06.11.2009 · Peking hat schon wieder einen Weltgipfel veranstaltet. Nach dem Welt-Think-Tank-Gipfel und dem Weltmediengipfel ist es jetzt der Welt-Design-Kongress, den die Stadt zum Anlass für die kühnsten Voraussagen nimmt.
Von Mark SiemonsPeking hat schon wieder einen Weltgipfel veranstaltet. Seit den Olympischen Spielen nimmt die Entschlossenheit Chinas, sich durch die Ausrichtung, bisweilen auch Erfindung globaler Zusammenkünfte an die Spitze aller möglichen gesellschaftlich-kulturellen Subsysteme zu stellen, dramatisch zu. Nach dem Welt-Think-Tank-Gipfel und dem Weltmediengipfel ist es jetzt der Welt-Design-Kongress des Branchenverbands Icograda, den die Stadt zum Anlass für die kühnsten Voraussagen nimmt.
So verkniff sich der Repräsentant eines einschlägigen Staatsunternehmens tatsächlich nicht die Erwartung, demnächst „ein Image von Peking als einer Welthauptstadt des Designs erzeugen“ zu können. Das verblüfft dann doch. Auch Liebhaber von Pekings rauhem Charme wären bisher nicht auf die Idee gekommen, eine wie auch immer geartete ordnende Form, die man Design nennen könnte, in ihr zu entdecken. Offensichtlich beschreibt die rhetorische Offensive also keinen ästhetischen Zustand, sondern ein politisches Programm: Es ist der Wille zum Design, den der chinesische Staat und die ihn beherrschende Partei da mit aller Entschiedenheit zu Protokoll geben.
Was fehlt
Design ist für die Pekinger Kommunisten der Inbegriff der Originalität, die sie zum neuen Markenzeichen des bisher eher mit Kopien assoziierten „Made in China“-Labels machen wollen. Die Konkurrenzfähigkeit der chinesischen Wirtschaft soll in Zeiten nachlassender Auslandsnachfrage nicht länger bloß auf den Preis, sondern auf die Stärke und Unverwechselbarkeit der chinesischen Kultur gegründet sein. Aber wie soll das gehen? An Kapital und Personal fehlt es anscheinend nicht: Mehr als fünfzig Millionen Euro hat sich allein die Stadt Peking in den vergangenen drei Jahren ihren Ehrgeiz kosten lassen, eine „Kreativindustrie“ aufzubauen, und im ganzen Land soll es mittlerweile nicht weniger als eine Million Designstudenten geben.
Die Ausstellungen der „Internationalen Design-Woche“, die jetzt anlässlich des Kongresses überall in der Stadt stattfanden, machten klar, dass auch an pfiffigen Ideen und rasch wirkenden Überwältigungsstrategien kein Mangel herrscht. Was fehlt, zeigte sich am ehesten, wenn aus Versehen einmal ein Möbel aus der Ming-Dynastie mit seinen klaren, eleganten Formen mit ausgestellt wurde: ein aus Geschichte und gegenseitiger Bezugnahme gebildeter Rahmen, der der überschießenden Vitalität Halt geben könnte. Wer immer in den letzten Jahren für das chinesische Design neue Maßstäbe setzte (wie der Pekinger Immobilienkonzern Soho oder die von der Publizistin Hong Huang herausgegebene Zeitschrift „iLook“), tat dies gerade durch die enge Zusammenarbeit mit wichtigen internationalen Gestaltern und Architekten. Ohne einen solchen Standard von Kritik und Öffentlichkeit dürfte es Pekings prometheisches Kulturprojekt schwer haben.