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Christen im Orient : Belagert, vertrieben, ermordet

  • -Aktualisiert am

Jesus mit den Jüngern beim Abendmahl: Wandteppich am unteren Eingang zur Erbils Zitadelle, Nordirak Bild: Skowronek, Agata

Wer seinen Glauben praktiziert, schwebt häufig genug in Lebensgefahr: Die Lage der orientalischen Christen wird immer prekärer. Das gilt für das Bürgerkriegsland Syrien, mehr aber noch für den Irak.

          Über die Situation der Christen im syrischen Ort Maalula dringt in dieser Zeit wenig nach draußen; doch sie stehen seit Wochen unter dem Druck islamistischer Milizen. Maalula liegt im gebirgigen Antilibanon, nicht weit von Syriens Hauptstadt Damaskus entfernt. Spirituelles Zentrum des Städtchens ist das Kloster der heiligen Thekla, das sich gegen eine steile Felswand duckt, als habe es schon immer Schutz suchen müssen vor Angreifern. In Maalula leben – wie auch in zwei benachbarten Dörfern – Christen, die das Westaramäische sprechen, eine Fortentwicklung jenes Aramäisch, das einst Jesus gesprochen hat. Vor mehr als zweitausend Jahren war das Aramäische eine Weltsprache, die überall Verwendung fand, bevor die griechische Koiné sie ablöste.

          Die Lage der Christen von Maalula ist typisch für die immer unsicherer, ja lebensgefährlich werdende Situation der Christen in Syrien insgesamt, aber auch in jenem Großraum zwischen Ägypten und dem Irak, den man früher als den Fruchtbaren Halbmond bezeichnete. Flucht, Vertreibung und Ermordung von Christen, schon seit vielen Jahren im Gange, scheinen einem neuen Höhepunkt zuzutreiben, vor allem in Syrien, wo viele Angehörige der christlichen Konfessionen in die etwas sicherere Hauptstadt Damaskus flüchten oder längst Teil jenes Flüchtlingsstromes geworden sind, der sich seit Monaten in die Nachbarländer bewegt. Aber auch nach Europa. Dort weiß man wenig über sie. Und ihre oft ungebrochene Gläubigkeit wirkt hier und da sogar befremdend auf die durch Rationalismus und Positivismus skeptisch gewordenen christlichen Brüder, bei denen etliche nun Schutz suchen.

          In Ländern wie Ägypten, dem Libanon oder Syrien sind die Christen zu zahlreich, als dass ihre Gemeinden dort verschwinden könnten, doch im Irak besteht diese Gefahr durchaus. Einigermaßen gesichert leben dort nur noch im Norden jene syrischen Christen, die den Schutz der Kurden genießen. Das heißt jenes halb selbständigen Kurdengebietes, das offiziell noch dem Irak angehört, aber weitgehend autonom schaltet und waltet. Freilich kommen auch von dort gelegentlich Meldungen über Übergriffe gegen die Süryani oder Assyrer, die sich mehr und mehr als Nachkommen des antiken assyrischen Reiches definieren wollen.

          Sie fürchten einen Sieg der Rebellen

          Im Irak selbst ist die Anzahl der Christen, vornehmlich der seit 1830 mit Rom unierten Chaldäer, von etwa einer Million auf wenige hunderttausend gesunken – ein Prozess, der mit dem ersten Golfkrieg begann und sich im Gefolge des letzten Irakkrieges der Amerikaner und Briten seit 2003 beschleunigt hat. Dabei gehören die Chaldäer zu den ältesten Gemeinden der Christenheit im Orient überhaupt, und viele empfinden sich als die „Ur-Iraker“, was auch in der Bezeichnung Chaldäer zum Ausdruck kommt. Unter dem brutalen, aber säkular eingestellten Diktator Saddam Hussein konnten diese Anhänger der ostsyrischen „Kirche von Babylon und Bagdad“ immerhin ihr Gemeindeleben weitgehend ungestört führen; nach Saddams Sturz aber begannen für sie Verfolgungen und Leid.

          Syrische Katholiken bei Oster-Feierlichkeiten in einer Kirche in Damaskus
          Syrische Katholiken bei Oster-Feierlichkeiten in einer Kirche in Damaskus : Bild: dpa

          Gleiches gilt für die kleinere Gruppe der Nestorianer, die einmal den Namen „Apostolische Kirche des Ostens“ trug und ihren Sitz im antiken Ktesiphon hatte. Das Konzil von Ephesus hatte im Jahre 431 diese Anhänger des Bischofs Nestorius zu Ketzern erklärt. Doch der Einfluss ihrer Lehre von der göttlichen und menschlichen Natur Christi reichte zeitweise bis nach Zentralasien hinein.

          Ähnlich stellt sich die Situation der mehr als zehn Prozent Christen in Syrien dar. Sie fürchten einen Sieg der Rebellen, besonders der radikal salafistisch eingestellten Gruppen und der Dschihadisten, mehr als den Diktator Baschar al Assad, der sie – bei aller politischen Unterdrückung, die dieses Regime seit fünfzig Jahren übt – ihr religiöses Leben dennoch weithin unbehelligt gestalten ließ. Doch nun ist das Aufbegehren gegen ihn in einen offenen Religionskrieg zwischen Sunniten und Alawiten umgeschlagen, die Christen geraten dabei zwischen die Mühlsteine. Die uralte christliche Kultur droht zerrieben zu werden, vom menschlichen Leid einmal ganz abgesehen.

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