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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

China Kopf hoch, werter Greis

 ·  Der Körper ist das Selbst: Chinesische Senioren im Park sind mehr als das pittoreske Gegenbild zur rauschhaften Modernisierung. Sie machen ihren Lebensabend zur Nahrung.

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Man soll die alten Leute in den Pekinger Parks nicht unterschätzen. Sie sind weit davon entfernt, bloß das pittoreske Gegenbild zur rauschhaften Modernisierung abzugeben, wie es zuverlässig in jedem zweiten Fernsehbericht über chinesische Städte erscheint, die Rentner mit ihren Vogelkäfigen, die Tai-Qi-Übenden, die Mahjong-Spieler. Solche Idyllen liegen bloß im Auge des Betrachters. Die alten Leute im Park aber haben mit Idyllen gar nichts im Sinn.

Jeden Montag und Mittwoch früh kommt eine emeritierte Musikhochschuldozentin in den Shuangxiu-Park an der dritten Ringstraße, von der aus der Vorüberfahrende nichts als Hochhäuser erkennt. Seit fünf Jahren tut sie das, und jedesmal wird sie schon erwartet von etwa dreißig Frauen um die Sechzig in bunten Windjacken und ein paar Männern in nicht geringerem Alter, die neben dem trüben Teich im Halbkreis um ein Notenpult herumstehen. Nachdem man ein bißchen getratscht und gescherzt hat, geht es zur Sache: Die Frauen und Männer legen den Kopf in den Nacken und sperren den Mund auf. Sie stecken die Zeigefinger in die Ohren. Sie stoßen abgehackte, dunkle Schreie aus: „ho, ho, ho“, so daß man es weit hören kann, eine unvermutet urtümliche Kraft. Am Tag der Alten bekam die Dozentin kürzlich für ihren unentgeltlichen Stimmunterricht einen großen Blumenstrauß und Notenbücher mit ausländischen Stücken geschenkt.

Unser Vaterland lieben

Es dauert fast eine Stunde, bis sie das erste Lied anstimmen: „Unser Vaterland China lieben“, das offizielle Sportfestlied von 2002. Ein Mann mit einer Mundharmonika gibt den Ton an. Das Repertoire weist thematische Vorlieben auf, was aber die Stimmkraft nicht schwächt: „Ich und mein Vaterland“, „In die neue Epoche eintreten“, „Die Große Mauer ist lang“. Einige der Lieder sind neu, andere stammen aus den fünfziger oder sechziger Jahren. Auch die neuen Lieder sind durch die Fernsehshows zum Frühlingsfest und zum 1. Mai bekannt. Frauen, die zufällig vorüberlaufen oder in der Nähe auf einer Bank sitzen, stimmen ein und singen auch später, wenn sie schon längst in einer anderen Ecke des Parks sind, für sich allein weiter.

Der ganze Park ist um diese Zeit voll von alten Leuten, die sich auf die verschiedenste, nie aber willkürliche Art bewegen. Männer klatschen in die Hände, während sie mit raschem Schritt nach vorne gehen; andere gehen rückwärts. Wieder andere stehen einfach da und bewegen den Kopf in alle Himmelsrichtungen. Es gibt auch solche, die vor einem Baum stehen und diesen mit der flachen Hand schlagen. Andere schlagen sich beim Gehen selbst. Jeder gehorcht einer eigenen Choreographie, die sich zugleich aber in eine verblüffende Gesamtbewegung einfügt.

Kümmerliche Rente

Man weiß, daß Chinas Senioren es nicht leicht haben. Neuen Umfragen zufolge sollen viele von ihnen mit der neuen Zeit nicht gut zurechtkommen. Sechzig Prozent beklagen sich, daß ihre Kinder bei wichtigen Entscheidungen nicht mehr auf sie hören. Dabei sind mehr als die Hälfte auf die Unterstützung der Familie angewiesen, ihrer kümmerlichen Rente wegen. Und wer heute um sechzig ist, gehört der Kulturrevolutions-Generation an, die in ihrer Jugend Furchtbares erlebt hat. Idyllisch ist das Leben der chinesischen Rentner wahrhaftig nicht. Das vielfältige Lebensabend-Angebot finanzkräftiger junger Alter im Westen zwischen Wellness-Center, Theaterabonnement und Studienreise steht ihnen nicht zur Verfügung.

Aber sie haben den Park. Und das ist kein Ort organisierter Animation, auch wenn die Stadtverwaltung hier vor Jahren leuchtendblaue Turngeräte aufgestellt hat. Es ist ein Ort der Selbstaktivierung. Jeder tut hier etwas, um sein Leben zu nähren, wie die alten chinesischen Philosophen sagten. Er lernt, übt, entwickelt sich, ohne damit etwas anderes, für eine Arbeit etwa, erreichen zu wollen. Er singt, als wäre es eine gymnastische Übung, und pflegt den Körper, als wäre es eine Kunst. In den alten Schriften wurde „Körper“ und „Selbst“ sogar synonym gebraucht. Wenn Konfuzius sagt: „Ich prüfe meinen Leib dreimal täglich“, meint er damit zugleich sein Selbst, was für den Westler schwer zu verdauen ist.

Tanz zum Kaufhaus-Pop

Aber man braucht nicht an Philosophie zu denken im Shuangxiu-Park, im Gegenteil. Es genügt, die Grazie zu sehen, mit der eine Rentnerinnengruppe auf der anderen Seite des Tümpels sich zu dem Kaufhaus-Pop bewegt, der aus einem Kassettenrecorder auf der Bank schallt; sie spreizen die Hände von sich weg und ziehen sie wieder an sich, als hätten sie nie im Leben etwas anderes gemacht. Oder über die Behendigkeit zu staunen, mit der sich vier Alte einen Federball zukicken, es schaffen, ihn minutenlang in der Luft zu halten. Oder die kleinen Pirouetten zu bewundern, zu denen die Akteure eines anderen Spiels Gelegenheit finden, wenn der leichte Ball für einen Moment an dem Schläger haftenbleibt, bevor er diesen wieder verläßt.

Nach knapp zwei Stunden zerstreuen sich die Schülerinnen des Gesangsunterrichts so beiläufig, wie sie gekommen sind. Einige der Frauen bilden neue Grüppchen und singen mit den Notenbüchern weiter, wobei sie es nicht unterlassen, weit ausholende Bewegungen mit den Armen zu vollführen: als stünden sie auf einer Bühne. Aber sie tun es für sich.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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