22.04.2010 · Seit einem Monat leitet Google Suchanfragen aus China nach Hongkong weiter, um sie der Zensur zu entziehen. Wir unterwerfen dieses Verfahren einem Test: Welche Ergebnisse dringen bis nach Peking durch, welche nicht?
Von Mark Siemons, PekingIm Januar kündigte Google überraschend an, dass es seine seit 2006 arbeitende chinesische Suchmaschine google.cn nicht länger der Pekinger Zensur unterwerfen wolle; seit dem 22. März werden nun alle auf diesem Server gestarteten Suchanfragen automatisch nach Hongkong umgeleitet, wo sie Ergebnisse in den auf dem Festland gebräuchlichen Kurzzeichen produzieren. Es war von Anfang an klar, dass Nutzern auf dem chinesischen Festland durch diesen symbolischen Akt nicht unbedingt mehr Informationen zur Verfügung stehen.
Zwar wird google.com.hk selbst nicht von den chinesischen Zensurbehörden erfasst; doch zwischen der Sonderverwaltungszone Hongkong und dem übrigen China erhebt sich auch sonst eine elektronische „Große Mauer“, die sicherstellt, dass nur die Informationen und Meinungen aufs Festland gelangen, die den Pekinger Bestimmungen entsprechen.
Wir haben den Versuch unternommen, am Beispiel der ersten Seite der Suchergebnisse herauszufinden, was man als Nutzer in Peking heute durch das chinesischsprachige google.cn von der Welt erfahren kann - und zwar speziell von jener Welt, die in China durch eine Reihe „empfindlicher Wörter“ umgrenzt wird. Unter diesem Terminus versteht man in China Namen und Begriffe, die in den staatlichen Zensurcomputern als Kennwörter für möglicherweise ungesetzliche, also zum Beispiel umstürzlerische oder pornographische Umtriebe dienen. Eine Liste von sechstausend solcher „empfindlicher Wörter“ soll privaten Internetunternehmen als Hilfe zur Selbstzensur zur Verfügung stehen. In der Bevölkerung ist der Begriff längst zur stehenden Redewendung geworden.
Was die derzeitige Suchmaschine google.cn von ihrem früheren Zustand und von anderen chinesischsprachigen Suchmaschinen am meisten unterscheidet, ist, dass man klar sehen kann, was verboten ist; andernorts werden die „empfindlichen“ Stellen gleich herausgefiltert, so dass ein unbedarfter Nutzer gar nicht gleich mitbekommt, dass ihm etwas fehlt.
Für unsere Suchanfragen wurden Wörter verwendet, deren „Empfindlichkeit“ naheliegt. Die meisten von ihnen sind im Westen gebräuchliche Reizwörter, doch auch eine spezifisch chinesische Frage nach den „Kindern von hohen Funktionären“ ist dabei. In einigen Fällen werden die chinesischsprachigen mit den englischsprachigen Ergebnissen verglichen. Man bekommt so einen Eindruck von den speziellen Schwerpunkten des Interesses in der chinesischen Welt, die sich von denen der englischsprachigen Welt oft sehr unterscheiden.
Unser Versuch geht dagegen von der Situation der überwiegenden Mehrheit der Chinesen aus, die ohne solche Hilfen ins Internet gehen. Aufgelistete Wikipedia-Einträge sind deshalb immer auf Chinesisch. Die größte Überraschung war, dass die Suchanfrage nach der Kommunistischen Partei Chinas keine Ergebnisse erbrachte. Wenn nicht anders vermerkt, ließen sich alle Seiten öffnen.
Im Reich der empfindlichen Wörter
Hans Mitusch (hansmitusch)
- 22.04.2010, 17:12 Uhr
Okidokey
Hede Zhou (SunWukong)
- 22.04.2010, 20:30 Uhr
Realität
Tilo Stolz (Oyabun)
- 22.04.2010, 23:44 Uhr