11.07.2008 · Die Schriftstellerin Christa Wolf hat einen Roman über die Romantik angekündigt. Doch sie zweifelt, ihre Zeit noch auf den Nenner bringen zu können. Sie teilt damit das Problem von Autoren wie Walser, Lenz oder Grass, die man einmal dafür bewunderte, ihre Epoche auf den Punkt zu bringen.
Von Hubert SpiegelIm Juli vor vierzig Jahren, als die Manifeste des Prager Frühlings unter den Intellektuellen in der DDR zirkulierten, las Christa Wolf in Weimar aus ihrem Roman „Nachdenken über Christa T.“. Es war eine der wenigen öffentlichen Lesungen, bevor das Buch vorübergehend verboten wurde, weil es nach Ansicht der Partei nicht zur „sozialistischen Menschengemeinschaft“ in der DDR passte. Günter Grass tauschte damals mit seinem tschechischen Kollegen Pavel Kohout „Briefe über die Grenze“ aus, von Martin Walser erschien im selben Jahr eine Essaysammlung unter dem Titel „Heimatkunde“, und Siegfried Lenz veröffentlichte die „Deutschstunde“. Vier Angehörige einer Generation, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten.
Vierzig Jahre später halten sie alle Rückschau, auf die eine oder andere Weise. Günter Grass hat entgegen seinen Ankündigungen das mit dem „Zwiebel“-Buch begonnene autobiographische Projekt nun doch fortgesetzt und veröffentlicht im August „Die Box“. Martin Walser zieht im September unter dem vielsagenden Titel „Kinderspielplatz“ eine persönliche Bilanz mit Tagebuchstellen aus den Jahren 1957 bis 2004. Darin wird es um den Literaturbetrieb, die Kritik und den Zeitgeist gehen. Siegfried Lenz erlebt zur Zeit mit seiner Novelle „Schweigeminute“ einen späten Triumph: Das Buch wird nicht nur überall gefeiert, es ist auch der Beweis, dass die Schreibkrise, die ihn nach dem Tod seiner Frau in ihren Klauen hatte, überwunden ist.
Auf tauben Füßen
Christa Wolf, mit 79 Jahren die jüngste dieser vier Autoren, hat zusammen mit ihrem Mann Gerhard Wolf für September ein umfangreiches Buch über die deutsche Romantik angekündigt. All das sind Zeugnisse einer erstaunlichen, scheinbar ungebrochenen Vitalität. Aber es mischen sich auch leise Töne des Zweifels darunter. Siegfried Lenz hat unlängst gesagt, die Veränderungskraft der Literatur sei gering, es handele sich um eine „Wirkung auf tauben Füßen, klein und unscheinbar“.
Und Christa Wolf hat jetzt in einem Gespräch mit der „Frankfurter Rundschau“ erklärt, sie erlebe die Widersprüche in unserer Gesellschaft zwar nach wie vor intensiv, „aber wahrscheinlich werde ich sie literarisch nicht mehr gestalten können. Was habe ich seit 1989 geschrieben?“ Ein Schriftsteller, so Siegfried Lenz, wolle mit allem, was er schreibt, etwas beweisen. Bald jährt sich der Mauerfall zum zwanzigsten Mal. Man darf gespannt sein, ob es dann etwas geben wird, was die Schriftsteller aus der ehemaligen DDR beweisen wollen.