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Christa Wolf Weghören, schweigen

„Ein Tag im Jahr 1960 - 2000“: Christa Wolfs neues Buch versammelt 41 Texte aus fast ebensovielen Jahren. Im Mittelpunkt steht ihr Verhältnis zur DDR.

© dpa Vergrößern Christa Wolf veröffentlicht ihre privaten Notizen

Das Gespräch ist fünf Stunden lang, überdauert ein mehrgängiges Abendessen, und die angeregte Unterhaltung stockt keine Sekunde. Doch das entscheidende Thema wird erst angeschnitten, als die Besucherin eigentlich schon gehen will. Wie dem Gastgeber eigentlich ihre Poetikvorlesung gefallen habe, fragt sie schließlich, daß er Vorbehalte hege, habe er ja brieflich mitgeteilt, nicht aber, wogegen diese sich im einzelnen richteten. Der Gastgeber gesteht freimütig ein, daß er das Bändchen beim Lesen ärgerlich gegen die Wand geworfen habe - die darin enthaltene Schilderung einer Griechenlandreise sei allzu konventionell geraten.

Vor allem aber, so hält die Gescholtene die Kritik später in ihrem Tagebuch fest, habe sie ihrem Mann Gerhard in den Augen dieses Lesers bitteres Unrecht zugefügt: "Ich erwähnte meinen Mann gar nicht, mit dem ich doch unterwegs war, der komme nur ein paar Mal kurz als ,G.' vor, wenn Feminismus, dann bitteschön auch richtig, ich verhielte mich zu meinem Mann, wie sonst Schriftsteller zu ihren Frauen." In diesem Punkt kannte Max Frisch sich aus, doch Christa Wolf, sein Gast an jenem 27. September 1986, findet zu einer überraschenden Antwort: "Ich sagte, was Gerd betreffe, unser Verhältnis zueinander, sei ich so scheu, daß ich ihn nicht in einem Buch darstellen wolle."

41 kurze Texte aus ebensovielen Jahren

Jetzt hat Christa Wolf einen Band veröffentlicht, in dem sie von diesem Grundsatz behutsam abweicht. Er versammelt 41 kurze Texte aus ebensovielen Jahren: Einer Anregung folgend, die Maxim Gorki 1935 erstmals vorbrachte und die 25 Jahre später  von der Zeitschrift "Istwestija" erneuert wurde, hielt die Autorin wie zahlreiche andere Schriftsteller ihre persönlichen Erlebnisse des 27. September 1960 fest. Dieser Tag avancierte in den folgenden Jahren für Christa Wolf zum Kristallisationspunkt ihres Bemühens, den Alltag festzuhalten, "gegen den unaufhaltsamen Verlust von Dasein" anzuschreiben, überzeugt "von dem erzählerischen Potential in beinahe jedem beliebigen Tag", wie es im Vorwort der nun publizierten Sammlung der Einträge aus den Jahren 1960 bis 2000 heißt.

Im Zwiespalt, diesen Herbsttag jedes Jahr aufs neue mit besonderem Eifer minutiös festzuhalten, ohne ihn - um das Experiment nicht zu verfälschen - als besonders zu erleben, sind eine Reihe von Miniaturen entstanden, die halb Alltagsnotat, halb Reflexion zu weiter ausgreifenden Fragen sind. Jede einzelne von ihnen wird man als eine präzise Beschreibung eines winzigen Ausschnitts von ostdeutscher Wirklichkeit schätzen, gleichzeitig als Kapitel einer fortgesetzten Familiengeschichte, die, ohne es zu wollen, auch in dieser privaten Komponente in den Bann schlägt: Da ist das Ehepaar Christa und Gerhard Wolf, das sich gemeinsam aus der Position einer vielversprechenden Stellung im System allmählich auf den Rand zubewegt, da sind die beiden Töchter mit ihren Partnern und Kindern und deren zunehmende Distanzierung zu den Institutionen der DDR, da sind Kollegen und Freunde - daß manche von ihnen die Wolfs bespitzeln, bleibt auch nach der Wende unerwähnt.

Wandel im Verhältnis zur DDR

Am auffälligsten ist dabei die Wandlung, die Christa Wolf in ihrem Verhältnis zum System der DDR durchmacht und die von ihr noch niemals so offen und überzeugend geschildert worden ist wie in diesem Konvolut von Tagebucheinträgen, gerade weil der Band es nicht auf eine diachrone Analyse anlegt. Daß dieser Wandel dem allmählichen Verlust von Illusionen geschuldet ist, wird rasch deutlich, ebenso daß die Wolfs im Verlauf der sechziger und frühen siebziger Jahre nicht mehr an eine Reform des Systems aus sich selbst heraus glauben können. 1978 erinnert sie sich angesichts des maroden Zustands einer mecklenburgischen Landstraße, "wie ich mich früher um all diese Fehler gegrämt, mich mit jedem Versäumnis, jedem Versagen identifiziert habe", und fragt sich, "wann eigentlich das aufzuhören begann: Ein langer, schmerzlicher Prozeß, bis diese Identifikation in freudlose Schadenfreude umschlägt."

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