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Veröffentlicht: 16.02.2013, 17:58 Uhr

Cocooning in der Ferne Abenteuer habe ich zu Hause genug

Eine Gesellschaft ohne Neugier, aber in der Krise: Sie will weit weg, es aber dort genau so haben wie daheim. Man reist sozusagen aus Heimeligkeitsweh. Wildnis und Industrie stellen sich auf die Glamper ein.

von
© Wolwedans/NamibRand Wohl gebettet in der Steppe: Was möchte jemand, der hier Urlaub macht?

Neulich lag im Treppenhaus ein Magazin mit Wohnmobilen, die allesamt aussahen, als handele es sich um Trutzburgen auf vier Rädern, fahrende 5-Sterne-Hotels, die so ziemlich jeden Komfortwunsch erfüllen. Von Fußbodenheizungen war in den Beschreibungen die Rede, von rückenschonenden Hightech-Matratzen, Massageduschen, Handtuchhalter-Heizkörpern, Grill-Backöfen, Klimaanlagen, vergoldeten Armaturen und raumhohen Schränken aus Echtholz. Man hatte den Eindruck, man blättere durch einen Inneneinrichtungskatalog. Nur der eigene Butler fehlte.

Melanie Mühl Folgen:

Die Länge der Mobile ähnelte der von Reisebussen, ebenso das Gewicht. Das, was einem hier für ungeheuer viel Geld angeboten wurde, hatte jedenfalls nicht mehr das Geringste mit der eigenen freilich weit zurückliegenden Camping-Erinnerung zu tun, in der das Wort Bequemlichkeit wie ein schlechter Witz klingt. Stattdessen entsinnt man sich an undichte Wohnmobildecken und tropfendes Wasser, an harte Schlafstätten, puppenhausähnliche Kochgelegenheiten, an Ungeziefer und die Aggressivität der Zusammengepferchten. Es waren schlimme Urlaube.

Der Natur hautnah sein, ohne von ihr belästigt zu werden

Der Begriff Glamping, ein Kunstwort aus glamorous und camping, existierte damals noch nicht. Es wäre wohl auch niemand auf die Idee gekommen, diese zwei Wörter überhaupt in einem Atemzug zu nennen. Mittlerweile bieten Campingplätze in Holland, Frankreich, Italien oder Spanien Glamping-Unterkünfte an, deren Design sich an dem safarizeltartiger Luxus-Lodges in der afrikanischen Wildnis orientiert, die einem das schöne Gefühl vermitteln, der Natur ungeheuer nah zu sein, ohne permanent von ihr belästigt zu werden. Ganz so, als säße man hinter Glas. Eine befremdlich anmutende Art des Urlaubs - nur passt sie eben perfekt in unsere Zeit.

Das hat einen einfachen Grund: Glamping ist eine gigantische Illusionsmaschine, die bestens funktioniert. Eike Wenzel, der das Heidelberger Institut für Trend- und Zukunftsforschung leitet, hält Glamping für einen der wichtigsten Tourismustrends. Glamping, sagt er, befriedige das Bedürfnis der Menschen nach Landleben, Natur, Einfachheit und Luxus, wobei Einfachheit und Luxus hier tatsächlich zusammengehören - es geht ja, wie gesagt, in erster Linie um Illusionen. Genaugenommen handelt es sich bei Glamping um die Übersetzung des sehr erfolgreichen Magazins „Landlust“ in die Tourismusbranche: Mit tatsächlicher Naturnähe haben allerdings weder „Landlust“ noch Glamping irgendetwas zu tun.

In Wahrheit entfernen wir uns stetig weiter von der Natur, anstatt uns ihr anzunähern. Wie weit die Entfremdung bereits vorangeschritten und wie unerschütterlich gleichzeitig unser Bedürfnis ist, genau das Gegenteil zu glauben, zeigt auf eindrucksvolle Weise das Buch von Andreas Möller, das demnächst unter dem Titel „Das grüne Gewissen: Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird“ bei Hanser erscheint, eine Verteidigungsschrift der Natur gegen ihre falschen Freunde. Dieses Buch öffnet einem die Augen. Und das, was wir zu sehen bekommen, wirft einen hässlichen Schatten auf unsere blankgeputzte Projektionsfläche Natur.

Die Wildnis lauert schon vor der eigenen Haustür

Der Terror der Veränderung hat uns mürbe gemacht. Wir leben in einer von Effizienz und Steigerungslogik getriebenen überkomplexen Welt, in der die einzige Konstante Instabilität heißt. Doch unsere Gefühlswelt ist auf Beständigkeit trainiert worden, weshalb ihr die Realität stets einige Schritte voraus ist. „Wir stehen überall auf rutschenden Abhängen“, sagte der Soziologe Hartmut Rosa vor kurzem in einem Interview. Dieses Bild kommt unserer Gefühlslage tatsächlich sehr nah. In einer Situation der permanenten Verunsicherung, der Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse könne man, so Rosa, sein Weltverhältnis nicht als eines der Getragenheit erleben.

Anders formuliert: Die Wildnis liegt nicht im Amazonasbecken, sie liegt auch nicht in Afrika oder sonst wo, sie lauert direkt vor der eigenen Haustür - und sie lauert nicht nur dort, sie hat sich längst ihren Weg ins Innere gebahnt. Auf der Suche nach dem Kick muss kein Mensch mehr durch den Busch kriechen, Rafting-Touren wagen oder über irgendwelche Hängebrücken laufen. Meistens genügt schon ein Blick auf die Nachrichten, deren Schlagzeilenlieblingswort Krise lautet, dass entweder für sich allein steht oder mit Wörtern wie Euro-, Finanz- beziehungsweise Wirtschaft gekoppelt wird.

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