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Christenlehre Der kleine Jesus von Nazareth

 ·  Wir kennen die Umstände seiner Geburt. Aber wie war der Gottessohn eigentlich als Junge, bevor aus ihm der Mann wurde, als den wir ihn heute verehren? Eine Kindergeschichte

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© Lucasfilm/Cinetext Bildarchiv Die Zukunft wirft ihre Schatten voraus: War Jesus als Kind schon besonders?

Jesu Schlaflegung

Es kam nun aber der Abend, da Jesus ins Bett gehen sollte, denn er war erst fünf Jahre alt und brauchte den Schlaf. Und Maria ging zu ihm, seine Mutter, und sagte, mein Kind, es ist Zeit sich hinlegen, wasch dir das Gesicht und die Hände, damit ich dir Gute Nacht sagen kann. Jesus aber sprach, ich bin noch gar nicht müde.

Da nahm ihn Maria bei der Hand und geleitete ihn in sein Zimmer, in dem stand das Lager, darin er sich betten sollte für die Nacht. Und sie setzte sich neben ihn und küsste ihm die Stirn und wünschte ihm süße Träume, wie es ihre Art war, denn daran war das Kind durch sie gewöhnt. Jesus aber sprach, erzähl mir zuerst noch eine Geschichte.

Und Maria erzählte ihm die Geschichte seiner Geburt, wie sie sich zugetragen hatte in Bethlehem; die war ihrem Kind die liebste. Und sie erzählte ihm von dem Stall und der Krippe und all den Tieren, die darum versammelt waren, und sie ließ auch die drei Weisen nicht aus, die gekommen waren aus dem Morgenland, um den neugeborenen König der Juden zu sehen. Das bin ich, sagte Jesus. Maria aber sprach, so ist es, mein Kind, und nun schlaf ein, es ist spät.

Wie sie aber zurückkam zu Josef, ihrem Mann, da war sie froh, dass sie nun Zeit füreinander haben sollten nach diesem Tag; der war voller Arbeit. Und Josef legte den Arm um seine Frau, dass sie ihm ein Essen gemacht hatte, und sie setzten sich zusammen an den Tisch, um miteinander zu reden. Da erschien Jesus vor ihnen, der wieder aufgestanden war, und sprach, ich hab aber noch Hunger.

Und Maria brachte ihn zurück in sein Zimmer, damit er Ruhe gebe. Aber Jesus erschien abermals, denn er hatte auch noch Durst, und wie seine Mutter ihm Wasser gebracht hatte, da kam er wieder und sprach, ich habe aber Angst im Dunkeln. Da stand Josef auf, sein Vater, und zürnte dem Kind, denn es war an jedem Abend, dass Jesus nicht schlafen wollte. Und Josef sprach, jetzt ist es aber genug.

Da überkam Jesus ein großer Ärger, dass er endlich ins Bett gehen sollte, und er stampfte auf mit dem Fuß und warf sich auf den Boden, dass Maria ihn tragen musste in das Zimmer, wo sein Lager war. Dort sang sie leise zu ihm, damit er sich beruhige, denn sie dachte an ihren Mann; der war wütend. Jesus aber hob an ein lautes Geschrei und trat fort die Decke, dass seine Mutter ihn darin nicht wickeln konnte. Da kam Josef in das Zimmer und schrie, jetzt ist Ruhe, aber sofort.

Jesus aber sagte, geh’ weg, du bist nicht mein Papa.

Da entsetzten sich Josef und Maria sehr, dass ihr Kind seinem Vater das gesagt hatte, denn das hatte es noch nie gesagt, und sie beide konnten sich nicht erklären, woher es davon wusste.

Jesu Entzweiung von Judas

Und es kam aber die Zeit, da Jesus vor das Dorf spielen ging mit seinem Freund, dessen Name war Judas, und er hatte ihn lieb gewonnen. Und sie gingen hinaus zu dem Fluss, der da lag und formten Figuren aus Schlamm, die ließen sie trocknen in der Sonne. Und Jesus berührte sie mit seiner Hand, dass es schien, als sollten sie lebendig werden. Da trat Judas auf sie zu und sagte, ich will nicht, dass du das machst.

Und Jesus antwortete, ich dachte, es bereitet dir Freude. Judas aber sagte, warum können wir nicht mal normal spielen.

Da gingen sie weiter und kamen an einen Busch, der war voll von Vogelnestern, und unter dem Busch fanden sie ein Junges, das war hinausgefallen. Da nahm Judas den Vogel und warf ihn von einer Hand in die andere und freute sich an dessen Schreien. Jesus aber wunderte sich, warum sein Freund das Tier so quälte, denn es war hilflos und hatte keinem etwas getan. Da nahm ihm Jesus den Vogel aus der Hand und strich ihm über das Gefieder, so dass er ruhig wurde und er ihn in das Nest legen konnte zu den anderen.

Judas aber sagte zu ihm, warum störst du mein Spiel, wo es mir Freude macht. Und als Jesus antwortete, ich kann diese Freude nicht verstehen, da wandte Judas sich ab.

Und sie gingen weiter und kamen an ein Feld, das war ganz trocken von der Sonne. Da griff Judas in seine Tasche und holte ein paar Streichhölzer heraus, die hatte er aus dem Haus seiner Eltern genommen, ohne dass sie es wussten. Und Jesus sagte, lass uns nicht mit dem Feuer spielen, denn es ist uns verboten. Da nannte Judas Jesus einen Angsthasen und sagte zu ihm, dann spiel ich eben allein.

Und so kam es, dass Judas das Feld in Brand steckte, und als das Feuer so groß war, dass sie es nicht mehr austreten konnten, sagte er zu Jesus, ich hau jetzt ab.

Jesus aber blieb stehen und wünschte sich, dass es regnen sollte und der Brand gelöscht werde. Aber der Himmel wurde nicht dunkel, es geschah weder Donner noch Regen. Da grub er mit den Händen in der Erde, damit er sie auf das Feuer werfen konnte, doch es war viel zu groß.

Da kamen aus dem Dorf die Leute herbeigelaufen, die sahen den Rauch schon aus der Ferne, und als sie bei Jesus ankamen, fragten sie ihn, wieso er das Feld angezündet, obwohl es verboten sei. Da antwortet Jesus ihnen, er habe das Feld gar nicht angezündet, aber er nannte den Namen des Freundes nicht, denn er wollte ihn nicht verraten. Die Leute aber sagten, er solle nicht Lügen erzählen, wo sie doch wissen, dass er es getan habe. Judas, sein Freund, sei ins Dorf gekommen und habe und ihnen alles erzählt.

Da ging Jesus zu seiner Mutter Maria, dass sie ihm erklären sollte, warum Judas so handelte, und Maria sagte ihm, sei nicht traurig, mein Kind, sowas kann dir immer wieder passieren.

Marias Gleichnis von den Buchstaben

Und es kam der Tag, da Josef und Maria gerufen wurden zu der Schule, in die sie ihr Kind gegeben hatten, damit es lernen sollte das Alphabet, denn es war sieben Jahre alt. Und dort trafen sie auf seinen Lehrer, der war streng und gütig zugleich und also von der alten Art. Der Lehrer aber trat vor sie hin und sagte, es gibt Probleme mit ihrem Sohn. Er will nicht lernen, was ich ihm auftrage, denn er weiß alles besser und lässt sich nichts sagen.

Da schlug Maria sogleich das Herz bis zum Hals hinauf, und sie sprach zu dem Lehrer, dies sei nicht das Kind, wie sie es kenne. Und sie schilderte Jesus, wie er freundlich war gegen jedermann und allen zuhörte, die ihn etwas lehrten, solange sie es nur richtig anfingen. Denn es sei etwas Besonderes an diesem Kind, seit es auf der Welt ist, dass einer schon blind sein müsse, das nicht zu sehen. Josef aber sprach, jetzt lass ihn doch mal ausreden.

Und da erzählte der Lehrer, wie er die Kinder unterwiesen habe im Alphabet, damit sie das Lesen und Schreiben lernten. Jesus aber habe Tiere und Blumen gemalt auf das Blatt; das war dazu, Buchstaben zu üben. Da habe der Lehrer ihn gefragt, warum er male und nicht tue, wie ihm geheißen. Und Jesus habe geantwortet, er brauche der Buchstaben nicht, wo er selbst sei das Alpha und das Omega. Als die anderen Kinder dies aber hörten, hätten sie der Schule gespottet und seien Jesus nachgefolgt in seinem Tun. Der Lehrer aber sprach zu Maria und Josef, was glaubt ihr Sohn eigentlich, wer er ist.

Da gingen Maria und Josef heim, um mit ihrem Kind zu sprechen. Auf dem Weg aber entbrannte unter ihnen ein Streit, denn Josef war tief beschämt über die Worte des Lehrers, und sie bedrückten ihn sehr. Und Josef zürnte seiner Frau, wo sie das Kind so erzogen hatte, dass es sich nicht an Regeln hielt, die da gelten für alle. Maria aber lief schweigend neben ihm, denn sie hatten schon oft darüber gesprochen und wurden sich doch nie einig. Bei sich aber dachte Maria, dass sie Jesus zu einem neuen Lehrer geben wollte, der seiner angemessener wäre, als dieser es war. Josef aber sprach, das wird böse enden.

Und als sie heimkamen, da wartete Jesus auf sie vor dem Haus, denn es war ihm bange, welche Kunde sie erhalten hatten. Doch Josef, sein Vater, ging an ihm vorbei, denn er wollte nicht ungerecht sein zu dem Kind. Und so nahm Maria das Kind zu sich und führte es vor das Dorf, um mit ihm zu sprechen. Siehe, sprach sie zu Jesus, wie viele Menschen wir auf dem Weg sehen, viel mehr als das Alphabet Buchstaben hat, und ein jeder von ihnen ist verschieden. Jesus aber sprach, und wenn schon.

Da antwortete ihm Maria, wenn du die Buchstaben nicht kennen willst, mein Kind, da sie dir zu gering erscheinen, so lerne die Menschen kennen und finde darunter welche, die in deinem Namen schreiben.

Jesus tut erste Wunder

Und es kam der Tag, da Josef fand, dass Jesus ihm helfen sollte bei der Arbeit, denn es war viel zu tun und das Kind elf Jahre alt. Und er trat hinaus zu ihm auf den Hof, wo Jesus spielte mit Judas, seinem Freund. Und Josef sagte, geh mir nun zur Hand, mein Sohn, damit ich dich lehren kann, was es heißt, ein Zimmermann zu sein, wie ich einer bin. Jesus aber sagte, ich will lieber spielen.

Da zürnte Josef dem Kind, aber er zeigte es ihm nicht, sondern sprach mit Geduld; die hatte er sich erworben über die Jahre. Und er sagte, lass mich dir nur zeigen, wie du deine Hände gebrauchst, dass du daran Freude findest und etwas schaffst im Leben, denn ich versichere dir, es soll dein Schaden nicht sein. Doch Jesus versuchte zu entweichen. Da nahm Josef ihn bei der Hand und führte ihn in die Werkstatt und gab ihm ein Holz; das sollte er sägen. Jesus aber sagte, ich weiß nicht, wie das geht.

Und so stellte sich Josef zu ihm und führte ihm die Hand, dass er nicht fehlging im Holz. Und siehe, er ging nicht fehl und tat sich kein Leid. Und als Jesus das Holz sägte, geschah es genau wie sein Vater gesagt hatte, und das Kind ward erfüllt mit Stolz und der Vater desgleichen; das hatten beide von sich nicht gedacht. Da schaute sich Jesus um in der Werkstatt, und er sah die Axt dort liegen auf dem Tisch, und er sprach, jetzt lass mich die ausprobieren.

Aber Josef sagte, erst lerne mir die Säge beherrschen und übe dich an dem Holz, das da liegt in der Ecke. Ich gehe aber weiter, denn ich habe zu tun. Kehre ich zurück, und du hast die Arbeit beendet, werden wir die Axt erproben, denn dann hast du es dir verdient. So sprach er und ließ sein Kind allein, damit es sich beweisen konnte. Jesus aber sah auf das Holz, und es war so viel, dass ihm schon alle Lust vergangen war, und er schaute hinaus auf den Hof; da war Sonne und Judas, der spielte mit einem anderen Kind.

Da stellte sich Jesus zu der Säge und sprach, sie solle sägen das Holz von allein, dass es seiner Hände und seines Schweißes nicht bedurfte, und er sah die Säge sich erheben und über das Holz gehen, dass es eine Art hatte. Und er fand die Freude darüber noch größer, wie wenn es selbst getan hätte. Als aber Josef, sein Vater, zurückkehrte und das gewahrte, überkam ihn ein großer Ärger, denn es war nicht das erste mal, dass Jesus ein Wunder tat. Und Josef schalt seinen Sohn faul und nannte ihn einen Drückeberger.

Da fragte Jesus, warum freust du dich nicht meiner Gabe, über die ich gebieten kann, wie es mir gefällt. Und Josef winkte ab und sprach, wenn du denkst, dass du damit durchkommst.

Die Feier im Hause Jesu

Und es kam der Tag, da Jesus eine Feier geben wollte, denn er war vierzehn Jahre alt und seine Eltern waren fort, dass sie des Treibens nicht gewahr würden. Da begab sich Jesus zu seinen Freunden; das waren zwölf an der Zahl, aber alles Jungen. Und als sie hörten, dass sie an diesem Abend in das Haus Jesu kommen sollten und für Essen und Trinken gesorgt sei. Da freuten sie sich sehr. Jesus aber sah sich unter ihnen um und fragte, kennt ihr nicht noch ein paar Mädchen.

Da zogen die Jungen ins Dorf, um die Kunde von der Feier zu verbreiten und zu sehen, ob ihnen jemand nachfolgte. Jesus aber ging heim und bereitete den Tisch voller Speisen und füllte Krüge mit Wasser, das verwandelte er in Wein. Und als die Stunde gekommen war, dass seine Freunde zu ihm kommen sollten, da bemerkten sie den Klang von Fanfaren und das Leuchten eines Sterns; das kam alles vom Hause Jesu her. Und sie fanden ihn dort in einem Gewand, das war wie aus Licht, darin hieß er sie willkommen und sprach, ihr seid doch nicht etwa allein.

Und sie antworteten, siehe, die Mädchen vom Dorf sind uns gefolgt, da sie hörten, dass es Jesus sei, der sie rufe. Und eine nach der anderen betraten sie das Haus, bis kaum mehr Platz darin war, und keiner lange bei dem anderen stand, so wild war ihr Treiben. Bald schon hatten sie die Krüge geleert und den Wein getrunken, dass einigen davon übel wurde, denn sie waren es nicht gewohnt. Und Jesus bat sie, einzuhalten, dass sie nicht ruinierten das Haus seiner Eltern, die heimkehren wollten am nächsten Morgen.

Seine Freunde aber sprachen, wir werden dir helfen, dass sie es nicht gewahr werden. Wahrlich, kein Staub soll mehr zu sehen sein und keine Spur des Geschehenen, noch bevor der Hahn dreimal kräht. Und Jesus sagte, ich will euch glauben, denn ihr seid meine Freunde und werdet mich nicht verlassen in der Stunde meiner Not. Und er füllte die Krüge abermals mit Wein, dass es genug war für tausend, und ließ Fanfaren ertönen, als sollte das Haus einstürzen. Und wirklich, er hatte bald mehr als genug daran getan, denn nun fuhr der Streit zwischen seine Freunde, wo einer den anderen geschmäht hatte; das war wegen eines Mädchens.

Simon stieß Petrus, und Petrus stieß Andreas, und Jakobus stieß Johannes, und Johannes stieß Philippus, wie er auch stieß Bartholomäus, Thomas, Matthäus und Judas, der war immer noch sein Freund. Da stellte Jesus sich zwischen sie und fuhr sie an, Ihr Undankbaren, was bringt Ihr Streit in mein Haus, das ich euch geöffnet habe! Da wandten seine Freunde sich gegen ihn und beschuldigten ihn der Angeberei, dass er sich brüste mit seinen Wundern und seinem Gewand und all dem Wein.

Da spürte Jesus großen Zorn in sich aufsteigen und wollte die Menge zur Tür hinausdrängen, doch seine Freunde sträubten sich, und so entstand Gewühl, das mit Hauen und Stechen begann und mit Heulen und Zähneklappern endete. Nicht wenige Becher gingen dabei zu Bruch. Und als Jesus am nächsten Morgen erwachte, saß der Schmerz tief in seinem Kopf, und er schaute sich um, ob er einen der Freunde sehe, aber sie hatten ihn alle verlassen.

Nur Maria, seine Mutter, und Josef, sein Vater, waren da, standen in der Tür und schauten bitter. Und Jesus sprach, hallo Mama, hallo Papa. Da seid ihr ja.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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