch den Busch kriechen, Rafting-Touren wagen oder über irgendwelche Hängebrücken laufen. Meistens genügt schon ein Blick auf die Nachrichten, deren Schlagzeilenlieblingswort Krise lautet, dass entweder für sich allein steht oder mit Wörtern wie Euro-, Finanz- beziehungsweise Wirtschaft gekoppelt wird.

Reisen bedeutet bekanntlich auch immer flüchten, ganz gleich, vor was. Der Fluchtgedanke ist freilich alt, Hans Magnus Enzensberger hat ihn bereits 1958 in seinem missgelaunten Tourismus-Essay zum Scheitern verurteilt, da sich der Tourismus als Befreiung von der industriellen Welt längst selbst als Industrie etabliert habe. Die Reise aus der Warenwelt sei ihrerseits zur Ware geworden. Unser Fluchtimpuls ist trotzdem geblieben, was sich verändert hat, sind die Motive. Früher war es die Flucht vor der mit Langeweile gepaarten Alltagsdisziplinierung der Industriegesellschaft, heute treibt uns die Stabilitätssehnsucht fort. Wir haben genügend böse Überraschungen erlebt. Das Unternehmen Jack Wolfskin bringt dieses Phänomen mit seiner Werbung für Outdoor-Überlebenskleidung ziemlich genau auf den Punkt: „Draußen zu Hause“ lautet der bekannteste Slogan.

Die Behaglichkeits-Sehnsucht bestimmt die Zukunft des Reisens

Klickt man sich durch die Websites verschiedener Reiseveranstalter, taucht die Heimatidee als Geborgenheitsgefühl auffällig häufig auf. Es ist kein Zufall, dass sich die Bezeichnung Motor Homes für Wohnmobile immer stärker etabliert. Diese Art von Abschottungsurlaub zielt darauf, jenes Heimeligkeitsgefühl hervorzurufen, das einem zu Hause abhandengekommen ist, verschüttet unter den alltäglichen Ängsten und Beschleunigungszumutungen. Der Tourist, sagt Wenzel, wolle es im Urlaub so behaglich haben, als schlüpfe er in einen warmen, weichen Hausschuh. Man könnte es auch Cocooning in der Ferne nennen. Der geographische Ort spielt dabei eine Statistenrolle. Seine Funktion ist lediglich die einer austauschbaren Kulisse. Aus Fernweh ist Heimweh geworden - Heimweh nach sich selbst. „Destination Ich“ nennt das Wenzel.

Anfang des Jahres ging in Stuttgart die Publikumsmesse CMT für Freizeit und Touristik über die Bühne. Laut einer Umfrage kamen fünfundvierzig Prozent der befragten Besucher aus Interesse am Camping- und Caravaning-Markt, überhaupt war die Stimmung außerordentlich gut, die Menschen verreisen gerne, sie verreisen sogar immer lieber. Für die, die sich einen Glamping-Urlaub nicht leisten können, bleibt das Kreuzfahrtschiff. Wie der Wohnmobil-Markt wächst auch der für Kreuzfahrten seit Jahren. Und auch auf diesen perfekt organisierten Vergnügungsparks mit ihren strukturierten Tagesabläufen ist die Begegnung mit dem Fremden auf ein Minimum reduziert. Wenn im Frühjahr die neue MSC „Preziosa“ auf Jungfernfahrt geht, werden die Passagiere übrigens eine absurd hohe Wasserrutsche von dreizehn Metern nutzen können, die teilweise über die Reling hinausragt. Ihr Name: Vertigo. Sie stellt das Maximum an Aufregung dar.

Tourismus für die Bournout-Gesellschaft

Es liegt in der Logik dieser Reisewelt, dass irritierende Dinge wie Exotik aus ihr verbannt worden sind. An die Stelle des Wagemuts tritt die Rundum-Absicherung. Seit sich die Sicherheit, die uns versprochen worden ist, als Lüge entpuppt hat, erfährt der Absicherungsgedanke einen enormen Bedeutungszuwachs. Auch der Tourismus reagiert auf die Befindlichkeiten unserer Burn-out-Gesellschaft und passt sein Angebot an die Bedürfnisse ihrer ausgebrannten Mitglieder an.

Spinnt man den Gedanken weiter, stellt sich die Frage, was diese Behaglichkeits-Sehnsucht eigentlich für die Zukunft des Reisens bedeutet. Nichts Gutes, das steht fest. Weshalb, ist klar. Die durchstandardisierten Unterkünfte, die uns der Massentourismus beschert hat, werden bis in den verstecktesten Winkel vordringen. Und es wird leider noch viel mehr von ihnen geben, in jeder Preisklasse. Die Komfortglocke, in die man reist, erstickt jede Neugierde bereits im Keim. Die Reiseanbieter werden alles dafür tun, um die Störfaktoren in Zukunft weiter zu minimieren, weil sich auf diese Weise am besten Geld verdienen lässt.

„Fühlen Sie sich wie zu Hause.“ Dieser Satz, mit dem Hotels ihre Gäste begrüßen, kam einem bislang lächerlich vor. Jetzt hat er einen Sinn.

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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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