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Clooneys „Monuments Men“ : Hier menschelt es besonders wertvoll

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Dieses Schielen auf eine populärkulturelle Rezeption grundiert seine Darstellung zutiefst, im Unterschied etwa zu Lynn Nicholas Buch „Rape of Europa“ von 1994 oder Jonathan Petropoulos’ „Art as Politics in the Third Reich“ von 1996. Eine ähnliche Differenz besteht zwischen dem Dokumentarfilm „Rape of Europa“ von 2006 und Clooneys filmischer Adaption von Edsels Buch 2009: Im einen Fall werden Archivalien ausgewertet, im anderen Fall stützt man sich vor allem auf die Befragung von Zeitzeugen.

Falsche Bilder, falsche Geschichte

Und genau das ist der Punkt, an dem Clooneys Film und die deutsche Gesellschaft des Jahres 2014 zusammentreffen: Wie halten wir es mit der Vergangenheit? Lassen wir uns Geschichten erzählen, von Hildebrand und Cornelius Gurlitt, von Adolf Weinmüller, von den Zeitzeugen bei Guido Knopp - oder forschen wir selbst? Glauben wir Memoiren und Autobiographien, also späteren erinnerungsgeschichtlichen Deutungen? Oder verlassen wir uns nur auf zeitgenössische Dokumente? Wenn ja, gehen wir quellenkritisch mit ihnen um, beachten Anlass, Kontext und Adressat des Schreibens? Kurz: Sind wir reflektiert oder simpel?

Geschichte ist nicht statisch. Sie wird fortwährend transformiert und adaptiert. Doch reden wir bei Clooneys Film überhaupt über Geschichte? Ich denke nicht. Was wir sehen, ist Hollywood, ist Indiana Jones, Disneyland, Klischee. Ich kenne keine Transportkisten mit kopfgroßen Hakenkreuzen (soll sagen: Achtung, hier wird NS-Raubkunst ins Reich transportiert), ich kenne keine Modelle des für Linz geplanten Museums mit etwa zwei Meter hohen Buchstaben „Führermuseum“ über dem Eingang. Wir sehen einen Genrefilm, der klassischen Topoi von Kriegs- und Gangsterfilmen folgt: Anwerben der Team-Mitglieder für den Spezialauftrag, kurzes Training, gemeinsame Bewährung, Bewältigung von Schwierigkeiten und kleinere Verluste, dennoch erfolgreiche Mission.

Zwischen Unterricht und Unterhaltung

Dazu passt, dass die unschwer zu identifizierenden Charaktere andere Namen tragen, also etwa Cate Blanchett, die Rose Valland spielt, im Film Claire Simon heißt. Oder dass in der Filmfigur des Dr. Viktor Stahl die deutschen Kunsthistoriker Bruno Lohse und Hermann Bunjes zusammengeführt erscheinen. Doch dann werden auf einmal tatsächliche Akteure des NS-Kunstraubs genannt und in historischen Fotos gezeigt, wie eben Bruno Lohse und Kurt von Behr vom Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg. Auch die teils an Originalschauplätzen gedrehte Entdeckung der Depots verunklärt den Charakter einer fiktionalen Erzählung, ebenso wie Aufnahmen von Johannes Felbermeyer aus dem Central Art Collecting Point Munich im Abspann.

Es ist genau diese Unentschiedenheit, die die größte Schwäche des Films darstellt: Er setzt auf Anteilnahme und Spannung und will zugleich Geschichtsunterricht geben; er hat eine ernste Botschaft, meint aber, dass diese durch Witze und Späße verdaulicher werde. Es menschelt, und zugleich soll das Abendland, die Zivilisation gerettet werden.

Zum Schutz vor den Kommunisten

Es ist unbestritten, dass die nationalsozialistischen Entrechtungs- und Verfolgungsmaßnahmen und der systematische Raub auch von Kunst- und Kulturgut in den besetzten Ländern ein beispielloses Verbrechen darstellen. Das wissen wir. So ist auch allgemein bekannt, dass die von den Alliierten aufgefundenen Depots Kulturgut unterschiedlichster Provenienz enthielten, da zahlreiche deutsche Museen, einige Privatsammler und auch kunstgeschichtliche Forschungsinstitute ihre Bestände in Bergwerken im Alpenraum und anderswo ausgelagert hatten, um sie vor alliierten Luftangriffen zu schützen.

In Clooneys Film lagert dort nur Raubkunst, darunter der Genter Altar und die Brügger Madonna, die in großer Eile geborgen werden, als sei man schon mitten im Kalten Krieg und müsse die christliche Kunst vor allem vor gottlosen Kommunisten schützen. Es wird, mit anderen Worten, in alle Richtungen geschossen.

Schlicht falsch ist der Beginn des Films inszeniert: Unangenehm laute Hammerschläge dröhnen, und jeder Schlag scheint eine Altartafel zu verletzen. Doch nicht barbarische Destruktion, sondern behutsame Dekonstruktion soll hier dargestellt sein, nämlich der Abbau durch die Belgier, um den Altar zu verstecken. Clooneys Film ist daher nicht „besonders wertvoll“, wie die Deutsche Film- und Medienbewertung meint, sondern leider selbst Teil jener „langen Liste von Misserfolgen“, die die von Clooney gespielte Figur Hitler attestiert.

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