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Veröffentlicht: 16.09.2012, 13:45 Uhr

Christian Wulff Was es heißt, ein Mann zu sein

Christian Wulff erlebt gerade, wovor wir alle uns fürchten; dass auf einmal all die Sicherheiten wegbrechen, auf denen unser Leben ruht. Womöglich zeigt ausgerechnet er uns nun, wie wir so etwas überstehen. Ein Aufruf.

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© ddp images/AP/Michael Sohn Am 17. Februar 2012 trat Christian Wulff als Bundespräsident ab. Vielleicht tritt er als er selbst wieder auf.

Wir wissen nicht, wo Christian Wulff sich gerade befindet, aber wir haben eine genaue Vorstellung davon, wie es dort aussieht. Wir kennen das Bild aus unzähligen amerikanischen Filmen. Ein Mann sitzt in einem Sessel, auf einem Sofa oder der Kante eines Bettes, die Vorhänge sind zugezogen, seit Tagen schon. Er sitzt einfach und schaut und begreift, dass sich die Fundamente seines Lebens auflösen. Er hat seinen Job verloren, seine Karriere ist ruiniert, der Ruf dahin, er hat Schulden, und nun läuft auch noch seine Ehefrau, die immer als ein wenig zu schön für ihn galt, durch die Stadt und spricht über ihn, und es ist nicht nett, was sie sagt.

Noch nie ist jemand vor aller Augen so umfassend gescheitert wie Christian Wulff. Beruflich, gesellschaftlich, finanziell und privat. Normalerweise genügt ein Flop auf nur einem dieser Felder, um das Leben eines Mannes ins Wanken zu bringen. Und doch liegt die Ironie seines Scheiterns nicht darin, dass Christian Wulff, dessen hervorragendste Eigenschaft immer die Durchschnittlichkeit gewesen ist, gleich vierfach den Albtraum erlebt, vor dem jeder Durchschnittsmann sich fürchtet. Die Ironie liegt darin, dass Christian Wulff jetzt, wo er nicht mehr der erste Mann im Staate ist, zeigen kann, was es heißt, im Leben einer zu sein.

Das war von ihm sicher anders geplant, wenn nicht sogar genau umgekehrt gedacht. Die wichtigsten Schritte im Leben von Christian Wulff waren drauf angelegt, genau dies zu vermeiden: seinen Mann stehen zu müssen. Dass diese Strategie unter Männern verbreitet ist, nimmt seiner jetzigen Lage nichts von ihrer Ausweglosigkeit, verleiht ihr zugleich aber etwas Beispielhaftes. Natürlich sind wir nicht Christian Wulff, aber Christian Wulff ist einer von uns.

Das Geschöpf einer Organisation

Mit sechzehn tritt er in die Partei ein und wird, was noch heute viele Männer zu werden anstreben, das Geschöpf einer Organisation. Ob sich diese Existenz in einer Partei, einem Konzern, einer Verwaltung oder einer Redaktion vollzieht, spielt keine Rolle, sie bietet überall denselben Vorteil. Sie beantwortet die wichtigen Fragen des Lebens ohne, dass man sich mit ihnen beschäftigen müsste. Die Organisation sagt einem, wer man ist, nennt es Funktion und druckt es auf Visitenkarten. Sie sagt einem, was man soll, vergibt einen Aufgabenbereich, verteilt Arbeit, fragt Ergebnisse ab, und sie sagt einem, was man aus sich machen kann, weil sie eine Hierarchie anbietet, die einem zeigt, wo unten und oben ist und an welcher Position zwischen diesen beiden Punkten, man sich befindet.

Die Organisation verleiht Bedeutung, man ist der Mann von der Bank, vom Werk, vom Amt, von der Zeitung. Sie verleiht Sinn, man macht Rendite, baut Autos, erstellt Bescheide, schreibt Artikel, und sie ermöglicht all das in einer fast schon unwirklichen Sicherheit, mit regelmäßigen Gehalt, berechenbarer Rente und, sollte man doch einmal krank sein oder einen dummen Fehler machen, beruhigt einen das Gefühl, dass das Schicksal des Ganzen letztlich doch nicht von einem allein abhängt. Die Organisation behandelt ihre Männer wie eine Mutter ihre Söhne, sie vertraut, sie verzeiht, sie erzieht durch Vorbild, mit einer Ausnahme vielleicht, sie bereitet einen nicht darauf vor, sie jemals zu verlassen. Das ist für den Einzelnen der größte Nachteil einer Organisation, dass sie ihm sein Denken auf ein Leben darin beschränkt und mit der Angst versieht, es könne außerhalb von ihr keines geben.

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