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Veröffentlicht: 23.07.2016, 13:57 Uhr

Clemens J. Setz im Gespräch Ich werde sicher nie irgendwo Stadtschreiber sein

Am Rande einer Tagung über sein Werk denkt der produktive österreichische Autor Clemens J. Setz über das Aufhören nach – und über unverdiente Stipendien im Literaturbetrieb.

von
© interTOPICS /Geraint Lewis Gegenstand der Forschung: Der österreichische Autor Clemens J. Setz.

Sie sind im Alter von 33 Jahren schon Gegenstand einer literaturwissenschaftlichen Tagung hier in Bamberg. Ist das seltsam?

Jan Wiele Folgen:

Vielleicht ist das schon ein berechtigter Gedanke - man könnte zum Beispiel sagen, dieser oder jene andere macht das schon seit dreißig Jahren und hatte noch keine Tagung. Aber ich habe mir das ja nicht ausgesucht.

Sie haben allerdings auch in nur neun Jahren ein beachtliches Werk aus Romanen, Erzählungen, Lyrik und Essays geschaffen. In den literaturwissenschaftlichen Vorträgen ging es etwa um Krankheit, Stalking, Ekel und Metafiktion. Wie war das, diesen Interpretationen zuzuhören?

Es hat mir gezeigt, dass das, was ich bisher geschrieben habe, hauptsächlich auf einer intellektuellen, zerebralen Ebene funktionierte. Es wäre schön, etwas zu schreiben, das nicht so ist, sondern näher am Leben selbst.

Bei Ihrer Bamberger Poetikvorlesung und einem sehr lustigen Gespräch mit Paul Jandl war man oft nicht sicher, wann Sie die Wahrheit sagen und wann Sie fabulieren - im Publikum gab es viele ratlose Gesichter. Ist das ein schönes Gefühl der Verlängerung des Werks?

Es ist ja ein bisschen vermessen oder unhöflich, zu denken, dass die Leute bei solchen Veranstaltungen wirklich etwas über einen erfahren wollen. Die wollen einfach eine interessante Vorlesung hören. Wenn jetzt ich Experte wäre für das Byzantinische Reich und erzählte dann nur, wie ich an der Schreibmaschine sitze und welche Tastenstärke ich benutze, das wäre ja total blöd, eine verschenkte Möglichkeit. Man weiß ja auch gar nicht so viel über sich selbst und was man empfindet.

Noch einmal zu Aufrichtigkeit und Ironie: Wenn man so viel im Internet unterwegs ist wie Sie, wird man bestimmt merken, dass es dort oft eine erschreckende Unfähigkeit zum Erfassen von Ironie gibt.

Vielleicht haben die Leute stattdessen Antennen für anderes. Mit HashtagThemen umzugehen etwa und dabei sehr schnell und virtuos zu werden. Das sind einfach Verlagerungen von Aufmerksamkeit. Vielleicht geht das feine Ohr für Ironie da verloren. Ich bin auch nicht so begabt für Ironie, glaube ich.

Im Ernst? Wenn man sich etwa Ihre Tweets anschaut, sind die ja zumindest oft künstlerisch vieldeutig.

Na, die vielleicht schon. Ernst gemeint sind meistens nur Retweets - die bedeuten einfach „Das find ich gut“ oder „Das find ich skandalös“, sind immer ganz straight, erklären sich von selbst.

Was halten Sie von Retweets zur eigenen Person?

Mach ich nicht.

Und wenn jemand twittert:„Kluge Analyse von XY“ und XY retweetet das dann?

Och, das ist doch süß, oder? Da weiß man, dass die Person, die das macht, kurz Herzschlagen hatte. Das ist halt so wie jemand, der eine schöne Zeichnung hat, und die bringt er zu den Eltern und sagt: bitte an den Kühlschrank hängen.

Es kursierte hier das überraschende Gerücht, dass Sie ernsthaft ans Aufhören dächten. Was ist da dran?

Ich muss nicht aufhören zu schreiben. Das ist ja ein Hobby, eine Leidenschaft, und es gibt keinen Grund, ihr nicht zu folgen. Aber eine Frage, die ich mir wirklich gerade stelle, betrifft das Veröffentlichen und Geldverdienen mit dem Schreiben und ob das noch länger so gehen kann. Mir scheint, es geht eher nicht mehr so lange. Es sei denn, ich nehme irgendwelche Stipendien an, aber das möchte ich nicht.

Also ging es wirklich eher um wirtschaftliche Überlegungen?

Genau, nicht um die Obsession, die kann mir niemand nehmen außer meiner eigenen Depression oder einem Unglück vielleicht. Sondern um die Frage: Ist es klug, auf diese Tätigkeit jetzt die ganzen Chips draufzulegen und damit die Zukunft sichern zu wollen? Und ich glaube, da ist die Antwort: nein. Aber - und das müssen Sie bitte mit erwähnen - das ist wirklich eine Luxusfrage, ein Luxusproblem, das weiß ich. Andere Leute sind einfach arbeitslos und können sich solche Gedanken gar nicht machen. Es ist wirklich gewaltig eitel, aber ich werde eben gefragt und antworte dann wahrheitsgemäß.

Es liegt also nicht an einer gewissen Betriebsüberdrüssigkeit?

Nein, wenn man des Betriebs überdrüssig ist, kann man sich ja einfach ein bisschen zurückziehen und keinen Kontakt haben mit den Betreffenden. In Graz gibt es gar nicht so einen Betrieb für mich.

Sie sagten eben, Sie wollten keine Stipendien annehmen?

Ich möchte nicht Geld haben dafür, wer ich bin. Also dass man sagt: Ich habe das geschrieben bislang, so ist mein Name, bitte tausend Euro im Monat. Aber ich finde, Schriftsteller und Künstler mit Kindern sollten Stipendien bekommen. Denn Kinder haben mehr Sicherheit verdient. Nur weiß ich eben auch, dass es ganz arrivierte - und mir liegen diese Namen auf der Zunge gerade, ich möchte sie fast rausschreien! - Schriftsteller gibt, die wirklich gut verdienen, und die kriegen jedes Jahr irgendwelche Stipendien. Das finde ich furchtbar. Die haben eh genug Geld, und man denkt sich: Der oder die steht doch auf der Bestsellerliste! Aber wer weiß, vielleicht haben die ja ganz viele Kinder. Dann wäre das wieder gerechtfertigt.

Also geht es Ihnen um Gerechtigkeit, nicht um den Gedanken, dass sie nicht Stadtschreiber in Bergen-Enkheim oder Inselschreiber auf Sylt sein wollen?

Um ganz ehrlich zu sein: Das möchte ich auch nicht. Ich möchte gern mal als Besucher nach Bergen-Enkheim oder auf die Raketenstation in Hombroich, das schaue ich mir gern an. Ich habe auch großen Respekt vor denen, die so etwas organisieren. Aber das kann ich jetzt sagen: Ich werde sicher nie irgendwo Stadtschreiber sein. Das ist nichts für mich.

Glosse

Klingt nach Rohrkrepierer

Von Edo Reents

Männer in der Bredouille können sich in ihrer Zeitbewirtschaftung nicht die geringste Nachlässigkeit leisten. Warum nur hat sich Martin Schulz im SPD-Papier „Mehr Zeit für Gerechtigkeit“ das Wort im Titel umdrehen lassen? Mehr 13 58

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