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Claude Lanzmanns Memoiren : Fleisch der Erinnerung

Erinnern, um nicht zu altern: Claude Lanzmann Bild: AP

Wie kein zweites Dokument hat Claude Lanzmanns Film „Shoah“ die Erinnerung an den Holocaust geprägt. Im Alter von dreiundachtzig Jahren hat der Intellektuelle jetzt seine Memoiren veröffentlicht. Es ist eine Chronik intellektueller Leidenschaft und ein Meisterwerk der Erinnerungskultur.

          „Wenn ich nicht sterben müsste, wäre ich mit meinem Leben ziemlich zufrieden“: Wie kaum ein Intellektueller wird Claude Lanzmann mit einem einzigen Werk identifiziert, seinem Film „Shoah“. Dieses einzigartige Monument der Vernichtung hat den Begriff Shoah für die Endlösung durchgesetzt und die Erinnerungskultur geprägt – Lanzmann glaubt auch: ausgelöst.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Im Alter von dreiundachtzig Jahren hat er jetzt seine Memoiren veröffentlicht. Er hat sie einer Philosophin und seiner Sekretärin diktiert. Sie beginnen mit einem Hohelied auf den Computer und Gedanken über die Guillotine, den geplanten, verordneten, organisierten Tod: „Die große Causa meines Lebens“. Am Schluss erinnert sich Claude Lanzmann an einen Hasen, der in Patagonien unvermittelt vor seinem Auto die Straße überquert: „Ich war siebzig, aber mein ganzes Wesen wurde von wilder Freude erfüllt, ich fühlte mich wie mit zwanzig.“ Der Hase gab dem Erinnerungsbuch den Titel: „Le lièvre de Patagonie“ (Gallimard). In Frankreich ist das Buch ein Bestseller. Die deutschen Rechte hat sich Rowohlt gesichert, der Verlag von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre.

          Chronik intellektuellen Lebens

          Lange war Claude Lanzmann der Dritte in ihrem Bunde. Privat, politisch und publizistisch. In den fünfziger Jahren lebte er mit Simone de Beauvoir zusammen, Sartre hatte stets eine eigene Wohnung. Lanzmann war Redakteur bei „Les Temps modernes“. Seit dem Tod von Sartre und Beauvoir ist er der dritte Direktor der Zeitschrift.

          Seine Erinnerungen sind eine Fundgrube. Lanzmann porträtiert: Familie, Frauen, Zeitgenossen. Ben Gurion, Frantz Fanon, Sartre und Simone. Er ist der Bruder des Schriftstellers Jacques Lanzmann, der sein halbes Werk unter einem weiblichen Pseudonym veröffentlichte. Die Schwester nahm sich das Leben.

          Travestien des Widerstands

          Und Lanzmann erzählt. Vom Widerstand, in den er noch als Schüler ging. Vom Vater, der ihm in einem Feuergefecht mit einem Angehörigen der faschistischen Milice das Leben rettete. Wie er sich für seine Betrügereien als Priester verkleidete. Vom Besuch im Pariser Luxusbordell Le Sphinx zusammen mit seinem Erzeuger und dem Stiefvater, die seine Kurtisane bezahlten. Er kehrte mit seinem Freund Jean Cau, der später Sartres Sekretär und noch später total reaktionär wurde, zurück: eine Szene wie bei Flaubert. Und nachhaltiger als das ideologische Zerwürfnis, denn es kam auch wieder zur Versöhnung der Jugendfreunde.

          Die Welt hat Jean Cau, der zum Feindbild der linken Intellektuellen geworden war, vergessen. Und kein Mensch bringt Claude Lanzmann mit Michel Tournier in Verbindung: Der Sohn einer Pariser Germanistenfamilie, der im Krieg „Hitlers Deutschland“ bereist hatte, holte den jüdischen Studenten nach Tübingen, in die französische Besatzungszone. Das Stipendium beinhaltete sechzig Mahlzeiten pro Monat. Sie bekamen den Besuch von Gilles Deleuze. Lanzmann zog nach Berlin weiter.

          Kampf gegen das Altern

          Er schreibt über seine Beziehung zu Deutschland, das er nie auf den Nationalsozialismus reduzierte, und seine mehrjährige Ehe mit der deutschen Schriftstellerin Angelika Schrobsdorff. Sie brachte ihn dazu, 1972 seinen ersten Film „Pourquoi Israel“ zu drehen. Nur weil ihm selbst die Deportation erspart geblieben war, konnte er „Shoah“ machen: „Ich war gleichzeitig drinnen und draußen.“ Was er sonst noch über deren Entstehung und Wirkungsgeschichte diktierte, hat man auch anderswo schon gelesen.

          Doch dieses absolute Meisterwerk der Erinnerungskultur und seine Memoiren bedingen und erhellen sich gegenseitig. Mit einer gnadenlosen Unerbittlichkeit für die Täter hatte Lanzmann den anonymen Opfern eine Identität vermittelt. Zwölf Jahre dauerten die Dreharbeiten, während deren er „die Zeit aufhob“. Mit „Shoah“ schuf er sein eigenes – unsterbliches – Werk und befreite sich aus dem Schatten von Sartre und Simone de Beauvoir, deren doch eher sorgloses Dasein im besetzten Paris Lanzmann stets verteidigt hatte.

          Seine Memoiren entschlüsseln den Begriff des Erinnerns. Mit Aufarbeiten oder Bewältigen hat das bei Lanzmann nichts zu tun. Es geht um den Sieg über die Zeit, die „bei ‚Shoah‘ nie aufhört, nicht zu vergehen“. Das haben ihn auch die Hasen in Treblinka, Serbien, Patagonien im Scheinwerferlicht des Autos gelehrt: Er hat stets gebremst. Das Erinnern ist für Claude Lanzmann ein keineswegs unverkrampfter Kampf gegen den Tod: „Ich weiß nicht, was Altern ist. Meine Jugend verbürgt die Jugend der Welt. Ich liebe das Leben, und jetzt, wo das Ende nahe ist, liebe ich es noch mehr.“ In seinen Memoiren lässt er es bereits auferstehen: „Die Fleischwerdung ist meine zweite große Causa.“

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