http://www.faz.net/-gqz-8y9x1

Laudatio zum Börne-Preis : Er erinnert an die Grenzen in uns

  • Aktualisiert am

Der Schauspieler Christian Berkel, Preisrichter und Laudator des diesjährigen Börnepreises. Bild: Wonge Bergmann

Der Schriftsteller und Philosoph Rüdiger Safranski erhält in der Frankfurter Paulskirche den Ludwig-Börne-Preis. Das entschied der alleinige Preisrichter Christian Berkel – und begründet es mit dieser Rede.

          Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde, lieber Herr Safranski, als ich vor drei Jahren vom Intendanten des ZDF Thomas Bellut gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könne, bei der Verleihung des Börnepreises an Peter Sloterdijk eine Auswahl von Texten des Namensgebers dieses so besonderen Preises zu lesen, habe ich mit Freuden zugesagt. Ich ahnte nicht wohin das führen würde. Zumal mir von Ludwig Börne nicht viel mehr bekannt war als seine, nennen wir es getrost Hassliebe zu Goethe, den ich, meine Mutter ist Schuld, von Kindesbeinen an liebte und verehrte.

          Erst sehr viel später beschlich mich der Verdacht, dass „Ich grüße dich du einzige Phiole, die ich mit Andacht nun herunterhole“ möglicherweise weder den Höhepunkt der Verzweiflung eines Universalgelehrten kurz vor dem Suizid treffend beschreibt, noch als Höhepunkt deutscher Dichtung gelten darf. Aber von dieser Ahnung zu Börne war es noch ein weiter Weg, von dem mich Goethe auf immer überraschendere Nebenwege, oder Abwege lockte. Das System, oder den Lebensentwurf, den Goethe zu einem eigenen Kunstwerk ausbaute, die Verbindung mit allen Wechselwirkungen zwischen ihm und seinen Figuren, habe ich erst viele Jahre später in Rüdiger Safranskis, nicht nur lehrreicher, sondern vor allem inspirierend erzählerischer Goethe-Biografie entdeckt.

          Goethe selbst war dieser Eine

          Zwischen Weimar und Italien, Politik, Selbstoffenbarung und konstanter Suche, vereint Goethe in sich eine Fülle, die er im Tasso in zwei Figuren, Tasso, den Dichter, Antonio, den Staatsmann aufspaltet, über die er die Gräfin Leonore Sanvitale sagen lässt: „Zwei Männer sind's, ich hab' es lang gefühlt, / Die darum Feinde sind, weil die Natur / Nicht Einen Mann aus ihnen beiden formte.“ Goethe selber war dieser Eine. Wie Rüdiger Safranski in wenigen Strichen dem Leser diese eher unfriedliche Koexistenz in Goethes Brust entwirft, sein Lebensthema, das ist in seiner Beiläufigkeit eine eigene Kunst.

          So gesehen trifft der Aphorismus „Bestimmt Erleuchtetes zu sehen, nicht das Licht“ auf den Preisträger nur bedingt zu. Wir alle habe zwei Wirklichkeiten, mindestens. Die eine, die uns gegebene, die wir mit Sinnen erfassen, die andere, die wir intuitiv erfassen, oder der wir uns in Glaubenssätzen nähern. Aber auch die gegebene Wirklichkeit bedarf der intuitiven Interpretation, wie das Heureka der Naturwissenschaftler beweist. Erst im Aufscheinen dieser äußeren Wirklichkeit, offenbart sich unsere innere Realität.

          Verbindung mit dem Geist eines Toten

          Ich bin kein Wissenschaftler. Nicht einmal ein wissenschaftlich denkender Mensch. Spätestens nach dem Heureka steige ich aus der Badewanne und gehe, berufsbedingt, in eine andere Richtung. Erlauben sie mir daher den Versuch, möglichst persönlich zu beschreiben, was die Begegnung mit den Texten Rüdiger Safranskis und die kurze Begegnung mit ihm selbst in mir auslösten, welche Assoziationen sie ermöglichten und in welcher Weise mir das Eine mit dem Anderen verbunden scheint.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.