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Christen in Ägypten : Eine Welle der Gewalt, die nicht mehr abebbt

  • -Aktualisiert am

Koptischer Gottesdienst in einer Kirche der Stadt Delga, Provinz Minya, am 22. September. Bild: dpa

Es ist so schlimm wie in den neunziger Jahren: Die Attacken auf Kirchen und christliche Einrichtungen in Ägypten reißen nicht ab. Den Kopten wird der Alltag zur Hölle gemacht.

          Stolz hält der schmächtige Polizist seine beiden Gewehre in den Händen. Vor der katholischen Kirche Al Berbas hat er sich aufgestellt, Fußgänger, die die Gasse vor dem Gotteshaus passieren, winken ihm zu. „Wenn jemand gekommen wäre, um die Kirche anzuzünden, hätten wir ihn an einen Pfahl gebunden“, sagt der in eine braune Dschalabija gekleidete Mann mit blauem Tuch um den Kopf.

          Doch das war zum Glück nicht nötig, als Mitte August in der oberägyptischen Provinz Minya ein Volkssturm gegen christliche Einrichtungen losbrach: „Wir waren vorbereitet, rund um die Uhr haben mehr als sechzig Männer das Dorf bewacht“, sagt er zufrieden. „Weil die Liebe unter uns wohnt“, sei es Christen und Muslimen gemeinsam gelungen, mögliche Angreifer abzuschrecken.

          Aber auch sieben Wochen nach den Attacken auf Kirchen, Klöster, christliche Waisenhäuser, Schulen, Läden und Restaurants in ganz Ägypten bleibt die Lage in dem Dorf südlich der Provinzhauptstadt Minya angespannt. Tag und Nacht positionieren sich die von Polizeichef Muhammad Hussein al Rafah befehligten Sicherheitskräfte rund um die katholisch-koptische Kirche, um Übergriffe zu verhindern. „Christen und Muslime in Al Berba bilden eine Einheit“, sagt der kräftige Mann. Anders als im Nachbarort Abu Qurqas, wo Krawallmacher Mitte August das Gotteshaus zerstörten, hielten die Bewohner seiner Gemeinde immer zusammen.

          Ein Klima der Angst

          Doch hinter den Kulissen ist das Zusammenleben der 12 000 Bewohner längst nicht so harmonisch wie Polizeichef Rafah und Bürgermeister Abdelhamid Derdir es beschreiben. Im September wurde ein angesehenes Mitglied der katholisch-koptischen Gemeinde entführt. Bewaffnete Männer zerrten ihn am Ortsrand in einen Geländewagen; erst nach Zahlung eines Lösegeldes kam der Vater dreier Kinder 48 Stunden später wieder auf freien Fuß. Ein Klima der Angst herrscht seitdem in Al Berba. „Ich fahre nicht mehr alleine mit dem Auto“, sagt Schwester Juliana vom Orden Notre Dame de Sion. „Und selbst im Dorf bin ich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf den Gassen oder Wegen zu finden.“

          Vor mehr als zwanzig Jahren zog die Österreicherin in den Süden Ägyptens, eine der Wiegen des Christentums in Nordafrika, half mit beim Aufbau eines Gemeindezentrums und eines weitläufigen Spielplatzes, der von Muslimen wie Christen gleichermaßen genutzt wird. Doch nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi im Juli und dem Massaker an Hunderten seiner Anhänger Mitte August fühlt sie sich zurückversetzt in jene Tage, als islamistische Terroristen in Minya und anderen Provinzen Oberägyptens für Angst und Schrecken sorgten. „Es ist wie in den neunziger Jahren“, sagt sie. „Da konnten wie auch nicht, sobald es dunkel war, unterwegs sein, und es wurde uns geraten, immer andere Routen zu nehmen, nie die gleiche.“

          Eine Welle der Gewalt

          Ägyptens Christen sind bedroht – vielleicht stärker als je zuvor. Von den „heftigsten gewaltsamen Szenen in Ägyptens jüngerer Geschichte“ schreibt das Egyptian Center for Public Policy Studies (ECPPS) in einer gerade erschienen Studie über die Welle der Gewalt, die nach dem Sturz Mursis begann – und die nach der brutalen Räumung der beiden Protestlager Mitte August in Kairo eskalierte. Mehr als vierzig Kirchen, 122 Läden, fünf Schulen und fünfzig Häuser, vor allem in den Provinzen Minya und Fayum, Assiut, Beni Sueif, Sohag sowie Luxor seien angegriffen worden. Allein in der nahe Minya gelegenen Stadt Delga wurden 62 koptische Familien aus ihren Häusern vertrieben; erst Ende September gelang es den Sicherheitskräften, das dort von Islamisten ausgerufene Minikalifat zu beenden.

          Zurück gewagt in die Stadt haben sich die meisten Christen dennoch nicht. Die drei koptisch-orthodoxen Kirchen wurden bei den Ausschreitungen zerstört, ebenso ein katholisches und ein protestantisches Gotteshaus. An die vor mehr als anderthalb tausend Jahren gebaute Jungfrau-Maria-Kirche sprühten die Angreifer die Worte „Märtyrer-Moschee“. Rund 20 000 der 120 000 Einwohner Delgas sind Christen – ein Zusammenleben scheint nach den Vorfällen kaum noch möglich.

          Dabei reicht die Geschichte der Kopten zurück bis in die Spätantike. Als Kirchengründer gilt der Heilige Markus, der im ersten Jahrhundert nach Christus in Ägypten gelebt haben soll. Nach koptischer Überlieferung war der Verfasser des Markus-Evangeliums der erste Bischof von Alexandria, der dort 68 nach Christus starb. Deswegen wird die Kirche auch als alexandrinische Kirche bezeichnet.

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