19.11.2008 · Das Psychogramm der nach 1980 Geborenen ist das große Orakel Chinas: Wie werden die Einzelkinder des kommunistischen Kapitalismus die künftige Gesellschaft prägen? Das offizielle Bild ändert sich.
Von Mark Siemons, PekingDieses Jahr begeht die Kommunistische Partei Chinas das dreißigjährige Jubiläum der „Ära der Reform und Öffnung“, und vielleicht ist es kein Zufall, dass in ebendiesem Jahr auch das offizielle Bild der Kinder dieser Epoche eine merkliche Veränderung erfährt. Die sogenannten Post-Achtziger („Baling hou“), die nach 1980 Geborenen, sind in China seit Jahren ein stehender Begriff; die Erstellung ihres Psychogramms ist im Fernsehen, in Zeitschriften und im Internet ein populäres Gesellschaftsspiel.
Immerhin sind sie die Geschöpfe eines außergewöhnlichen sozialtechnischen Experiments: verordnete Einzelkinder, die inmitten eines von einer kommunistischen Partei installierten Kapitalismus groß wurden und dabei, sofern sie in Städten leben, auch in eine westlich geprägte globalisierte Moderne hineinwuchsen, in einer von den Erschütterungen der chinesischen Vergangenheit weitgehend freien Aufwärtsbewegung; zum Zeitpunkt der blutigen Niederschlagung der Studentenbewegung 1989 waren sie noch nicht alt genug, um das als Einschnitt zu erleben. All das markiert einen so deutlichen Bruch zum Vorausgegangenen, dass diese Altersgruppe in einem viel dramatischeren Sinn als „Generation“ bezeichnet zu werden verdient als frühere. Die Frage ist, was daraus für die Zukunft der Gesellschaft und des politischen Systems folgt, die schon bald von diesen Jahrgängen geprägt werden wird. Die „Post-Achtziger“ sind das große Orakel Chinas, das umso abgründiger erscheint, je leerer es ist und frei von den gewohnten Festlegungen.
Kleine Kaiser
Der bisherige Stand der Debatte war, dass diese Generation der „Kleinen Kaiser“ als selbstbewusst, selbstsüchtig und subdepressiv einzuschätzen sei: auf der einen Seite gut ernährt und wohlbehütet wie keine Generation vor ihnen, auf der anderen unter dem sich verschärfenden Druck eines Arbeitsmarkts, der so vereinzelt wie niemals zuvor. In der digitalen Welt des Internets fühlen sie sich spielerisch zu Hause, doch zugleich fehle ihnen, argwöhnte etwa der Pekinger Soziologe Zhou Xiaozheng, der elementare Sinn für Regeln, den nur das Spiel unter Geschwistern hätte geben können. Chinesische Human-Resource-Experten lobten zwar ihre Fähigkeit, Traditionen und eingefahrene Sichtweisen über Bord zu werfen, die sie mehr als andere zum Unternehmertum qualifiziere, doch sie bezweifelten, ob sie zugleich auch über den nötigen Teamgeist verfügen.
Nach den Olympischen Spielen haben Staatsmedien wie die Zeitung des Kommunistischen Jugendverbands dieses vertraute Charakterbild nun revidiert. Ihren Begriff „Generation Vogelnest“ leiten sie von den studentischen Freiwilligen der Spiele ab, bei denen sie vor allem Selbstvertrauen, Friedensliebe, Patriotismus, Offenheit und Freundlichkeit ausmachen. Der Fluchtpunkt der verbesserten moralischen Einschätzung ist offensichtlich deren Einbettung in einen nationalen Rahmen. Laut einer von der Zeitung in Auftrag gegebenen Umfrage sagten 44 Prozent der jungen Leute, die Welt solle mehr von China verstehen, und 26 Prozent äußerten sogar die Absicht, selber dazu beitragen zu wollen. Das Zitat einer Studentin enthüllt den Anlass der Kursänderung: „Wir sind zur rechten Zeit geboren, um den Erfolg der Olympischen Spiele mitzuerleben und uns an den Errungenschaften der Öffnung und der Reformen in unserem Land zu erfreuen.“
Willenskraft und Professionalität
Schon nach dem Erdbeben in Sichuan hatte die Parteizeitung „Renmin Ribao“ die „Willenskraft, die Beharrlichkeit, die Professionalität und das Engagement“ der jungen Leute gepriesen, die einen großen Teil der Soldaten und der Freiwilligen gestellt hätten, die den Folgen der Katastrophe trotzten: „Im Angesicht des Unglücks vereinten sie sich und bildeten die starke Armee der Post-Achtziger.“ Die militärische Terminologie soll offensichtlich das Vertrauen der Partei zum Ausdruck bringen, genauso wie die mehr traditionalistische Duftmarkierung, dass die neue Generation sich im „großen Mitgefühl, in Wohltätigkeit und Tapferkeit“, wie die Alten sie lehrten, geübt hätte. Resümierend hält die Zeitung allen Skeptikern entgegen: „Durch sie wird die Flamme der vornehmen und glorreichen chinesischen Kultur an künftige Geschlechter weitergereicht.“
Die Gegensätzlichkeit zu früheren Einschätzungen könnte erstaunen. Allerdings erinnert vieles, was der chinesischen Jugend zuvor nachgesagt worden war, an die Ressentiments gegen Modernisierung und Individualisierung, wie sie auch im Westen lange üblich waren. Insofern ist die Erkenntnis, dass auch diese Jugend, wenn's drauf ankommt, zu Selbstlosigkeit und Engagement fähig ist, keine Überraschung. Weniger leicht ist der Widerspruch zwischen Narzissmus und „Patriotismus“ politisch aufzulösen. Ein kürzlich erschienener Band über die Kunst dieser Generation an der Schwelle der Achtziger („Young Chinese Artists. The Next Generation“, herausgegeben von Christoph Noe, Xenia Piech und Cordelia Steiner) zeigt lauter Bilder, die ebenso naiv wie melancholisch sind: traurige Comic-Gestalten, die mit ihren großen Brillen in pastellfarbene Autos steigen. Auf den bunten Digitalcollagen der 1980 geborenen Liu Ren erscheinen vor dem Pekinger Militärmuseum unversehens Dinosaurier und Panzer aus einem Spielzeugkasten; dann üben Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao, Schlafwandler allesamt, Tai Chi auf einer grünen Erdkugel, an deren Horizont die Embleme des neuen Peking zu erkennen sind. Als die Künstlerin einmal auf den mutmaßlich subversiven Charakter dieser Bilder angesprochen wurde, antwortete sie erschrocken: „Ach, das war doch nur ein verrückter Traum.“
Das absolute Fehlen von Sarkasmus
Das entspricht vermutlich der Wahrheit, denn was diese Generation von ihrer Vorgängerin, deren Maler in den neunziger Jahren den heute noch erfolgreichen „Politischen Pop“ und „Zynischen Realismus“ schufen, vor allem unterscheidet, ist das absolute Fehlen von Sarkasmus. Umgeben von Ideologemen, die zur gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirklichkeit in einem immer zufälligeren Verhältnis stehen, haben die Angehörigen dieser Generation gelernt, politischen Gedanken keine übertrieben große Bedeutung beizumessen. Deshalb ist das Zusammenrühren von propagandistischen, ökonomischen und massenkulturellen Elementen für sie kein Ausdruck der Resignation mehr und auch kein subtiler Unterwanderungsversuch, sondern bloß die für selbstverständlich gehaltene Manifestation einer bei aller Buntheit plan gewordenen Welt. Fraglos scheinen die meisten den politischen Rahmen zu akzeptieren, der den meisten ihrer Bestrebungen wenig Widerstand entgegensetzt. „Egoistisch“, „verwirrt“ und „frei“ sind die Attribute, die die Künstler in dem Bildband ihrer Altersgruppe vorzugsweise zuschreiben. Der Überbau des politischen Rahmens dagegen, der Marxismus-Leninismus, der in den Schulen und Universitäten nach wie vor gelehrt wird, scheint bei ihnen mit allen anderen Überbauten, seien es Kindheitserinnerungen, Markenlogos, Figuren aus Computerspielen, Hollywood oder den moralischen Vorstellungen der Eltern, zu einer einzigen virtuellen, also letztlich unwirklichen Welt zu verschmelzen.
Die politischen Ideen des Westens gehören auch dazu. Nicht, dass sie prinzipiell abgelehnt würden - aber im Konfliktfall geraten sie unter den gleichen Ideologieverdacht wie alle anderen Politikbegründungen. Nach den tibetischen Unruhen und den Protesten beim olympischen Fackellauf reagierten gerade jüngere Leute mit einem demonstrativen Schulterschluss mit der Regierung und einer scharfen Abwehr aller westlichen „Einmischung“. Offenbar bringen junge Chinesen dem Rahmen der eigenen Nation im Zweifel mehr Vertrauen entgegen als dem für sie abstrakt und eben „ideologisch“ bleibenden Rahmen der Weltgemeinschaft.
Dass diese Generation individualisierter, polyglotter und vertrauter mit der globalen Massenkultur ist als alle chinesischen Generationen vor ihr, heißt also noch lange nicht, dass sie sich dem westlichen Staatensystem näher fühlte. Inwiefern die Übereinstimmung mit der herrschenden Partei auch Zeiten überdauern könnte, in denen diese die materiellen Interessen von Stadtbewohnern weniger bedient als jetzt, ist freilich eine offene Frage. Vorerst deutet sich ein weiterer Generationenkonflikt an. Ein in den Achtzigern Geborener stellte kürzlich ein satirisches Video ins Netz, in dem er sich in der Maske eines im Fernsehen interviewten Professors über die Angehörigen der Post-Neunziger-Generation beschwerte. Und was gefiel ihm an ihnen nicht? Natürlich dass sie selbstsüchtig, unverantwortlich, materialistisch und dumm seien.
Das chinesische Spiegelbild...
Harry LeRoy (Cimon)
- 20.11.2008, 14:23 Uhr