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China und die Schuldenkrise : Wart’ nur, Europa!

China werde ständig von Europa beleidigt, schreibt „Global Times“, der publizistische Beißhund der Kommunistischen Partei, und fragt sich, weshalb das Land den Europäern in der Schuldenkrise helfen sollte.

          Eine ungute Ahnung schwebt über der Schuldenkrise: Könnte es sein, dass Europas finanzielle Notlage am Ende auch seine ideelle Identität berührt? Dass die Bedürftigkeit Europas seinen Einsatz für Menschenrechte auf die eine oder andere Weise womöglich ein wenig schwächt? Diplomatische Kreise pflegen solche Befürchtungen, wenn es etwa um Hilfsgesuche an China geht, natürlich heftig zu bestreiten: Je enger die Partnerschaft, desto ehrlicher könne auch die Kritik sein.

          Tatsächlich wirkt die Regierung in Peking beim Projekt „Rettung Europas“ extrem professionell: Ob und unter welchen Bedingungen sie Geld verleiht, scheint sie wirklich nur anhand ökonomischer Kriterien zu entscheiden; andere Länder kritisiert sie regelmäßig dafür, dass sie wirtschaftliche Themen „politisierten“. Jetzt aber gibt der publizistische Beißhund der Kommunistischen Partei Chinas, die Tageszeitung „Global Times“, den ärgsten Sorgen recht und bringt in einer überraschenden Argumentationskette einen Faktor ins Spiel, auf den liberale Westler sonst gerade ihre Hoffnungen setzen: die Öffentlichkeit.

          Viele halten ausländische Kritik für ein Komplott

          Die chinesische Öffentlichkeit, so stellt der ungezeichnete Artikel in dräuender Stimmlage fest, habe nichts gegen Europa, aber sie wisse, dass in dem Wohlfahrtssystem dort „einige Leute ein bisschen faul geworden sind“. Und nun kommt’s: „Wenn Europa die chinesische Regierung angreift, kann es nicht vermeiden, das ganze Land zu beleidigen.“ Und da die chinesische Regierung, so vollendet der Artikel seinen logischen Dreischritt, in letzter Zeit immer mehr auf die öffentliche Meinung im eigenen Land achten müsse, werde die Kritiklust der Europäer eines Tages auf sie selbst zurückschlagen - dann nämlich, wenn die chinesische Öffentlichkeit nicht mehr einsehe, warum sie einen Kontinent, der sie ständig beleidige, weiter subventionieren solle.

          Die Drohung könnte offener nicht sein: „Wenn Europa rational ist, sollte es sich nicht gehenlassen.“ Das Sophistisch-Zynische an dieser Schlussfolgerung ist nicht zu übersehen: Wenn große Teile der Bevölkerung eine Kritik an ihrer Regierung auf sich selbst beziehen, dann ist das ja nicht zuletzt das Ergebnis einer Manipulation, für die eben diese Regierung wiederum Kritik verdient. Die Diagnose ist allerdings nicht irreal. Viele Chinesen, die nach Herzenslust auf die Partei schimpfen, halten Kritik aus dem Ausland für ein Komplott, um China kleinzuhalten, und es ist eine offene Frage, wie diese Kommunikationsbarriere zu überwinden ist. Vielleicht veranlasst die Krise Europa nicht, opportunistischer zu werden; hoffentlich aber doch, sich verständlicher zu machen.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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