Über den deutschen Streit um den Export der Hanauer Atomanlage hüllt man sich in den chinesischen Medien bislang in Schweigen. Man weiß, daß selbst die Grünen, die sich aufs heftigste gegen den Verkauf stemmen, es eigentlich nur gut mit China meinen. Denn für die chinesische Umwelt fühlten sich die deutschen Grünen schon immer besonders verantwortlich. Wer mit einem halbwegs passablen Gedächtnis ausgestattet ist, wird sich bestimmt noch an jene hitzigen Fernsehdiskussionen vor mehr als einem Jahrzehnt erinnern, in denen mit geradezu sadistischen Zügen das Schreckensbild von Abermillionen autofahrenden Chinesen gezeichnet wurde.
Und wie recht haben die Grünen gehabt: Was haben wir Chinesen doch in diesem Jahrhundertsommer gestöhnt! Obwohl erst ein paar Millionen von uns Auto fahren. Was wird erst geschehen, wenn das hundert Millionen Chinesen tun und zu Hause ihre Klimaanlagen einschalten - von anderen Energiefressern wie Waschmaschinen, Fernsehern oder Mikrowellen gar nicht zu reden. Schon jetzt leiden die chinesischen Großstädte ausnahmslos unter Verkehrschaos. Zwar bringt etwa in Schanghai ein deutsches Technikwunder namens Magnetschwebebahn seine Passagiere in nur vier Minuten zum Flughafen. Um aber von der Innenstadt aus den ersten Bahnhof der Magnetschwebebahn zu erreichen, die nicht in der Innenstadt, sondern auf der östlichen, verhältnismäßig dünn besiedelten Seite des Huangpu-Flusses verkehrt, muß man selbst bei einem Taxifahrer von der Qualität eines Michael Schumacher mindestens eine halbe Stunde einkalkulieren.
1062 Verkehrstote in Peking
Und der Verkehr in Schanghai ist noch relativ harmlos. Für die Zustände in Peking dagegen ist der Begriff "Verkehrschaos" verharmlosend. Verkehrskatastrophe trifft es genauer. Denn ein Stau kostet nur Nerven, eine Katastrophe aber wie in Peking Menschenleben: In den ersten acht Monaten dieses Jahres wurden allein in der Hauptstadt 1062 Verkehrstote gezählt. Landesweit forderte der Verkehr bislang 85.666 Menschenleben, was der Regierung recht gleichgültig zu sein scheint. Menschen gibt es in China ja genug. Doch jetzt droht der Verkehr aus anderen Gründen für Peking zu einem gravierenden Problem zu werden: Die Olympischen Spiele werden hier im Jahr 2008 stattfinden. Wenn deren Ablauf an irgend etwas scheitern sollte, dann nur am Verkehr.
Peking hat alles in allem lediglich 2,02 Millionen Fahrzeuge bei vierzehn Millionen Menschen, die dort leben. Allerdings hat Schanghai mit seinen sechzehn Millionen Bewohnern nur 1,2 Millionen Autos. Man darf voraussagen, daß die Autoindustrie in China schnell wachsen wird - zum Wohle der chinesischen, deutschen und der Weltwirtschaft. In zehn Jahren, so schätzt Chen Wei, Mitarbeiter eines regierungsamtlichen Forschungsinstituts, werden auf Chinas Straßen, konservativ geschätzt, hundert Millionen Fahrzeuge unterwegs sein. Das ist moralisch zu begrüßen - denn Mobilität bedeutet Freiheit - und wirtschaftlich vernünftig. Denn kaufte nur die Hälfte der Chinesen jeweils ein Auto, hätte Deutschland wohl keine Arbeitslosen mehr und die ganze Welt Wohlstand. Daß auch die deutschen Grünen das eingesehen haben, zeigt sich daran, daß sie sich, seit sie mitregieren, nicht mehr an der Schwarzmalerei beteiligen. Ökonomische Basis bestimmt ideologischen Überbau, heißt das bei Marx.
Am besten deutsche Autos
Chinesen sollen und müssen Autos fahren, am besten natürlich deutsche Autos. Autos aber verbrauchen Benzin, das in China sehr knapp ist. Schon heute ist das Land neben den Vereinigten Staaten die treibende Kraft bei der Preisbildung auf dem Weltmarkt für Öl, und in diesem Jahr wird der Import die Marke von hundert Millionen Tonnen übertreffen, was letztlich aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Das Land leidet unter chronischer Energieknappheit: Im Sommer mußte in neunzehn Provinzen kurzzeitig die Elektrizitätsversorgung eingeschränkt werden. Jetzt im Winter wird es noch schlimmer kommen. Gezwungenermaßen greift die Regierung deshalb wieder verstärkt auf Kohle zurück und gibt viele kleine für die Arbeiter lebensgefährliche Kohlegruben zum Abbau wieder frei, obwohl in jedem Monat einige davon explodieren. Die Konsequenz ist einfach: China braucht Atomenergie, wenn es einen größeren Beitrag zur Entwicklung der Weltwirtschaft leisten will. Die Franzosen haben dafür Verständnis und sind bereit, Pekings Bemühungen um Atomkraftnutzung zu unterstützen: Der Chef von Electricité de France erklärte erst kürzlich, seine Firma betrachte China als einen der wichtigsten Märkte für die Atomenergietechnik.
Aber abseits vom banalen Geschäft geht es um Prinzipien und Moral. Moralisch wünschenswert ist, daß China sich wirtschaftlich weiterentwickelt und daß Chinesen Autos fahren dürfen; unmoralisch ist allerdings, daß Chinesen Autos fahren wollen, die Benzin verbrauchen und damit unsere Umwelt verschmutzen - und als noch unmoralischer gilt es, daß sie nun auch noch Atomanlagen haben wollen. Die Grünen, die sich nicht nur menschenrechtlichen, sondern auch sozialen Fortschritt in China wünschen, verfolgen mit dem Widerstand gegen den Export der Hanauer Atomfabrik nur scheinbar eine konsequente Politik. Deren Konsequenzen sie in Wahrheit nicht zu tragen bereit sind. Zumindest nicht aus chinesischer Sicht.