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Claude Lanzmann über „Shoah“ : Das Unnennbare benennen

  • -Aktualisiert am

Brillenreste im Stammlager Auschwitz I Bild: Martin Lengemann/laif

Zwischen dem Verstehen der Ursachen und der faktischen Realität des Holocaust klafft ein Abgrund. Claude Lanzmann, Regisseur von „Shoah“, über die Notwendigkeit, den Blick ganz direkt auf den Schrecken zu richten.

          Der Film „Shoah“ beruht vollständig auf dem Fehlen von Spuren. Die Nazis wollten nicht nur die Juden vernichten, sie wollten auch noch die Vernichtung selbst vernichten, das heißt die Spuren des Verbrechens, und zwar just in dem Augenblick, als sie es vollendeten. Das ist der irrsinnigste Versuch, Geschichte auszulöschen. Darüber spricht „Shoah“. Die Herausforderung kommt schon in der ersten halben Stunde des Films zur Sprache: „Das kann man nicht erzählen; das übersteigt jede mögliche Darstellung“, sagt einer der Protagonisten des Films. Und ein anderer: „Darüber darf man nicht reden.“ Der Film zeigt das Verschwinden ebenso wie das Verschwinden der Spuren, und auf diesen beiden Unmöglichkeiten basiert „Shoah“. Darauf gründet der gesamte Film. Die Zeugnisse der Männer der Sonderkommandos finden sich nur in „Shoah“, und die jüdischen Protagonisten sind sämtlich Männer dieser Sonderkommandos, denn sie sind die einzigen Zeugen des Todes ihres Volkes.

          „Shoah“ arbeitet heraus und tut nichts anderes als das. Von Anfang bis Ende entwickelt der Film sich gegen jegliches Archiv. Schon weil es keines gibt. Und weil ich nicht versucht habe, dieselben Archivaufnahmen zusammenzuschneiden, die man überall sieht, die nicht die Vernichtungslager darstellen, sondern wie die Alliierten die Konzentrationslager in Deutschland vorfanden, als sie sie befreiten, und die meist Leichen von Menschen zeigen, die an Typhus gestorben waren, in Bergen-Belsen und anderswo. In „Shoah“ gibt es keine Anekdoten. Die Episode des singenden Jungen am Anfang des Films ist eine Erfindung der Regie: Ich wusste lange vor den Dreharbeiten, dass der Film damit beginnen sollte. Aber „Shoah“ sollte keine Informationen liefern, die man in Geschichtsbüchern findet, auch wenn der Film den Historikern vieles vermittelt hat, angefangen bei den realen heutigen Orten, den realen Gesichtern und Körpern der Zeugen. Es gibt keinen Kommentar. Keine Stimme aus dem Off.

          Das ist eine Rehabilitierung des Zeugnisses. Ich habe elf Jahre an diesem Film gearbeitet, von Ende 1973 bis April 1985. Ich hätte „Shoah“ unmöglich 1946 drehen können, während des Nürnberger Prozesses. Das wäre etwas anderes gewesen. Ich habe einen Film gemacht, der von nichts ausgeht, gleichermaßen von einer Entstellung und einem Fortbestand der Orte.

          Ein gemeinsames Sterben

          Manche sagen, ich hätte den Holocaust zum Tabu erhoben. Das Gegenteil ist der Fall. Ich habe die Idee des Unsagbaren oder Unaussprechlichen niemals akzeptiert. Ich habe niemals aufgehört, das Wort zu restituieren, die Menschen zum Reden zu zwingen, und das bis in die extremen Details. „Shoah“ entsakralisiert, jenseits jeglicher Pietät. Wenn jemand in Tränen ausbricht, ziehe ich mich nicht unverzüglich zurück. Diese Tränen sind Teil der Konstruktion und Enthüllung der Wahrheit. Der Film bringt Menschen zum Sprechen, die nicht sprechen konnten. Das war eine sehr langwierige und schwierige Arbeit voll Brüderlichkeit und Liebe. Aber es war zugleich auch eine gefährliche Arbeit: Nazis ohne ihr Wissen zu filmen war etwas anderes und oft sehr riskant. Wenn „Shoah“ auch resakralisiert, dann auf andere Art, auf einer weitaus tieferen Ebene. Eine der Bedeutungen des Films lag für mich in der Auferstehung der Toten. Aber nicht im christlichen Sinne. Ich habe sie nicht wiederauferstehen lassen, um sie wieder lebendig zu machen, sondern um sie ein zweites Mal zu töten, damit sie nicht allein sterben, damit wir mit ihnen sterben. Das ist der Sinn der Reisen in „Shoah“. Wir machen sie mit ihnen. Es ist kein Film über das Überleben, sondern über den Tod, über die Radikalität des Todes, und die Protagonisten des Films sind die Sprachrohre der Toten. Sie sagen niemals „ich“, sie sagen „wir“. Sie erzählen nicht ihre persönliche Geschichte und wie sie überlebt haben. Sie sprechen für das ganze Volk. Für mich sind sie keine Überlebenden, sondern Wiedergänger. Sie sind Menschen, die von jenseits des Krematoriums zurückkehren. Keiner von ihnen hätte überleben sollen. Keiner.

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