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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Chinesisches Skandalvideo Alle Ausländer sind Hochverräter

 ·  Eine Welle von Fremdenfeindlichkeit: In China hat sich der Volkszorn über die angebliche Bevorzugung von Westlern angestaut. Jetzt artikuliert er sich prominent in den Medien.

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© Archiv Krachende Faust: Für die öffentliche Sicherheit sollen Bürger verdächtige Ausländer unter dieser Nummer melden

Ausländer in China zu sein, ist immer noch ein privilegierter Zustand. Autofahrer zögern, so dicht an westliche Fußgänger heranzufahren wie an einheimische, weil ein Unfall mit Ausländerbeteiligung extrem viel Ärger bringt. Europäische und amerikanische Arbeit und Produkte werden immer noch so hoch geschätzt, dass sie oft nachgeahmt werden. Und im Alltag herrschen Respekt und Freundlichkeit vor.

Doch in den letzten Wochen haben einige symbolisch aufgeladene Bilder und Begriffe die chinesische Öffentlichkeit besetzt, die die Ausländer-Community stark verunsichern. Es fing mit einem kurzen Film an, der auf die Video-Webseite Youku hochgeladen wurde und dort innerhalb kurzer Zeit weit mehr als zehn Millionen Mal angeschaut wurde. Die ersten Sekunden zeigen an einer großen Pekinger Straße bei Nacht einen Kaukasier, der später als britischer Tourist identifiziert wurde, zwischen den Beinen einer nur noch leicht bekleideten schreienden jungen Chinesin; mehrere chinesische Männer reißen ihn von der Frau weg und prügeln mitten auf der Straße so lange auf ihn ein, bis er sich nicht mehr rührt.

Die Stadt „säubern“

In der massenhaften Rezeption wurde aus dem Dokument eines Kriminaldelikts, der versuchten Vergewaltigung, um die es sich offenbar handelte, die Szene einer fortdauernden Demütigung Chinas durch Westler auf eigenem Boden sowie des entschlossenen Widerstands, zu dem sich Chinesen schließlich aufraffen. „Verschwindet, wo auch immer ihr herkommt, Peking heißt euch nicht willkommen“, schrieb einer von Millionen empörten Kommentatoren in Anspielung auf die kosmopolitische Grußformel der Stadt während der Olympischen Spiele.

Kurz darauf annoncierte das Pekinger Amt für öffentliche Sicherheit auf seiner Website „Friedliches Peking“ eine hunderttägige Kampagne, um die Stadt von Ausländern ohne Aufenthaltsgenehmigung zu „säubern“. Die Ankündigung wurde, wie bei Aufräumkampagnen dieser Art üblich, mit einer dreinschlagenden Faust illustriert und außerdem mit einer Hotline-Nummer versehen, bei der verdächtige Ausländer gemeldet werden können. Im chinesischen Internet stellten viele sofort den Zusammenhang zu dem Skandalvideo her, doch das Amt selbst hat bestritten, dass die Aktion etwas damit zu tun habe. Tatsächlich dürften über die offiziell in der Stadt gemeldeten zweihunderttausend Ausländer hinaus noch eine Reihe mehr in Peking mit mehr oder minder gefälschten Papieren leben, auf deren Erstellung sich ein ganzer Geschäftszweig spezialisiert hat.

Sexuelle und politische Konnotationen

Verstörend war dann erst die Reaktion darauf, die ausgerechnet vom Gastgeber einer Fernsehsendung kam, die chinesische und internationale Positionen miteinander ins Gespräch bringen will. Yang Rui, der im englischsprachigen Kanal des Staatssenders CCTV die Sendung „Dialogue“ moderiert, schrieb auf seinem Weibo-Account (dem chinesischen Twitter-Äquivalent) einen Kommentar, der die im Netz umherschwirrenden Ressentiments in einer schon aberwitzigen Konzentration bündelt. Er schreibt vom „ausländischen Müll“, der jetzt weggefegt werde, wobei er offenlässt, ob er alle Ausländer als Müll anspricht oder nur, wie er später versicherte, jene, die tatsächlich „Müll“ sind.

Dieser Müll zeichne sich zum einen dadurch aus, dass er daheim keine Arbeit finde und nun China dazu benutze, Geld abzugraben, Menschenhandel zu betreiben und Einheimische zur Ausreise zu verführen. Zum anderen betätigten sich diese Leute als Spione, um GPS-Daten ins Ausland zu übermitteln. Die chinesischstämmige amerikanische Journalistin Melissa Chan, die wegen ihrer Berichterstattung vor kurzem ausgewiesen wurde, bezeichnet Yang als „schamlose ausländische Schlampe“ und ruft ihr hinterher: „Wir sollten alle, die China dämonisieren, zum Schweigen bringen und ihre Koffer packen lassen.“ Die sexuelle Konnotation verbindet sich da mit einer politischen: Müll ist offensichtlich auch, wer an der chinesischen Regierung Kritik übt.

Reaktionen aus dem Netz

Diese Einlassung hat auch diejenigen, die keine Freunde der „Dialogue“- Talkshow sind, überrascht und verwirrt. Yang verteidigt in seiner Sendung zwar oft nationale Positionen mit sarkastischer Schärfe, doch er lässt auch Fürsprecher demokratischer Reformen zu Wort kommen, und in sonstigen Stellungnahmen hat er, auch gegenüber dieser Zeitung, die „panische Mentalität“ der Xenophobie treffend als Kehrseite eines nationalen Minderwertigkeitskomplexes dargestellt. Wie kann es sein, dass selbst solch ein Mann solche Worte wählt? Anscheinend schwelte unter der Oberfläche etwas, das nun nach oben drängt, und anscheinend sah dieser gut vernetzte Medienmann jetzt die Zeit gekommen, in der man es äußern kann.

Die Reaktionen im chinesischen Netz sind geteilt. Viele weisen den Moderator scharfzüngig in seine Schranken. „Sie sind nicht weit genug gegangen“, schreibt einer ironisch: „Wir sollten all die Frauen und Kinder der Funktionäre aus dem Ausland zurückbringen, damit sie dabei helfen, das Mutterland aufzubauen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie durch ausländischen Müll verdorben werden.“ Ein anderer meint kühl: „Genau so hat damals der Boxer-Aufstand angefangen.“ Viele andere aber blasen ins gleiche Horn: „Ich verstehe nicht, warum unsere Landsleute immer vor Ausländern buckeln.“ Und ein anderer Anti-Kosmopolit: „Die Europäer und Amerikaner, die nach China kommen, sind doch bloß Idioten, Gammler oder Betrüger, wenn sie nicht wegen ihrer offiziellen Berufstätigkeit hier sind.“

Für sich genommen sind alle diese Auffassungen nicht neu. Erstaunlich ist ihre geballte Häufung - und dass auch offizielle Medien dem Argwohn eine Plattform bieten. Für die nächste Aufregung sorgte ein Video im Netz, das einen russischen Cellisten zeigte, der eine Chinesin unflätig beschimpfte; die Frau hatte ihn darum gebeten, seine Füße von ihrer Kopflehne zu nehmen. Der Vorfall zusammen mit der öffentlichen Entrüstung waren der Zeitung „Beijing Chenbao“ eine ganze Titelseite wert. Inzwischen hat das Pekinger Symphonieorchester, bei dem der Cellist angestellt war, den Musiker entlassen. Internetunternehmen wie Sina und Baidu fordern ihre Nutzer auf, ungebührliches Verhalten von Ausländern auf ihren Seiten öffentlich zu machen. Und in die Fernsehtalkshows werden Wissenschaftler eingeladen, die sagen: „Ausländer haben lange Zeit eine bessere Behandlung als die Chinesen erfahren, und die chinesische Öffentlichkeit ist jetzt unzufrieden damit.“ Bei einer Umfrage auf Sina Weibo meinen mehr als neunzig Prozent, dass China wie andere Länder auch den Arbeitsstatus und das Vermögen eines Einreisewilligen überprüfen sollte, bevor es ein Visum ausstellt.

All diese Stimmen sind kaum repräsentativ; man sollte sie nicht überbewerten. Manche der ratlosen Ausländer führen die Welle darauf zurück, dass das offizielle China zweimal kurz hintereinander düpiert wurde, als zuerst ein Polizeichef und danach ein Bürgerrechtler ausgerechnet bei diplomatischen Vertretungen Amerikas Schutz vor chinesischer Willkür suchten. Jedenfalls zeugt sie davon, dass viele in China trotz der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte von der behaupteten Souveränität noch weit entfernt sind.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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