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Christo-Projekt Die große Enthüllung

12.02.2005 ·  Kein Sinn, kein Ziel, einfach nur schön: Christos und Jeanne-Claudes vergängliches Monumentalkunstwerk „The Gates“ im New Yorker Central Park ist offiziell eröffnet.

Von Peter Richter
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Christo: das ist dieser Bulgare mit der Woody-Allen-Brille und der orangegefärbten Frau, dessen Arbeiten man getrost als monumentalen Kitsch bezeichnen kann - jedenfalls so lange, bis man mal eine live gesehen hat. Denn es hat sich gelohnt, am Samstag schon um halb neun Uhr morgens auf dem tiefgefrorenen Boden des Central Parks zu stehen, als die Helfer kamen, mit fünf Meter langen Enterhaken auf die Gerüste zuschritten, an einer Lasche zogen und 7500 schlaffe Guillotinen aus Stoff auslösten, die dann knapp über den Köpfen der Leute leise im Wind knisterten, in der Wintersonne leuchteten, einen frühlingshaften Kontrast zur erfrorenen Vegetation bildeten und damit, je nachdem, an wehende Sommerkleidchen denken ließen oder an Signalplanen der Berliner Stadtreinigung.

Es waren Unmengen von Deutschen im Park an diesem Morgen; Christo ist ja vor allem in Deutschland weltberühmt. Vielleicht weil Monumentalkunst, die zur Abwechslung mal kein schlechtes Gewissen macht, dort eine gewisse Bedarfslücke füllt. In Deutschland haben Christo und Jeanne-Claude jedenfalls, angefangen mit der Luftwurst bei der Documenta IX, viele wichtige Werke realisiert, von dort stammt Wolfgang Volz, der einzig autorisierte Christo-Fotograf, die für unwegsames Gelände zuständige Aufbaubrigade rekrutierte sich aus Berliner Fassadenkletterern.

So orange wie zuletzt Kiew

Gegen elf sah die Stadt dann so orange aus wie zuletzt Kiew während des Aufstandes, wobei diese Farbe in New York allerdings nach dem Willen Christos inzwischen flächendeckend als „safrangelb“ bezeichnet wird. Mit Safran, immerhin so ziemlich dem teuersten aller Gewürze, wird im Moment auch viel gekocht in den besseren Restaurants, und wer eine Wohnung mit Blick auf den Park sein Eigen nennt, gab am Freitag abend möglichst eine Party.

Bildergalerie: „The Gates“ im Central Park - Die große Enthüllung

„The Gates“ ist ein Kunstwerk, das begangen werden will, und zwar erstens festlich, so etwas kommt schließlich nie wieder, und zweitens mit den Füßen. Denn das neue an „The Gates“ ist nicht, daß Christo und seine Frau Jeanne-Claude die verschlungenen Wege eines Parkes wie mit dem Textmarker nachzeichnen, das hatten sie auch 1978 schon mit den „Wrapped Park Ways“ im Jacob L. Loose Park bei Kansas City getan, auch dort übrigens „safrangelb“; neu sind die fünf Meter hohen Tore, die etliche Kommentatoren schon im Vorfeld an Wäschestangen erinnerten und die nach den Worten Christos einen Korridor bilden, durch den man nun schreitet wie unter einem Baldachin aus Duschvorhängen.

Wie der Ball beim Minigolf

Man könnte auch sagen: man fühlt sich wie der Ball beim Minigolf; der Spaziergänger wird jedenfalls ungewohnt eng geführt, erlebt das immense Wegenetz des Parks dafür aber viel intensiver und gerät an jeder Gabelung in ein Drama der Entscheidung. Wenn er Glück hat, trifft er einen uniformierten Posten, der auf die Frage, was das ganze bitte schön eigentlich soll, auf Anweisung von Jeanne-Claude antworten wird: Gar nichts.

Kein Zweck, kein Symbol, keine Botschaft, hatte sie am Freitag dekretiert, nur „joy and beauty“. Jeanne-Claude knetete Christos Hand, als sie bei ihrer eigenen Pressekonferenz im Metropolitan Museum saßen. Wenn Christo etwas gefragt wurde, standen immer beide auf. Meistens redete sie. Was sie redete, war das, was sie bei solchen Gelegenheiten eigentlich immer sagen: daß sie das im Grunde nur für sich selbst machen, daß jeder damit anfangen soll, was er will, daß alles komplett selber finanziert ist und zum Schluß rückstandslos dem Recycling übergeben wird. New Yorks Bürgermeister Michael R. Bloomberg moderierte persönlich. Daß er kostenlos einen Besuchermagneten bekommt, von dem er sich mitten im sonst gewöhnlich flauen Februar achtzig Millionen Dollar für die Wirtschaft der Stadt erwartet, das schien er genausowenig fassen zu können, wie die Tatsache, daß sich seine Vorgänger diese Chance sechsundzwanzig Jahre lang entgehen lassen haben.

Konsequentes Lebenswerk

Christo und Jeanne-Claude sind damit endlich in der Stadt angekommen, in der sie seit vierzig Jahren leben, auch wenn sich Christo in New York noch immer ein bißchen ausnimmt wie ein ärmlicher osteuropäischer Verwandter auf Besuch. Im Juni werden die beiden, die am selben Tag und angeblich sogar zur selben Stunde geboren wurden, siebzig Jahre alt. Da sie, abgesehen von der Verpackung des Arkansas River in Colorado, erst einmal keine weiteren Projekte verfolgen wollen, ist „The Gates“ auch so etwas wie die vorläufige Vollendung eines beeindruckend konsequenten Lebenswerkes, das vor knapp fünfzig Jahren schon damit begann, den Leuten entlang einer Wegstrecke erbauliche Ausblicke zu bieten: mit den bemalten Bauernhäusern und mit den sozialistischen „Agitationsidyllen“ (Werner Spies), die der bulgarische Fabrikantensohn nach seinem Kunststudium in Sofia für die Reisenden im Orient-Expreß inszenierte, bevor er - wie Lenin, nur andersherum - selbst in einem plombierten Eisenbahnwagen in den Westen floh. Was er dahin einschmuggelte, war, neben dem Hang zu Potemkinschen Dörfern, vor allem die akademische Ausbildung der Ostblockländer.

Christo ist ein brillanter Zeichner, der bis heute bewundernswert ungeniert mit der Ästhetik der Jahrhundertwende flirtet, mit der Schönheitstrunkenheit und den koketten Revolten gegen den sogenannten bürgerlichen Kunstbetrieb. Die Porträts, mit denen er sich je nach Kundenwunsch im Stil von Ingres oder Renoir das Geld für den Neubeginn in Paris erpinselte, signierte er noch mit Javacheff. Nachnamen und Pinsel legte er dann vorsorglich ab, bevor er im Umkreis der nouveaux réalistes seine eigentliche Karriere im Westen begann und anfing, mit den Dingen selbst zu malen, indem er Stühle, Instrumente oder Verkehrszeichen verpackte. Das war einerseits zwar ordnungsgemäß konzeptionell, ein kritisches Spiel mit dem Verpackungsfetischismus des Kapitalismus und eine Aufwertung der Gegenstände, die durch die Verhüllung ins vergeßliche Bewußtsein zurückgerufen wurden. Aber das hatte andererseits trotzdem immer auch noch großen graphischen Reiz und kam den Abstraktionen nahe, mit denen man an akademischen Zeichenschulen die Volumen von sperrigen Gegenständen, zum Beispiel eben Stühlen, beigebracht bekommt. Vielleicht fällt einem das erst im Rückblick, im Gegenlicht des enormen Erfolges auf: daß Christos Werk gar nicht unbedingt so sehr verhundertwässert ist auf seinem langen Weg von der Ironie zum Pathos und aus dem Pariser Underground in die Coffeetablebooks von Mittelklassehaushalten, sondern daß auch die frühen Arbeiten durchaus schon attraktiv gefunden werden wollten.

Nicht abbilden, sondern dasein

Daß Christo heute auch für Leute, die man normalerweise nicht auf Vernissagen trifft, ein Begriff ist, mit dem sie etwas anfangen können - das liegt allerdings daran, daß es eigentlich, worauf die beiden seit zehn Jahren auch offiziell bestehen, Christo und Jeanne-Claude heißen muß. Denn ohne Jeanne-Claude als Organisations- und Überredungsfurie wäre es vermutlich gar nicht möglich gewesen, mit der dann folgenden brutalen Gigantomanie derart radikal aus dem Kunstbetrieb aus- und in die Öffentlichkeit einzubrechen. In die wirkliche Welt, wo man nicht mehr abbilden muß, sondern nur dasein. In die politischen Entscheidungsschlachten. In die Gremien- und Debattenhöllen der Demokratie. Nachdem der Immigrant aus dem Osten die Warenwelt des Westens erst eingepackt und dann deren Schaufenster zugehängt hatte, drehte er gewissermaßen den Spieß um und nahm sich den öffentlichen Raum, die staatlichen Symbole, die unveräußerlichen Gemeingüter vor - um sie vorgeblich zum Privatvergnügen zu verschönern. Das mußte immer erst mal durchgesetzt werden. Und ab diesem Zeitpunkt gehört auch der immense Widerstand von Lokalpolitikern mit zum Werk, der immer dann plötzlich sehr unerklärlich erscheint, wenn alles fertig ist und sich als eigentlich ganz schön herausstellt. Eine verpackte Küste in Australien. Je ein Tal voller Sonnenschirme in Japan und Kalifornien. Der verpackte Reichstag in Berlin.

Es sind diese spektakulären Großprojekte, die Christo und Jeanne-Claude weltbekannt gemacht haben und deren vorläufig letztes seit gestern im Central Park begutachtet werden kann. Für genau sechzehn Tage. Der Kürze des Ereignisses steht nicht nur die Länge der Vorbereitungszeit gegenüber, sondern auch der enorme logistische Aufwand - und der fast unerträglichen Leichtigkeit des Ergebnisses, der freundlichen, safrangelb vor sich hin flatternden Ayurveda-Gutmütigkeit eine brutale, gigantomanische Statistik, die unter anderem einen Stahlverbrauch aufführt, der für zwei Drittel des Eiffelturms gelangt hätte und im übrigen im Internet im Christo-Jeanne-Claude-Net bestaunt werden kann. Christos Zeichnungen zu dem Projekt wird man demnächst sicherlich in den Wartezimmern von New Yorker Ärzten und Steuerberatern wiederfinden. Sie entsprechen denen vom Reichstag an den Wänden ihrer deutschen Kollegen. Sie sind erschwinglich. Christo hat in den letzten Wochen im Akkord gezeichnet. Das kann er, wie gesagt, sehr gut. Das uralte Motiv des Faltenwurfs hat in diesen Blättern sein letztes Refugium in der Gegenwartskultur. Damit wird das Geld verdient, das der ganze Aufwand kostet. Mit vergleichsweise billiger Kunst wird da eine Kunst finanziert, die zum Schluß komplett kostenlos ist, nicht erworben, besessen und gehandelt werden kann, sondern nur erlebt - oder versäumt.

Viele Jahre für 16 Tage

Nachdem zweieinhalb Jahrzehnte, drei Bürgermeister und das traumatische Erlebnis des elften September nötig waren, um die Genehmigung zu bekommen, fällt es vielen nicht leicht, zu begreifen, warum jetzt so schnell wieder Schluß sein soll mit „The Gates“. „Wir wollen, daß dem Werk eine Liebe und Zärtlichkeit entgegengebracht wird, wie sonst nur vergänglichen Dingen, zum Beispiel der Kindheit“, sagt Jeanne-Claude dazu. Und Christo hat einmal verkündet, daß man die vielen unwiederbringlichen Arbeiten vermissen möge wie einen Freund, der gestorben ist.

In Anbetracht der Tatsache, daß in dieser Welt eine ganze Menge Großprojekte herumstehen, von denen man ebenfalls zärtlicher sprechen könnte, wenn sie eines Tages wieder abgebaut würden, ist die strikte Kurzlebigkeit der Arbeiten von Christo und Jeanne-Claude am Ende vielleicht sogar ihre berührendste Qualität. Die beiden firmieren als Verpackungskünstler. Manchmal auch als Überredungskünstler. In Wahrheit sind sie vielleicht die letzten großen Barockkünstler. Leute, die Festdekorationen entwerfen und unfaßbaren Prunk aufbieten, um einem am Ende doch nur die gute alte Vergänglichkeit um die Ohren zu hauen. Das zeitgemäßeste Vanitas-Motiv ist vermutlich das Gefühl, etwas verpaßt zu haben. Das verleiht der Sache die touristische Komponente, die Bürgermeister Bloomberg so begeistert. Diese Woche will er das Olympische Komitee mit „The Gates“ beeindrucken. Die Männer werden in dem Ansturm auf das Projekt ihr eigenes Motto in melancholischer Form wiedererkennen: Dabeigewesen sein ist alles.

Wer aber damals dummerweise auf der Wiese vor dem Reichstag schon nicht dabei war und jetzt keinen Flug nach New York mehr kriegt - dem bleibt als Notwehr nur, wie gehabt, Christos Arbeit als monumentalen Kitsch in der Haarfarbe seiner Frau zu betrachten.

Die Fotografien von Wolfgang Volz, seit 1971 offizieller und allein berechtigter Fotograf des Paares, sind parallel zur Dauer von „The Gates“ im Chelsea Art Museum zu sehen. Das MoMA zeigt begleitend alle großen Filme, die über Christo und Jeanne-Claude entstanden sind.

Quelle: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
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