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China Nackte Ehe

08.01.2010 ·  „Würden Sie“, wollte eine Umfrage unter Chinesen wissen, „eine 'nackte Heirat‘ akzeptieren?“ Also eine Eheschließung ohne Wohnung, Auto und Diamantring. Die Antwort auf diese Frage hat nicht wenig mit dem chinesischen Immobilienmarkt zu tun.

Von Mark Siemons
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Die ungewöhnliche Entwicklung auf dem chinesischen Immobilienmarkt, die die Quadratmeterpreise zuletzt in vielen Städten dramatisch steigen ließ, bringt das Leben auch in anderen Bereichen aus dem Gleis. Gewohnheiten, die sich in den Jahrzehnten der Wirtschaftsreform herausgebildet haben, lassen sich plötzlich nicht weiter aufrechterhalten. Bisher begann das Erwachsenendasein für junge Städter mit dem simultan vollzogenen Dreischritt von Berufsantritt, Eheschließung und Wohnungskauf. Seitdem nicht mehr wie in maoistischer Zeit die Arbeitseinheiten für Unterkunft sorgen, fördert die Regierung den Wohnungskauf durch Arbeitgeberzuschüsse und günstige Kreditbedingungen. Dennoch begleitet die Abzahlung die Käufer oft das gesamte Arbeitsleben lang, weshalb sie in China gern als „Wohnungssklaven“ bezeichnet werden.

Nun aber sind Stadtwohnungen so teuer geworden, dass sie sich kaum ein Berufsanfänger mehr leisten kann. Eine ganze Generation sieht sich damit wider Willen zu einer provisorischen Existenz verdammt. Gleichzeitig werden die anderen Elemente der Initiation auf eine unerwartete Probe gestellt, insbesondere die eheliche Liebe. Ist sie so groß, dass sie in Anbetracht der aktuellen Marktlage auch ohne vorherigen Immobilienerwerb von Dauer sein kann? Das wollte eine Umfrage des Internetportals Sohu jetzt herausfinden. „Würden Sie“, wollten die Meinungsforscher wissen, „in dieser neuen Ära eine ‚nackte Heirat‘ akzeptieren?“ Mit diesem Terminus, „Luo Hun“, ist eine Eheschließung ohne Wohnung, Auto und Diamantring gemeint. 43 Prozent der Befragten würden sie im Notfall akzeptieren, 47 Prozent nicht.

Immobilienmarkt und Ehe

Bezeichnend war der Unterschied zwischen den Geschlechtern: Achtzig Prozent der chinesischen Männer finden eine „nackte Heirat“ in Ordnung, siebzig Prozent der Frauen dagegen nicht. Weniger als von Romantik zeugt dies davon, dass die Männer immer noch die wirtschaftliche Hauptlast der Existenzgründung tragen. „Die Gesellschaft übt zu viel Druck auf Männer aus“, beschwert sich denn auch ein Mann auf der Sohu-Website, während eine Frau das befremdliche Konzept einer Heirat ohne Immobilienerwerb als „Realitätsflucht“ bezeichnet: „Männer, die so etwas wollen, sind unverantwortlich, weil sie nicht daran denken, das Ihre für ein gutes Leben mit der anderen Hälfte beizutragen.“

Eine andere Diskussionsteilnehmerin meint, sie könne bei einer Hochzeit auf Ring und Auto verzichten, nicht aber auf eine Wohnung: „Eine Ehe ohne materielles Fundament kann Problemen nicht standhalten.“ Man wird den Immobilienmarkt weiter beobachten müssen, um über das Schicksal der Liebe in China auf dem Laufenden zu bleiben.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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