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Christian Ulmen Man muss boshaft sein

 ·  Christian Ulmen ist ein brillanter Improvisationskomiker. In der neuen Krimiserie „Dr. Psycho“ beweist er als Polizeipsychologe, wie witzig er fertige Drehbücher interpretieren kann. Ein Gespräch über Comedy, Moral, Zynismus, Sauwitze und Stefan Raab.

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Christian Ulmen ist ein brillanter Improvisationskomiker. In der neuen Krimiserie „Dr. Psycho“ (Montag, 21.15 Uhr, ProSieben) beweist er als Polizeipsychologe, wie witzig er fertige Drehbücher interpretieren kann. (F.A.Z.)

Herr Ulmen, braucht gute Comedy Skripte?

Ich finde den Begriff furchtbar, aber es gibt gut geschriebene und gut improvisierte Comedy. Kommt drauf an, was man will. Wenn Ralf Husmann eine Krimiserie macht, lebt sie definitiv durch seine guten Skripte.

Das beweist er mit „Stromberg“.

Er hat das Talent, eine sehr mundgerechte Sprache zu finden.

Dennoch erwecken Sie auch in „Dr. Psycho“ den Eindruck, ohne Drehbuch zu spielen.

Wir haben zweieinhalb Monate von morgens um acht bis abends um zehn gedreht. Da passiert es natürlich manchmal, dass Dinge aus einem herauspurzeln, die nicht im Buch stehen, der Figur jedoch zuträglich sind. Ralf Husmann hat mir während der Produktion von „Mein neuer Freund“ von der Krimi-Idee erzählt. Ich sollte in „Dr. Psycho“ Max Munzl spielen - und er wusste schon beim Schreiben, wie es sich anhört, wenn ich die Rolle spreche.

Aber Ihre Liebe gilt der Improvisation.

Bei einer geschriebenen Geschichte kommt das auf die Szene an. Wenn sie keine Schlüsselfunktion für die Handlung hat, kann man mal ein bisschen improvisieren. Ansonsten macht man womöglich den Schlüssel kaputt und kommt nirgends mehr rein. Mir fallen Mischformen schwerer. Ich kann entweder am Text hängen wie bei „Dr. Psycho“ oder komplett improvisieren wie bei „Mein neuer Freund“.

Das war wirklich ganz improvisiert?

Als Entertainer Knut hab' ich seine Witze auswendig gelernt, diese Zoten, teilweise von Fips Asmussen. Ansonsten gab es nur grobe Handlungsstränge.

Können Sie Fips Asmussens Stammtischhumor etwas abgewinnen?

Ich wäre geneigt, zu antworten: nur in der Persiflage. Dann aber muss man Robert Gernhardt zitieren, es gebe keinen ironischen Orgasmus, nicht mal eine ironische Erektion. Wer sagt, er lache über einen Witz, weil er so schlecht sei, lügt eigentlich, weil man eben lacht, wenn man lachen muss, und manchmal ist das brachialer Humor. Aber ein ironischer Deckmantel legitimiert manchmal das Lachen über Sauwitze.

Welche Art Witz hat „Dr. Psycho“?

Trockenen Humor über einen Psychologen, der Polizeiarbeit nur aus „Tatort“ oder „CSI“ kennt und denkt, es müsse schön sein, Verbrecher zu jagen und die Welt zu verbessern, dann aber in einen Beamtenapparat gerät, wo es mit Idealismus nicht weit her ist. Im Zusammenprall dieser Berufsauffassungen entstehen komische Situationen. Denn dadurch, dass Psychologen alle menschlichen Fehler zu kennen glauben, ist ihnen nichts peinlich, weil alles Peinliche auch menschlich ist. Der Humor in „Dr. Psycho“ definiert sich oft genau darüber.

Und er macht sich über niemanden lustig?

Nein.

Weil das nicht Ihr Humor ist?

Genau.

Bei MTV haben Sie da oft auf den Putz gehauen.

Das stimmt.

Sie bezeichnen sich als Moralisten.

Was man mir nicht vorwerfen kann: vorsätzlich auf die Schwächen von Menschen gezeigt zu haben. Was ich mit Moral meine, bezieht sich auf Sendungen wie „Verstehen Sie Spaß?“, wo sich Bodyguards auf eine Stellenanzeige für den Scheich von was weiß ich bewerben. Da meldet sich also ein arbeitsloser Personenschützer, soll einen Turban aufsetzen, quatschige arabische Wörter lernen und sich am Ende kastrieren lassen. Es wurde ein gynäkologischer Stuhl reingeschoben, und er war wirklich kurz davor: Hoden ab! In dem Moment kommt der Moderator rein und sagt: „Haha, alles nur Spaß.“ So macht man sich über jemand in einer misslichen Lage lustig.

Über das vielzitierte Präkariat also, das für einen Job alles tut.

Nicht grundsätzlich, aber in dem Fall war es jemand, der sich beworben hat. „Unter Ulmen“ war oft hart an der Grenze und „Mein neuer Freund“ moralisch manchmal bedenklich, und das war auch richtig so, aber wir haben niemanden zurechtgemacht, um ihn zum Lachen vorzuführen. Den größten Schmerz musste der Spieler ertragen, und manchmal tun Spiele eben weh, das weiß jeder, der mal Fußball gespielt hat.

Was halten Sie von Stefan Raab, der die unfreiwillige Zurschaustellung perfektioniert?

Trotzdem ist er zur Zeit einer der originellsten, kreativsten Fernsehmacher. Ich schätze, was er abliefert - ob „Wok-WM“, „Bundes-Vision-Songcontest“ oder „Schlag den Raab“. Wo sich andere ab einem gewissen Kontostand zurücklehnen, behält Raab eine Leidenschaft, die andere ansteckt.

Sind Ihnen gute Einschaltquoten echter Fans lieber als sehr hohe durch anspruchslosere Zuschauer?

Mein Traum wäre die Kombination. Könnte sogar klappen, schließlich ist „Dr. Psycho“ letztlich ein Krimi und damit ein gutes Zuschauerlockmittel. Im Zweifel ist mir eine überschaubare, aber liebende Zuschauerschar lieber, nur - das habe ich nun schon ziemlich lange, und ich würde gern mal sehen, wie es ist, wenn auch die Quote stimmt.

Eine Fernsehzeitung hat Sie mal den „Raab für Intellektuelle“ genannt.

Wenn dieser Schreiber mal in eine Redaktionskonferenz von „Mein neuer Freund“ gestoßen wäre, hätte er die Teilnehmer für einen Haufen Vollprolls von RTL2 halten können. Dass es hinterher sogar als gesellschaftskritisches Stück interpretiert wurde, hat aber damit zu tun, dass gerade nicht darauf geachtet wurde, die Intellektuellen zu versorgen, sondern darauf, was wir komisch fanden.

Wollen Sie noch immer den „alltagsroutinierten Geist überfordern“ wie bei MTV?

Das ging in erster Linie um die Situation vor Ort, nicht um die Wahrnehmung auf dem Bildschirm. Warum gucken Leute, wenn Sie auf der Straße einen Schotten im Kilt sehen? Weil das ihrem Alltagsbild nicht entspricht und dadurch überfordernd wirkt.

Sind Sie ein Zyniker?

Nein, aber um zum Kern des Komischen zu gelangen, muss man eine gewisse Boshaftigkeit in sich tragen. Eine misanthropische Sicht ist dem sehr zuträglich.

Sind Ihre Rollen kauzig?

Ja.

Wie viel von dieser Kauzigkeit steckt in Christian Ulmen?

Wenn man spielt, nimmt man am liebsten eine Figur, die einem sympathisch ist. Darum habe ich wie jeder Mensch Momente, in denen ich, nennen wir's: merkwürdig bin.

Das Gespräch führte Jan Freitag.

Quelle: F.A.Z., 24.03.2007, Nr. 71 / Seite 39
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