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China und Afrika : Der Westen liefert nur noch die Logos

Das Model Trécy Gbiayu in einem Outfit der „Kinshasa Collection“ Bild: NELSON MAKENGO

Wie kann der Westen damit klarkommen, bei einer der machtvollsten geopolitischen Beziehungen der Gegenwart keine Rolle mehr zu spielen? Die Ausstellung „Chinafrika“ und die Webserie „Kinshasa Collection“ klären auf.

          Alle paar Monate entdecken die westlichen Medien von neuem ein wahnsinnig großes Thema: China und Afrika, kurz Chinafrika. So viel Überraschendes, Eigenartiges, irgendwie Bedeutsames steckt allein in der Vorstellung dieser speziellen Beziehung, dass der Gegenstand seine Popularität nicht verliert. Das Verblüffende ist nur: Gleich nach seiner Entdeckung wird das große Thema von den westlichen Öffentlichkeiten wieder vergessen, so dass es bei seiner nächsten Entdeckung ein weiteres Mal als ganz frisch und neu erscheint. So hat es der südafrikanische Publizist Cobus van Staden aufgrund seiner Erfahrung als Mitbetreiber der Website „China Africa Project“ festgestellt. Der südafrikanische Künstler und Filmemacher Michael MacGarry spricht von einem „einzigartig westlichen, Sisyphus-mäßigen Amnesie-Zirkel“. Das kollektive Bewusstsein von der eigenen Rolle in der Welt scheint ganz unberührt von dem zu sein, was sich da jenseits des eigenen Einflusses und Wirkens abspielt. Was für eine Art Verdrängung ist da im Gange? Will es der Westen womöglich nicht wahrhaben, dass die Geschichte in einem nicht unbeträchtlichen Teil der Erdkugel ganz ohne ihn auskommt, dass, wie es der kamerunische Philosoph Achille Mbembe einmal formulierte, „die Zukunft der Welt immer weniger im Westen entschieden wird“?

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Van Staden machte seine Beobachtung auf einem Workshop eines mit deutschen Fördermitteln finanzierten Projekts, das eine Lücke in diese Abschottung des Bewusstseins schlagen will. Die Ausgangsfrage des Projekts könnte man paradox so fassen: Wie lässt sich eine Realität, die ausgerechnet durch ihre permanente, aber in konventionellen Bahnen bleibende Veröffentlichung verdrängt wird, zu einer Bewusstseinstatsache, zu einer kulturellen Tatsache machen? Die zentrale Ausstellung findet gerade unter dem Titel „Chinafrika. under construction“ in der Leipziger Galerie für Zeitgenössische Kunst statt. Sie ist aus vier Arbeitsgruppen von Künstlern, Schriftstellern und Theoretikern hervorgegangen, die in Johannesburg, Lubumbashi, Lagos und Guangzhou tagten. Zusammengehalten werden die Fäden in Berlin, von dem Kurator Jochen Becker und dem in Kreuzberg ansässigen Stadtforschungszentrum „metroZones“, gefördert von den Kulturstiftungen des Bundes und des Freistaats Sachsen. Eine Konferenz zum Thema hat er schon im Rahmen des Festivals Steirischer Herbst in Graz ausgerichtet, Ende August wird noch eine Performance auf dem Kunstfest Weimar folgen.

          „China ist überall in der Welt“

          Es ist eine Qualität der Ausstellung, dass sie den Untertitel „under construction“ zu ihrem eigenen Prinzip macht. Da wird keine bildmächtige starke These inszeniert; in der luftigen, bewusst improvisiert wirkenden Ausstellungsarchitektur erscheinen die Videoinstallationen, Bilder und Texte eher wie versprengte Bruchstücke, die sich erst im Kopf zu einem Gesamtbild zusammensetzen müssen. Die Besucher können sich so selber als Rechercheure, als Teil der globalen Baustelle fühlen, bei der noch niemand wissen kann, wie einmal das fertige Gebäude aussehen wird. Der Kurzfilm „Excuse Me, While I Disappear“ von Michael MacGarry zeigt exemplarisch eine neue Stadt, die eine chinesische Baufirma für 3,5 Milliarden Dollar in der Nähe von Luanda (Angola) errichtet hat. Man sieht einen jungen Mann auf seinem täglichen Weg von seiner Wohnung in der Altstadt von Luanda in die neue Welt, wo er als Straßenkehrer arbeitet. Die Siedlung wurde für 250000 künftige Bewohner gebaut, aber noch läuft zwischen den nagelneuen Hochhäusern, die nicht anders aussehen als in jeder chinesischen Vorstadt, kaum jemand herum.

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