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Clark Kent 2.0 : Zellenkrise

Auch an Superhelden geht der Fortschritt der Kommunikationstechnologie nicht spurlos vorüber: Wo soll man sich umziehen, wenn es keine Telefonzellen mehr gibt? Und wie denkt der Bürgermeister New Yorks darüber?

          Clark Kent, seit ewigen Zeiten Kriminalreporter beim „Daily Planet“, denkt darüber nach, sich zum Musikkritiker umschulen zu lassen. Folge der Zeitungskrise? Nein, der Zellenkrise. Es gibt in Gotham fast keine Telefonzellen mehr. Von den 35 000 Münzfernsprechern, die vor fünfzehn Jahren auf den Bürgersteigen standen, sind 11 000 übrig geblieben. Und die allermeisten dieser Fernsprecher sind öffentlich im Wortsinn: Wie bei Handygesprächen hört die Umgebung mit. Kann Kent sein Geheimnis bewahren? Wohin zieht er sich nun zurück, wenn er aus dem Reporteranzug in die Superman-Uniform wechselt?

          Manchmal verkriecht er sich unter einen der Tische, auf denen fotokopierte Filmskripts feilgeboten werden. Aber wenn er wieder auftaucht, will immer ein Tourist ein Autogramm auf dem Drehbuch des neuesten Batman-Films. Im Dampf der Würstchenbuden gewährt man ihm bereitwillig Asyl. Doch diese Oasen der Gastfreundschaft werben damit, dass der Hot Dog die Speisevorschriften des Korans erfüllt. Und mit der islamkritischen Bloggerszene will Kent sich lieber nicht anlegen. Pamela Geller soll nicht auf den Werbeflächen in der U-Bahn verbreiten, Superman praktiziere Taqiya, die Kunst der Verstellung.

          Bloomberg am Münzfernsprecher belauscht

          Der Wechsel ins musische Fach würde bedeuten, dass Kent sich jeden Tag einen Termin im Lincoln Center geben lassen könnte. Von dort sind es nur zwei Blocks bis zur Ecke von 66. Straße und West End Avenue, wo eine der letzten Telefonzellen der Stadt installiert ist. Bürgermeister Michael Bloomberg hat jetzt einen Ideenwettbewerb für die Neuerfindung der Telefonzelle ausgelobt. Man sieht daran, dass seine dritte und letzte Amtszeit sich dem Ende zuneigt. Er vermittelte bislang den Eindruck, neben ihm sei kein Platz für einen zweiten Supermann. Schließlich hatte er sich beim Wechsel aus dem Finanznachrichtenmanagement ins Rathaus nicht umziehen müssen.

          Die „New York Times“ meldet, Bloomberg habe unlängst Hillary Clinton angerufen, um ihr seine Nachfolge anzutragen. Wahrscheinlich von einem öffentlichen Fernsprecher, denn aus dem Amtssessel darf er sich nicht in den Wahlkampf einschalten. Drei Zeugen hätten Tatsache und Inhalt des Anrufs bestätigt, gibt die “Times“ an. Sie standen wohl vor dem Münzfernsprecher in der Schlange. Bloomberg mag Hillary versprochen haben, ihr vor das Haus der Clinton-Stiftung in Harlem das Telefon der Zukunft hinzustellen, mit Direktleitung in die Wall Street. Aber sie wird bezweifeln, dass sie die Zelle als Bürgermeisterin betreten und als Präsidentschaftskandidatin verlassen könnte.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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          Quelle: F.A.Z.

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