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Christian Wulff als Geistesmensch Damit da einer über uns ist

29.06.2010 ·  Wozu braucht die Bundesrepublik einen Bundespräsidenten? Als Königsersatz, scheint Christian Wulff zu denken, der sich als Nachfolger Friedrichs des Großen sieht und im Amt Geistesmenschen um sich scharen will. Eine leicht gefasste Idee - mit Tücken im Detail.

Von Patrick Bahners
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Möchte Christian Wulff unter die Dichter gehen? Hat er eine Geschichte des Landes Niedersachsen in der Schublade, ein Epos über den Triumph von Lena Meyer-Landrut im Computer und Spottverse auf Ursula von der Leyen im Kopf? Seine Interviewer von der „Bild am Sonntag“ forderte der Präsidentenkandidat der Kanzlerin auf: „Denken Sie an Friedrich den Großen und seinen Berater Voltaire.“

Tut man das, so fällt einem ein, dass der preußische König den Philosophen, der von 1750 bis 1753 an seinem Hof lebte, als Ratgeber nur in literarischen Angelegenheiten heranzog, als Autorität im französischen Stil. Theodor Schieder hat Voltaires politischer Rolle ein Kapitel seiner Friedrich-Biographie gewidmet. Der eitle Schriftsteller strebte durchaus politischen Einfluss an. Friedrich machte sich ein Vergnügen daraus, dem neugierigen Ehrengast alle Geheiminformationen vorzuenthalten und seine Verse, nicht seine Pläne zur Korrektur zu schicken: „Ich berichte Ihnen nicht von meinen Obliegenheiten, da es Dinge sind, um die Sie sich wenig scheren. Feldlager, Soldaten, Festungen, Geldangelegenheiten, Prozesse sind allerorten zu Hause; alle Gazetten sind voll von derlei Plagen.“

Die Wahl zum Universalgenie

Wir zitieren aus der vorzüglichen Ausgabe des Briefwechsels von Hans Pleschinski, die in ihrer schönen Ausstattung möglicherweise in der auf zehntausend Bände geschätzten Bibliothek im Hause Wulff steht, wie ebenso vielleicht Schieders auch in einer Buchclub-Ausgabe verbreitetes „Königtum der Widersprüche“. Wulff erläutert den Lesern der „Bild am Sonntag“ wie womöglich demnächst den Möbelpackern, dass er „natürlich nicht“ alle Bände gelesen hat. Lektüre hätte ihn davon abbringen können, die Potsdamer Junggesellenmenage als Vorbild für sein Projekt zu beschwören, aus dem Schloss Bellevue eine „Denkfabrik für Deutschland“ zu machen. „Wissenschaftler, Politiker, Künstler, kluge Köpfe könnten dabei helfen, unser Land modern und zukunftsfest zu machen.“

Als das einzige im weiteren Sinne politische Interesse, das die beiden Aufklärer verband, führt Schieder den Hass auf die Kirchen an. In diesem Geist will Christian Wulff unser Land wohl nicht modernisieren; die Benennung einer Ministerin, die sich mit der Forderung nach Kruzifix- und Kopftuchverbot einführte, war eine Panne. Im Interview bekennt der Katholik: „Mir gibt der Glaube ein Wertegerüst, Orientierung, Bindung und das Vertrauen, dass da etwas über uns ist, dass es eine Letztverantwortung und eine Perspektive über den Tod hinaus gibt.“ Gern besäße man zu diesem Satz eine Marginalie Friedrichs des Großen.

Für einen Voltaire deutscher Zunge, dem er seine Verlautbarungen zur Grammatikprüfung vorlegen könnte, hätte Wulff Verwendung. Er ließ den Interviewsatz autorisieren: „Das Staatsoberhaupt wird ja nicht durch die Wahl zum Universalgenie, sondern ist auf den Rat von klugen Leuten angewiesen.“ Hier ist nicht gemeint, dass die Genialität von Bischof Huber, Thea Dorn und Harald Welzer auf den zuhörenden Schlossherrn übergeht. Richtig müsste der Satz lauten: Das Staatsoberhaupt wird ja durch die Wahl nicht zum Universalgenie.

Die Unausweichlichkeit der Schmeichelei

Auch in der Bescheidenheitsfloskel verrät sich die Selbstüberschätzung – Berufsrisiko des Politikers und gefährlich bei denen, die das Amt anstreben, in dem sie nicht mehr tun können, was Politiker tun: Macht ausüben. Nein, ein Genie ist man nicht, man bleibt ein Mann aus dem Volk. Aber eine Runde von Nobelpreisträgern einzuladen, etwas mitschreiben zu lassen und hinterher eine Rede zu halten mit Ideen, auf die kein Politikerkollege gekommen ist, um Deutschland endlich zukunftsfest zu machen – das traut man sich schon zu. Den Genieverdacht braucht man selbst gar nicht zu hegen, die Eingeladenen besorgen es schon, einem zu verstehen zu geben, so kluge Fragen hätten sie in ihren Arbeitszusammenhängen ja noch nie zu hören bekommen.

Friedrich II. von Preußen war wohl der begabteste Erbmonarch der Neuzeit, aber auch sein Verhältnis zu den Mitphilosophen war vergiftet durch die Asymmetrie der Rollen, die Unausweichlichkeit der Schmeichelei. Voltaire schrieb dem Autor der „Geschichte des Hauses Brandenburg“: „Man erkennt das Genie, das stets sein Thema beherrscht.“ Aber ein Bundespräsident muss wie der Kandidat wirtschaften mit dem, was man ihm aufschreibt oder was er aufgeschnappt hat. „Goethe war Minister und von Humboldt preußischer Beamter – beide waren Staatsdiener.“ Ein Ministerpräsident kennt nur einen Humboldt – den, dessen Universität man gerade ruiniert hat.

Wulffs Voltairianismus ist in der Sache nicht weiter ernst zu nehmen; der Kandidat schmückt sich mit dem Traumberaternamen wie seine Frau mit der Tätowierung, zu der er wissen lässt, Sissi habe auch eine gehabt. Aufschlussreich ist die Vision vom Denkerschloss für das Amtsverständnis, das Wulff ganz selbstverständlich mitbringt. Ist man erst einmal Schlossherr im Bellevue, dann sucht man den Voltaire unseres Zeitalters und findet Richard David Precht.

Die Verpastorung der Präsidenten

Der Bundespräsident gilt weithin als Ersatzmonarch. Er könne seine Sache nicht so gut machen wie ein geborener und zum symbolischen Handeln erzogener Fürst, hat der Schriftsteller und Jurist Martin Mosebach in der „Welt am Sonntag“ dargelegt; Mosebach fordert den Wechsel zur Präsidialverfassung. Der Konstanzer Staatsrechtler Christoph Schönberger hat unlängst die monarchischen Traditionselemente des Bundespräsidentenamtes analysiert. In den von einigen Amtsinhabern genährten Erwartungen an einen Präsidenten über den Parteien, der das Gemeinwohl repräsentiert, kehrt ein Grundgedanke der konstitutionellen Monarchie in identischen Formeln wieder, die unter demokratischen Prämissen dubiose Vorstellung eines neutralen Staats über der Gesellschaft.

Noch offener als seine Vorgänger appellierte Horst Köhler laut Schönberger an entsprechende Ressentiments in der Bevölkerung – was nicht verwundere bei einem Mann mit bürokratisch-technokratischem Hintergrund ohne Erfahrung in Wahlämtern. Schönberger weist darauf hin, dass viele der verbliebenen Monarchen staatsreligiöse Aufgaben haben. In unserer Zivilreligion soll der Präsident dem Bürger geben, was Wulff von seinem Gott erwartet: ein Wertegerüst, Orientierung, Bindung und das Vertrauen, dass da etwas über uns ist. Mosebach spottet in Anlehnung an Senecas „Verkürbissung“ des Kaisers Claudius über die Verpastorung der Präsidenten. Warum also nicht gleich einen Pastor nehmen?

Was für eine hundselendigliche Gegend

Joachim Gauck zieht die Sehnsüchte nach einem Bürgerkönigtum auf sich. Die bürgerlich-revolutionäre Variante der anti-parteipolitischen Präsidentschaft, die einige seiner Unterstützer propagieren, ist die Unterseite des obrigkeitsstaatlichen Denkmusters. Im Wortlaut des Grundgesetzes findet eine Theorie der höheren, vom Parteienstreit nicht kontaminierten Repräsentation nach Schönberger keine Stütze. Es sieht für den Bundespräsidenten die unglamouröse Aufgabe vor, sich wie die Königin der Niederlande oder der König der Belgier um eine stabile Regierung in instabilen Parteiverhältnissen zu bemühen, wie sie auch bei uns eintreten können. Vielleicht schon morgen. Ob Christian Wulff durch sein Leben auf diese Aufgabe vorbereitet ist? Die Ministerpräsidenten üben das Regieren und Repräsentieren, wie Schönberger anmerkt, in einem Präsidialsystem.

Als Voltaire im Juli 1750 an Friedrichs Hof reiste, schrieb er ihm aus Halberstadt: „Sire, was für eine hundselendigliche Gegend ist dieses Westphalen und was so um Hannover und Hessen liegt! In zwei Tagen legt man hier drei Meilen zurück.“ Heute gibt es den ICE. Christian Wulff hat sich eine Rückfahrkarte besorgt.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

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