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China und die Euro-Krise Wir können nicht die ganze Welt retten

China gilt als Hoffnungsträger bei der Hilfe für Europa in der Finanzkrise - nach den Verhandlungen von der Nacht zum Freitag noch viel mehr. Aber warum, fragen sich die Chinesen, sollten sie den europäischen Lebensstandard sichern?

© Mark Siemons „Hundert Prozent Luxusartikel, hundert Prozent Rabatt“ – das verspricht die Werbung für Florentia Village nahe bei Peking: China schätzt an Europa das gute Leben

Ja, ja, die Chinesen. Während das reale Europa taumelt und um Hilfe bettelt, bauen sie auf halber Strecke zwischen Peking und Tianjin Europa kurzerhand nach, und zwar in der besonders adretten und kulturell wertvollen italienischen Version, als Zusammenballung der Höhepunkte aus Rom, Venedig und Florenz auf sechzigtausend Quadratmetern.

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Der kaufkräftige Großstädter, der nach gerade mal zwanzigminütiger Fahrtzeit vom flughafenähnlichen Bahnhof Peking-Süd im nagelneuen, mit 288 Stundenkilometern dahinbrausenden Hochgeschwindigkeitszug „Harmonie“ im sonst nicht weiter auffallenden Flecken Wuqing angekommen ist, sieht durch die dichten Smogschwaden gleich den Turm von San Marco grüßen. Nur hundert Meter muss er ausschreiten, und schon ist er im „Florentia Village“ und kann zwischen Kolosseum und Canal Grande in Armani-, Prada- und zweihundert anderen original europäischen Markengeschäften stöbern, und dies auch noch, da es sich um Outlet-Läden handelt, zu ermäßigten Preisen.

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Nur die Pizza Wuqing mit Entenstreifen, Koriander und Sojasoße verrät etwas Lokalkolorit, sonst ist von den Baumaterialien über die Weihnachtsliedbeschallung bis zu den Mariendarstellungen an einigen Häusern alles original europäisch. Bei einer Wohltätigkeitstombola mit Feuerwerk im Kolosseum gibt es einen Massenauflauf, als kostenlos Panettone ausgeteilt wird, und Clowns balancieren auf hohen Stelzen, wie sie das in allen mediterranen Fußgängerzonen tun. Doch die Polizisten, die aufgeräumt durch die Gassen patrouillieren, tragen natürlich chinesische Uniformen.

Sieht so das Europa aus, wie es China zu retten bereit wäre: ein Europa der Markenartikel, dessen Fassaden zur Steigerung der Wirtschaftskraft bewahrt werden, während alles ursprüngliche Leben längst daraus gewichen ist? So könnte man denken, aber in Wirklichkeit handelt es sich beim „Florentia Village“ um ein Joint Venture des italienischen Immobilienunternehmens Fingen RDM mit dem amerikanischen Konglomerat Waitex. Sicher war es für den reibungslosen administrativen Ablauf des Projekts in China von Vorteil, dass der Vorstandsvorsitzende von Waitex der chinesischstämmige Howard Li ist, der zugleich als Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volks für Tianjin figuriert. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Europa-Simulation in China ein konzeptionell wie finanziell europäisch-amerikanisches Projekt ist.

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Wer sich dieser Tage in Peking über den Alten Kontinent unterhält, bekommt den Eindruck, dass es sich mit der Rettung Europas, wie sie die Europäer China und anderen Schwellenländern im Moment antragen, ähnlich verhalten könnte. Aus Pekinger Sicht könnte der Kauf europäischer Staatsanleihen bloß Investition in Fassaden sein, hinter denen ein schwarzes Loch klafft. Für viel zu unsicher hält die Regierungsberaterin Gao Haihong diesen Handel mit Schulden. Vor allem aber sei gar nicht Geld das Hauptproblem Europas, sondern fehlendes Vertrauen. Das Geldproblem allein könnte Europa schon aus eigenen Kräften bewältigen, wenn die reicheren Länder des Erdteils entschlossen die ärmeren unterstützten. Aber es sei die Frage, ob es dazu die politische Bereitschaft gebe.

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