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China und die Euro-Krise Wir können nicht die ganze Welt retten

09.12.2011 ·  China gilt als Hoffnungsträger bei der Hilfe für Europa in der Finanzkrise - nach den Verhandlungen von der Nacht zum Freitag noch viel mehr. Aber warum, fragen sich die Chinesen, sollten sie den europäischen Lebensstandard sichern?

Von Mark Siemons, Peking
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Ja, ja, die Chinesen. Während das reale Europa taumelt und um Hilfe bettelt, bauen sie auf halber Strecke zwischen Peking und Tianjin Europa kurzerhand nach, und zwar in der besonders adretten und kulturell wertvollen italienischen Version, als Zusammenballung der Höhepunkte aus Rom, Venedig und Florenz auf sechzigtausend Quadratmetern.

Der kaufkräftige Großstädter, der nach gerade mal zwanzigminütiger Fahrtzeit vom flughafenähnlichen Bahnhof Peking-Süd im nagelneuen, mit 288 Stundenkilometern dahinbrausenden Hochgeschwindigkeitszug „Harmonie“ im sonst nicht weiter auffallenden Flecken Wuqing angekommen ist, sieht durch die dichten Smogschwaden gleich den Turm von San Marco grüßen. Nur hundert Meter muss er ausschreiten, und schon ist er im „Florentia Village“ und kann zwischen Kolosseum und Canal Grande in Armani-, Prada- und zweihundert anderen original europäischen Markengeschäften stöbern, und dies auch noch, da es sich um Outlet-Läden handelt, zu ermäßigten Preisen.

Nur die Pizza Wuqing mit Entenstreifen, Koriander und Sojasoße verrät etwas Lokalkolorit, sonst ist von den Baumaterialien über die Weihnachtsliedbeschallung bis zu den Mariendarstellungen an einigen Häusern alles original europäisch. Bei einer Wohltätigkeitstombola mit Feuerwerk im Kolosseum gibt es einen Massenauflauf, als kostenlos Panettone ausgeteilt wird, und Clowns balancieren auf hohen Stelzen, wie sie das in allen mediterranen Fußgängerzonen tun. Doch die Polizisten, die aufgeräumt durch die Gassen patrouillieren, tragen natürlich chinesische Uniformen.

Sieht so das Europa aus, wie es China zu retten bereit wäre: ein Europa der Markenartikel, dessen Fassaden zur Steigerung der Wirtschaftskraft bewahrt werden, während alles ursprüngliche Leben längst daraus gewichen ist? So könnte man denken, aber in Wirklichkeit handelt es sich beim „Florentia Village“ um ein Joint Venture des italienischen Immobilienunternehmens Fingen RDM mit dem amerikanischen Konglomerat Waitex. Sicher war es für den reibungslosen administrativen Ablauf des Projekts in China von Vorteil, dass der Vorstandsvorsitzende von Waitex der chinesischstämmige Howard Li ist, der zugleich als Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volks für Tianjin figuriert. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Europa-Simulation in China ein konzeptionell wie finanziell europäisch-amerikanisches Projekt ist.

Wer sich dieser Tage in Peking über den Alten Kontinent unterhält, bekommt den Eindruck, dass es sich mit der Rettung Europas, wie sie die Europäer China und anderen Schwellenländern im Moment antragen, ähnlich verhalten könnte. Aus Pekinger Sicht könnte der Kauf europäischer Staatsanleihen bloß Investition in Fassaden sein, hinter denen ein schwarzes Loch klafft. Für viel zu unsicher hält die Regierungsberaterin Gao Haihong diesen Handel mit Schulden. Vor allem aber sei gar nicht Geld das Hauptproblem Europas, sondern fehlendes Vertrauen. Das Geldproblem allein könnte Europa schon aus eigenen Kräften bewältigen, wenn die reicheren Länder des Erdteils entschlossen die ärmeren unterstützten. Aber es sei die Frage, ob es dazu die politische Bereitschaft gebe.

Gao Haihong ist die Direktorin der Abteilung Internationale Finanzen im Institut für Weltwirtschaft und Politik. In den kleinen Büros im fünfzehnten Stock der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, des wichtigsten Thinktanks der Volksrepublik, türmen sich Zeitungsstapel. Das offizielle Besuchszimmer mit den ausladenden Sofas dagegen, in dem wir uns unterhalten, ist weiträumig. Gao Haihong sieht mit ihren Jeans und ihren lang über die Schulter fallenden lockigen Haaren nicht gerade wie die funktionärshafte Entsprechung zu diesem Raum aus. Dass sie oft zu Ausstellungen im Kunstdistrikt 798 geht, wie sie erzählt, glaubt man ihr dagegen sofort.

Reiches Land, arme Bevölkerung

Neben der Investitionsunsicherheit gebe es noch einen anderen Grund, weshalb sich die chinesische Regierung zurückhalte, auf die europäischen Wünsche einzugehen: der öffentliche Druck. Gao erzählt von einer Dienstreise nach Spanien und Griechenland, die sie kürzlich zur Untersuchung der europäischen Krise unternahm. In Madrid fuhr sie vom Flughafen in einer U-Bahn, die ihr im Vergleich mit dem Pekinger Metrosystem unglaublich perfekt vorkam, in die Innenstadt. Als sie auf einem Platz mit einem wunderschönen künstlichen Wasserfall wieder ans Tageslicht kam, entfuhr es einem Kollegen: Nein, ein solches Land können wir doch nicht unterstützen!

Ein Spanier habe ihr gesagt: Wir sind ein armes Land mit einer reichen Bevölkerung. China aber sei das Gegenteil: ein reiches Land mit einer armen Bevölkerung. Wie könne man dieser Bevölkerung erklären, dass die Reserven verbraucht werden, um den ungleich höheren Lebensstandard in einem anderen Kontinent erhalten zu helfen?

„Die Leute im Westen sind wirklich schlau“

Tatsächlich ist das öffentliche Meinungsbild, wie es etwa der Kurzmitteilungsdienst Weibo, das chinesische Twitter-Pendant, dokumentiert, ziemlich eindeutig: „Wir haben in China noch so viele Menschen, die nicht genug zu essen haben. Und jetzt denken wir an die Ausländer.“ Das Geld solle besser für wissenschaftliche Forschung und die Besserung der eigenen Lebensverhältnisse ausgegeben werden, meinen die meisten: „Bedient keine Eitelkeiten mit dem Geld.“

Während in der westlichen Öffentlichkeit Parallelen zur Zeit nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg bemüht werden, als jeweils Amerika dem darniederliegenden Europa mit Krediten und massiven Investitionen aufhalf und dadurch selbst zur Supermacht aufstieg, heißt im chinesischen Internet die Devise: „Wir haben es nicht nötig, die Welt zu retten!“ Die neo-maoistische Website „Utopia“ vermerkt: „Die Leute im Westen sind wirklich schlau. Sie können noch lauter als die wirklich armen Menschen schreien, dass sie arm sind.“ Ein Blogger macht „übertriebene Wohlfahrt“ für die europäischen Probleme verantwortlich: „Sie haben eine Menge fauler Leute dort.“

Doch die chinesische Regierung, sagt Direktorin Gao, habe auch langfristige strategische Interessen im Blick: „China will Europa nicht scheitern sehen.“ Auf Dauer sei China an der Ablösung des jetzigen, vor allem an Amerika orientierten hegemonialen Weltsystems durch eine multipolare Ordnung gelegen, in der Europa neben Amerika und China eine wichtige Rolle spiele. Deshalb wolle China seine Währungsreserven tatsächlich diversifizieren. Die Frage sei nur, wie das Geld möglichst liquide, sicher und profitabel angelegt werden könne.

China habe gute Erfahrungen mit asiatischen Nachbarn wie Südkorea gemacht, dem es in der Wirtschaftskrise von 2008 geholfen habe. Bilaterale Abkommen dieser Art mit Ländern, die zudem die chinesische Währung akzeptieren, böten für China weniger Risiken. Viele in der Regierung hielten nun eine verstärkte Förderung über den Internationalen Währungsfonds für möglich, da dort die Geldvergabe an strenge Auflagen geknüpft sei. Bislang sei der Währungsfonds allerdings immer noch stark von Amerika dominiert.

Was würde Kant dazu sagen?

Direktorin Gao macht keinen Hehl daraus, dass China dies nicht für immer so lassen, vielmehr künftig die Regeln auch selbst mitbestimmen will. „Regime Shift“ sei freilich immer ein langer Prozess. Ihr Kollege Zhang Yuyan sprach in einer Rede kürzlich davon, dass die europäische Krise eine großartige Chance zur Schaffung neuer Institutionen darstelle - nicht nur für Europa. China trete in eine neue Phase der Globalisierung ein, in der „die Macht, Regeln aufzustellen, zum Hauptgegenstand künftigen Wettbewerbs“ werde.

So sieht das wohl auch Zhao Tingyang, der an der Akademie für Sozialwissenschaften als Philosoph tätig ist. Wir treffen uns in einem Lokal mit westlichem Essen, das an diesem Nachmittag aber fast nur von Chinesen besucht wird. Die Bedienung trägt rote Weihnachtsmannmützen, und Zhao will Weihenstephaner Bier und deutschen Apfelstrudel probieren. Die Probleme der EU, mit ihrer Krise fertig zu werden, hält er für ein weiteres Argument gegen das, was er „Kants Projekt des ewigen Friedens“ nennt und das im Westen als völlig selbstverständliches Konzept genommen werde. Die Mitgliedstaaten der EU erfüllten alle Kants Forderung, freie, an Menschenrechten orientierte Republiken zu sein, und dennoch falle es ihnen offenkundig sehr schwer, sich in der Krise auf übergeordnete Vereinbarungen zu einigen. Zhaos erster Einwand gegen Kant (den er im Übrigen, wie er versichert, bewundere), war Huntington: Die Verschiedenheit der Kulturen und deren Wertordnungen sei von Kant nicht genügend berücksichtigt worden.

Das künftige Dreiecksgeflecht

Zhao Tingyangs eigene Theorie einer friedlichen Weltordnung setzt daher nicht auf die Gleichheit der einzelnen Entitäten, sondern auf die Gleichheit der Beziehungen. Dem deutschen Berichterstatter, dem das etwas abstrakt vorkommt, gibt Zhao ein aktuelles Beispiel: Während die Vereinigten Staaten das Atomproblem mit Iran dadurch zu lösen versuchten, dass sie das Land militärisch bedrohten, würde China gleich gute wirtschaftliche und politische Beziehungen sowohl zu Iran als auch zu Israel aufbauen und auf dieser Grundlage dafür sorgen, dass auch Iran und Israel untereinander zu einer Vereinbarung kämen.

Ein solches Beziehungsgeflecht müsse im globalen Maßstab freilich durch dominierende Mächte zusammengehalten werden. Im Moment komme dafür nur Amerika in Frage, für die Zukunft kann sich Zhao ein Dreieck vorstellen, das aus Amerika, China und einem durch Deutschland dominierten Europa gebildet werde.

Wie könnte der Übergang zu einem solchen neuen Paradigma der internationalen Beziehungen „unter dem Himmel“ aussehen? Zhao betont, dass China niemandem seine Konzepte aufzwinge; es reagiere immer nur auf andere. In diesem Sinne, als Reaktion und Provokation, war wohl auch der Vorstoß von Lou Jiwei zu verstehen, der in der „Financial Times“ Investitionen in die europäische Infrastruktur als eine Möglichkeit der chinesischen Hilfe vorschlug. Anders als bisher, so schrieb der Vorsitzende der obersten staatlichen Investitionsgesellschaft „China Investment Corporation“, sollten die chinesischen Firmen dabei nicht bloß Vertragspartner sein, sondern als Investoren, Entwickler und Betreiber von Anfang bis Ende an den gemeinsamen Projekten beteiligt sein. Er wies darauf hin, dass Europa einen starken Bedarf an der Verbesserung seiner Infrastruktur, von Transportwegen bis zur Abfallbeseitigung, habe.

Die Gräser des Sozialismus

Soll Europa also Chinas zweites Afrika werden? Die Finanzwissenschaftlerin Gao Haihong sagt, dass das erst mal nichts weiter als ein Artikel sei. Solche Investitionen in die Realwirtschaft seien gewiss sicherer, als Schulden zu kaufen, aber mit großen Profiten sei nicht zu rechnen. Und anders als im Falle Afrikas würde es die chinesische Öffentlichkeit beim wohlhabenden Europa kaum tolerieren, wenn der eigenen Wirtschaft das Geld auf lange Zeit entzogen würde. Ganz davon abgesehen, dass es nicht so aussehe, als ob solche Investitionen in Europa zurzeit durchweg willkommen wären.

Ein prominentes Beispiel dafür war kürzlich der milliardenschwere Immobilien- und Tourismus-Investor Huang Nubo. Er wollte in Island dreihundert Quadratkilometer Land kaufen, um dort eine Ferienanlage für Amerikaner und Chinesen zu errichten, aber nach langem Hin und Her lehnte die isländische Regierung mit Verweis auf fehlende gesetzliche Bedingungen ab. Huang Nubo ist jetzt wütend. Er habe nicht damit gerechnet, sagt er; er habe immer neue Dokumente nachgereicht, um alle gesetzlichen Bestimmungen zu erfüllen, und habe eigens eine Firma gegründet, die zu zwei Dritteln aus Isländern bestehe. Doch jetzt habe man einfach abgesagt, ohne sich auch nur um ein Gespräch mit ihm zu bemühen. Stattdessen habe sich der isländische Innenminister vor die Presse gestellt und gesagt: Die Chinesen kaufen überall alles auf, so geht das nicht.

„Poesie ist die Lösung“

Huang Nubo ist ein Unternehmer eigener Art. In seinem Büro hängen Fotos von den Achttausendern, die er schon bestiegen hat, um dort Gedichte zu schreiben. Im Kern seines Wesens sieht er sich nämlich als Dichter, freilich einen, der weder melancholisch noch selbstmitleidig ist. „Poesie ist die Lösung“, pflegt er zu sagen. Er fördert Lyriker (auch solche, die in China früher verboten waren) und Dichterkongresse in der ganzen Welt, und in der Firmenzentrale kann man nicht nur zahlreichen Affen, Papageien und Katzen begegnen, die er in seiner Nähe hält; es sind dort auch Installationen internationaler Künstler aufgestellt, die seine Gedichte visualisieren. In Island wurde freilich auch mit Argusaugen vermerkt, dass er seine Laufbahn als Funktionär in der Propagandaabteilung der Partei begonnen hatte.

Was hat diese Mischung nun zu bedeuten? Muss man Angst haben oder nicht?

Im Moment, meint Huang, werde eine Stimmung gegen China erzeugt, die dem Westen selbst schade. Es sei wie in der Kulturrevolution, als es hieß: „Wir wollen lieber die Gräser des Sozialismus als das Getreide des Kapitalismus essen.“ Huang führt das auf den schwierigen Zustand der europäischen Wirtschaft zurück, da fehle es an Selbstvertrauen.

Abschottung wird nicht funktionieren

Doch er ist auch zuversichtlich. Auf die Dauer könne sich Europa nicht gegen China abschotten. Huang plant, eine Untersuchungsdelegation nach Nordeuropa zu schicken, die sich zwei Jahre lang mit den Gesetzen, mit der Politik und mit dem Investitionsklima dort vertraut machen soll. Schon jetzt habe seine Firma auch einen Sitz in den Vereinigten Staaten; wenn alles klappt, werde ein weiterer zentraler Geschäftsbereich in Nordeuropa hinzukommen. Dann wäre das Dreieck, das auch den politischen Strategen vorschwebt, komplett: China, Amerika, Nordeuropa.

Das reicht aus, meint Huang, um in den nächsten zehn, zwanzig Jahren genug zu tun zu haben.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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