07.07.2009 · Chinas Berichterstattung pflegt einen neuen Stil. Anders als bei den Unruhen in Tibet sind die Pekinger Medien bei den Ereignissen von Urumqi in die Offensive gegangen - aber nicht im Dienst der Wahrheit.
Von Mark Siemons, PekingIm Unterschied zu den Unruhen in Tibet vom vergangenen Jahr, als sich die chinesische Regierung aufgrund ihrer restriktiven Nachrichtenpolitik von Beginn an gegenüber der westlichen Öffentlichkeit in der Defensive befand, haben die Pekinger Medien im Fall der aktuellen Ereignisse von Urumqi jetzt schon Zahlen, Bilder und Hintergründe parat, bevor die westlichen Agenturen von dem Vorgang überhaupt erst Kenntnis nehmen konnten.
Die schockierende Meldung von mindestens hundertvierzig Toten in Xinjiang beziehen die Medien der Welt deshalb diesmal von der amtlichen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Dieses geänderte Verhalten entspricht einer Direktive des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao, der vor einem Jahr die staatlichen Medien angewiesen hat, künftig selbst die Agenda zu setzen, indem sie durch rasche Berichterstattung den Kritikern im In- und Ausland zuvorkommen sollen.
Keine Breaking News
Das heißt allerdings nicht, dass jede Information willkommen ist. Einwohner von Urumqi berichten, dass sie zeitweise keinen Zugang zum Internet mehr hatten, und chinesische Suchmaschinen zeigten plötzlich keine Ergebnisse beim Stichwort „Urumqi“ mehr. Dennoch gelangten auch hier die ersten Bilder von den Zusammenstößen über Twitter in die Welt. Uigurische Exilvertreter, die die Gewalt auf ein brutales Eingreifen des chinesischen Militärs zurückführen, berufen sich auf Videoaufnahmen bei YouTube, die friedliche Demonstranten zeigen.
Das staatliche Fernsehen CCTV präsentiert unterdessen Videos von brennenden Häusern und Jugendlichen, die auf wehrlos am Boden liegende Frauen eintreten. Zugleich ist das Bemühen deutlich, die bisher schwersten Unruhen in der Region herunterzuspielen. Das Ereignis ist dem Sender keine Programmänderung, keine Breaking News wert; es bekommt nur in den gewöhnlichen Nachrichtensendungen etwas Platz. Die Hauptnachrichten bei CCTV 1 um 19 Uhr berichten zuerst ausführlich über den Staatsbesuch Hu Jintaos in Rom und dann darüber, wie die Streitkräfte sich in Studienzirkeln Hus Parole vom „wissenschaftlichen Blick auf die Entwicklung“ zu eigen machen.
Umso größer ist dann die Schockwirkung, als Bilder aus der Flugzeugproduktion ohne weiteren Übergang zu Bildern wechseln, auf denen Busse in Flammen aufgehen und Menschen auf offener Straße geschlagen werden. Man sieht Leute, die Steine in Autos hineinwerfen, Busse, die umgestürzt und angezündet werden, einen Mann mit blutüberströmtem Gesicht, der sich vergeblich bemüht aufzustehen. Zwei junge Frauen umfassen sich tröstend mit blutigen Händen. Frauen vor geplünderten und verwüsteten Geschäften klagen, dass sie alles, was sie besaßen, verloren hätten.
Die dazugehörige Kommentarstimme spricht nicht von Demonstrationen, nicht von ethnischen Konflikten, noch nicht einmal von Uiguren. Sie spricht nur von „Unruhestiftern“ aus dem „Ausland“, die an den schlimmen Szenen schuld seien. Sonst, so wird insinuiert, ist die Lage friedlich. Ein Polizeichef sagt, Untersuchungen hätten ergeben, dass der Welt-Uiguren-Kongress und insbesondere dessen in Amerika lebende Vorsitzende Rebiya Kadeer mit Mails und SMS zu den Ausschreitungen angestachelt hätten. Mittlerweile aber sei die Lage wieder unter Kontrolle und der Verkehr normalisiert. Übergangslos, wie das blutige Ereignis im Fernsehen gekommen ist, geht es auch wieder und wechselt zu den starken Regenfällen in der Provinz Anhui.
„Wer steckt dahinter?“
Doch dann kommt noch eine Sondersendung und liefert Hintergründe. Hier wird der Anlass der Demonstrationen und der Ausschreitungen endlich genannt: der Tod zweier uigurischer Arbeiter nach einem Streit in einer Spielzeugfabrik in der Provinz Kanton. Diese Auseinandersetzung, sagt der Kommentator, sei hochgeschaukelt und als „Hass“ interpretiert worden. Noch einmal geht die Kamera über einige der hundertneunzig ausgebrannten Busse und der vierzehn verwüsteten Wohnungen hinweg, und eine Stimme aus dem Off fragt: „Wer steckt dahinter?“ Der Vorsitzende eines staatlichen uigurischen Selbstverwaltungsgremiums gibt die Antwort: „Das ist eine typische Sache, die vom Ausland gesteuert wird.“ Es fällt auf, dass es vorzugsweise Uiguren sind, die dort als Funktionäre auftreten. Eine Kommentatorin im Nadelstreifenanzug erscheint und sagt: „Die Stabilität ist das Wichtigste für Xinjiang. Alles, was die Sicherheit stört, behindert die Entwicklung.“
So riegelt sich die Berichterstattung sogar über einen Gewaltausbruch dieses Ausmaßes, dessen genauer Verlauf noch beträchtlicher Aufklärung bedarf, gegen das Offensichtliche ab: dass die „Entwicklung“ je nach ethnischer Zugehörigkeit in diesem Landstrich Chinas sehr unterschiedlich erfahren wird – und dass die Unterschiede, werden sie weiter verdrängt, jederzeit Zündstoff bereithalten, der explodieren kann.
Uigurenaufstand
Kurt Augenstein (ying)
- 07.07.2009, 16:23 Uhr
Wer einmal lügt...
Hans Meier (HansMeier555)
- 07.07.2009, 17:57 Uhr
Sagen Sie, Hans Meier (HansMeier555), wenn nicht Russland Georgien,
TOBIAS RÜGER (t.ruger)
- 07.07.2009, 18:36 Uhr
@Augenstein: Wer hat wen umgebracht?
Rene Meyer (matrix1329)
- 07.07.2009, 18:48 Uhr
@Rene Meyer (matrix1329)
Shen li (Zhongguoren)
- 07.07.2009, 19:55 Uhr