08.02.2012 · Die Künstlerin Cindy Sherman ist weltberühmt, aber ihre frühesten Arbeiten kannte bisher niemand. Eine Schau in Wien gibt jetzt Einblick in diese Werkphase.
Von Rose-Maria GroppDiese kleine Ausstellung und dieses dicke Buch sind ein starkes Stück. Cindy Sherman hat ihre Anfänge freigegeben. Sie erlaubt beinah voyeuristische (was für ein Wort in Verbindung mit dieser Künstlerin) Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihres Werks. Das verdient umso mehr Beachtung, als die Beseitigung erster Arbeitsspuren in der zeitgenössischen Kunstwelt, die zur Markenwelt degeneriert, habituell geworden ist - mit dem Ziel der kompakten gereinigten Künstler-Imago vor aller Augen.
Sherman hat also mitgearbeitet an der Erstellung eines Catalogue Raisonné, der ihre praktisch unbekannten Anfänge zwischen 1975 und 1977 minutiös dokumentiert. Sie, die Perfektionistin, wollte keine Auslassungen: selbst dort nicht, wo sie sich 1975 ganz entblößt hat für eine Studentenarbeit aus siebzehn einzelnen Aufnahmen. Sie wird das später nie wieder tun, Schamgefühl ist ein fundamentaler Charakterzug, der ihr gesamtes OEuvre untergründet.
In „Air Shutter Release Fashion“ deutet sie auf ihrem nackten Leib mit dem sechs Meter langen Kabel des Selbstauslösers ihrer Kamera Kleidungsstücke an. Ihren Kopf hat sie dabei jeweils weggemalt, nur die Torsi bleiben. Die kuriose Bildfolge ist bedeutungsgeladen, sie enthält Shermans Schaffen in nuce: die Verankerung in der Konzeptkunst, die Affinität zur Performance, endlich den Bezug auf den weiblichen Körper, dessen Einkleidungen wechselnde Identifikationen erzeugen und Außenwahrnehmungen steuern.
Wer es noch nicht verstanden hatte, sollte es angesichts dieses erstaunlichen Katalogs begreifen: Sherman ist nicht die Vortänzerin des notorischen Geschlechterverwirr-Kommandos, und sie ist schon gar keine narzisstische Ich-Ich-Ich-Attrappe. Von Anfang an spielt sie in ihrer eigenen Liga. Sie verflüssigt konsistente Identität, indem sie sich stets selbst zum Objekt ihrer Handlungen macht - zugleich aber deren Subjekt ist: Selbst-Erprobung und totale Kontrolle im gesamten Vorgang der Entstehung, an allen Fronten. So fotografiert sie in einer unbetitelten Serie von 1975 ihr Gesicht in der, durch Make-up erzeugten, sukzessiven Verwandlung von der unscheinbaren Studentin mit Brille in die Pose eines Vamps. Ähnlich imitiert sie in einer Folge von dreizehn Schwarzweißfotografien die Stufen des Heranwachsens, vom greinenden kleinen Mädchen bis zur selbstbewussten jungen Frau. Es ist genau dieses Prozesshafte, das ihre späteren Arbeiten nicht mehr preisgeben werden.
Cynthia Sherman wurde 1954 in Glen Ridge, New Jersey, als fünftes Kind in eine intakte bürgerliche amerikanische Familie geboren. Mit Unterstützung ihrer Eltern entscheidet sie sich für ein Kunststudium, das sie 1972 am State University College in Buffalo beginnt. Sie wendet sich dort 1975 von der Malerei der Fotografie zu. Als sie 1977 mit einem Stipendium nach New York geht, wo sie bis heute lebt, hat sie bereits beachtliche Arbeiten abgeliefert, die bisher in ihrem OEuvre ausgespart waren. Einige Beispiele aus dieser frühen Phase zeigt jetzt die „Vertikale Galerie“ in der Zentrale des österreichischen Stromversorgers Verbund in Wien.
Kaum jemand kannte bisher Shermans aufwendige Technik, aus Fotografien, auf denen immer sie in den skurrilsten Maskeraden zu sehen ist, „Cut-Outs“ herzustellen. Mit diesen Ausschnitten installierte sie veritable Dramen entlang der Wände, wie alte Fotoromane. Oder sie inszenierte solche Cut-Outs als Serien, in denen sie sich in wechselnden Posen und Maskeraden selbst multipliziert, ähnlich aus dem Ruder gelaufenen Revuen in alten Filmen. Und zu sehen sind in Wien auch zwei tonlose Kurzfilme, in denen Sherman wieder auftritt als eine Art Anziehpuppe, zwischen echter Komik und einem Hauch von Sarkasmus.
Das Mitreißende an diesen Übungen ist, dass sie wie Keimzellen funktionieren. Sie erlauben den Blick ins Labor von Shermans Phantasien; zu sehen ist gleichsam das Making-of eines der wichtigsten Künstler unserer Zeit. Das Erzählerische hat sich Sherman bewahrt, und das Konzepthafte ihrer Kunst hat sie nie aufgegeben. Dass der Schrecken jenes zerstückelten Körpers, den ja alle Selbstvergewisserung im Spiegel und alle Maskerade ständig kleinhalten sollen, schon in diesen Ausschnitten und Verklebungen lauert, ist unübersehbar.
Cindy Sherman ist die Künstlerin, deren reale Gestalt kaum jemand kennt. Doch sie ist die Frau, deren Schaffen auch Leute kennen, die der Kunst sonst wenig affin sind. Gerade weil sie mit ihrem Gesicht, mit ihrem Körper arbeitet, seit nun fast vier Jahrzehnten. Ihre Verkleidungslust, hinter der eine tiefe Scheu vor jedem Exhibitionismus steht, hat sie berühmt gemacht, nun hat sie ihre Vorgeschichte.
Auch das sorgfältige aufwendige Werkverzeichnis, das auf Initiative von Gabriele Schor zustande kam, die seit 2004 die „Sammlung Verbund“ leitet, hat das Strom-Unternehmen finanziert, das sich im Übrigen eine Kollektion mit einem bemerkenswert geschärften Profil leistet (und nicht bloß, weil „Feministische Avantgarde“ dazu zählt). Schor konnte für die Unternehmenssammlung auch Arbeiten Shermans erwerben.
Weil manche Teile der damals immens zeitintensiven Foto-Collagen längst verloren oder mindestens ephemer geworden sind, entstanden 2000 und 2011 neue Editionen nach einigen der Vorlagen, fraglos Nahrung auch für den Kunstmarkt. Wer im Werkverzeichnis liest, findet die entsprechenden Verweise: So hat, zum Beispiel, Sherman die einzelnen Figuren aus ihrem „Murder Mystery“-Fotoroman von 1976 als „Murder Mystery People“ im Jahr 2000 in einer Zwanziger-Auflage gewissermaßen wiederbelebt. Das gehört zum Geschäft (mit) einer so prominenten Künstlerin; alles andere wäre naiv.
Im Grunde genommen hat Cindy Sherman mit dieser überraschenden Veröffentlichung aus den Anfängen der ganz großen performance ihres Lebens ihrer fortlaufenden, längst noch nicht abgeschlossenen Erzählung von Dekonstruktion und Selbsterfindung jetzt ein weiteres Moment hinzugefügt. Das ist schon ein Coup; denn die wahren Geheimnisse hüllen sich doch gerade in ihre Offensichtlichkeit. Sie war übrigens zur Eröffnung der Ausstellung da. Sie ist keine ihrer Erfindungen, nicht eine einzige. Sie ist die Künstlerin, die die Lücke im Begehren offenhält, lächelnd.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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