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China entdeckt den Marxismus wieder Der wandlungsfähige Herr Ma in Peking

 ·  China will den Marxismus erneuern. Doch kommunistische Ideen spielen bei der Wirtschaftspolitik des Landes nach wie vor keine Rolle. Warum dann der Wiederbelebungsversuch?

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Wer geglaubt hatte, Marx würde im real-kapitalistischen China langsam, aber sicher abgewickelt, sieht sich dieser Tage eines Besseren belehrt. Ein neues Marxismus-Institut nach dem nächsten erscheint auf der Bildfläche, Spitzenpolitiker wie Xi Jinping, mutmaßlich der kommende Staatspräsident, mahnen bei den Gelehrten immer dringlicher eine Aktualisierung der Theorie an, und angehende Journalisten, die sich zuletzt eher an angelsächsischen Zeitungsstandards orientierten, werden künftig auch wieder Marx' Ansichten über das Nachrichtenwesen studieren müssen. Geht nach der im Westen entstandenen globalen Finanzkrise von China eine marxistische Reconquista aus?

Was „Marxismus“ im Gefüge der Macht und des intellektuellen Lebens in China bedeutet, ist freilich alles andere als eindeutig. Die gegenwärtigen Kampagnen sind Teil eines großen Unternehmens namens „Marx-Projekt“ (in China kurz Ma Gongcheng, „Ma-Projekt“, genannt), das die Regierung schon vor fünf Jahren gestartet hat. Zweihundert Millionen Yuan (gut zehn Millionen Euro) und fünfhundert Forscher von hundert Universitäten werden aufgeboten, um den Marxismus im Licht der heutigen chinesischen Praxis zu erneuern. Außerdem sollen zeitgemäße Lehrbücher für Studenten erarbeitet werden sowie eine neue Übersetzung von Marx und Engels aus dem Deutschen und Englischen, nachdem sich die bisherige, 1987 vollendete Gesamtausgabe noch auf russische Übersetzungen stützte. Eine so umfassende Marx-Forschung, sagt ein beteiligter Philosophieprofessor, habe es in der Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas noch nicht gegeben.

Auch Cheng Enfu, der geschäftsführende Direktor des Marxismus-Instituts an der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften, kann von gewaltigen Aufschwüngen berichten. Seitdem sein Haus 2005 umbenannt wurde (zuvor hatte es „Institut für Marxismus, Leninismus und Mao-Tse-tung-Ideen“ geheißen), vergrößerte sich der Mitarbeiterstamm von ursprünglich fünfzig auf hundert und heute hundertdreißig, davon hundertzwanzig Wissenschaftler. Keine andere marxistische Einrichtung der Volksrepublik habe so große Forschungskapazitäten. Während früher vor allem Texte chinesischer Autoritäten studiert worden seien, gehe es heute mehr um Marx selbst, seine ausländischen Interpretationen und um die internationalen Beziehungen. Neu hinzugekommen sei außerdem eine Abteilung für Wissenschaft und Atheismus. Neben der eigenen Forschungsarbeit ist das Institut auch mit der Durchsetzung des Ma-Projekts innerhalb der Akademie befasst; so hat es seinen Anteil daran, wenn nun in allen Abteilungen auch wieder Marx studiert wird, zum Beispiel am Soziologischen Institut, wo man sonst immer nur Max Weber lese. Und es kümmert sich darum, dass in den rund achtzig Zeitschriften der Akademie eine marxistische Rubrik eingerichtet wird.

Wie viele Kompromisse verträgt der Marxismus?

Cheng Enfu vermerkt, dass sein Institut viele Aufträge direkt von Partei und Verwaltung erhalte, doch im Unterschied zu den meisten staatlichen Thinktanks gehe es ihm um eigene Forschung und nicht darum, der Regierung nach dem Munde zu reden. Wenn man mit Cheng spricht, sollte man nicht glauben, dass er ein Vertreter der offiziell herrschenden Ideologie ist: Er sieht sich von lauter Denkrichtungen umstellt, die er allesamt für einflussreicher hält. Er nennt eine Umfrage unter 1833 Akademikern, von denen sich 54,6 Prozent von Konfuzius oder Laotse geprägt sehen und nur 30,5 Prozent von Karl Marx. Und nicht einmal auf die sogenannten Marxisten sei Verlass. Die Neue Linke, die sich um das Internetportal „Utopia“ sammelt, wolle einen „Sozialismus für Kleinkapitalisten“, und die Theoretiker an der Parteihochschule frönten bloß einem „Kompromiss-Marxismus“, der weder die westlichen Theorien verstanden habe noch das, was Sinisierung bedeute.

Tatsächlich werden mit dem marxistischen Vokabular in China heute Ansichten vertreten, die höchst selektiv mit den traditionellen Lehren umgehen. Wenn ein Staatsunternehmen zu einer Aktiengesellschaft wird, meinte unlängst etwa ein Dozent der Parteihochschule, dann sei dies genau die Sozialisierung von Eigentum, die Marx vorgeschwebt habe. Cheng Enfu will sich sowohl von den Kompromissmarxisten wie von den Altmarxisten rund um das Internetportal „maoflag.net“ abgrenzen und nennt sich einen Reformmarxisten. Die meisten jungen Wissenschaftler, die er eingestellt hat, seien ebenfalls dieser Linie verpflichtet. Sie nehmen eine Vogelperspektive über dem traditionellen Marxismus ein, insofern sie neben dem Staat auch den Markt für ein wichtiges Element der Wirtschaft halten, neben der Gleichheit auch die Effizienz - doch sie verstehen sich auch als Kritiker der vorherrschenden wirtschaftsliberalen Strömung, insofern sie für den Staatsanteil wieder den Vorrang fordern.

Cheng Enfu steht im heutigen China mit einer solchen Auffassung nicht allein. Doch weder diese noch andere Meinungen in der öffentlichen Debatte erwecken den Eindruck, als seien sie auf Marx angewiesen; mit dem marxistischen Code werden vielmehr völlig unterschiedliche, ja konträre Ansichten vertreten. Auf der einen Seite ist der Marxismus der verpflichtende Überbau des Staats geblieben, den sich nicht nur die Parteianwärter, sondern alle Schüler, Studenten und Beamten im Land zu eigen machen müssen; zahlreiche Universitäten unterhalten eigene Marxismus-Institute. Doch auf der anderen Seite scheinen spezifisch marxistische Ideen nicht die geringste Spur im Diskurs des Landes zu hinterlassen. Nicht einmal in den hochoffiziellen Reden des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chinas, die semantische Duftmarken aller relevanter geistiger Strömungen einzubeziehen pflegt, findet sich ein direktes Marx-Zitat. Erst recht ist dort kein Hinweis darauf zu entdecken, wie der Fluchtpunkt der Theorie, der Klassenkampf, mit der Dominanz des Kapitalismus und mit dem gegenwärtig geltenden Primat der Harmonie zu vereinbaren sein könnte.

Alle Theorie läuft auf die Partei hinaus

Es stellt sich also die Frage, welche politische Funktion der Marxismus im Allgemeinen und das Ma-Projekt im Besonderen für Staat und Partei überhaupt besitzt. Xi Jinping, der stellvertretende Staatspräsident, spricht von der Entwicklung eines „Marxismus-Modells der regierenden Partei“, die sich immer schon dadurch ausgezeichnet habe, dass sie „die Theorie mit den Realitäten des Landes und den Eigenheiten der Zeit verbunden“ habe. Die Theorie wird also durch die Partei, die sich auf sie beruft, zugleich relativiert; die Theorie läuft auf die Partei hinaus, nicht umgekehrt.

Das war schon 1919 bei der ersten Begegnung Chinas mit dem Marxismus so, als der Initiator einer einschlägigen Studiengruppe an der Peking-Universität in Ermangelung eines chinesischen Industrieproletariats eine markante Abänderung an der ursprünglichen Lehre vornahm: China sei von ausländischen Mächten so abhängig wie in Europa das Proletariat von den Kapitalisten und könne deshalb in toto als „proletarische Nation“ bezeichnet werden. Diese Unbekümmertheit um authentische Auslegung wurde durch Mao fortgesetzt, der gegen die „faulen Dogmatiker“ in den eigenen Reihen zu wettern pflegte.

Seither haben er und seine Nachfolger die abenteuerlichsten Volten mit dem marxistischen Material vollzogen, wobei sie die Methode des Marxschen Denkens systematisch gegen dessen Ergebnisse ausspielten: Statt auf Themen wie Antikapitalismus, Planwirtschaft oder Revolution zu beharren, hielten sie allein an der materialistischen und dialektischen Perspektive auf die Welt fest, die den Gang der Geschichte in deren innerer Widersprüchlichkeit zu überblicken verheißt. Der Vorteil der Methode liegt darin, dass sie äußersten Pragmatismus mit dem Nachweis der historischen Notwendigkeit einer alle historischen Prozesse gleichzeitig in den Blick nehmenden und planenden Institution, der Kommunistischen Partei also, verbindet.

Dialektik für Funktionäre

Hinzu kommt, dass die materialistische Dialektik einen gewissen Widerhall in nichtessentialistischen Denktraditionen Chinas findet, die immer schon stärker an den Bedingungen von Bewegungen als an feststehenden Definitionen interessiert waren. Im Bereich der Methode hat das angemahnte Sinisierungsprojekt deshalb die besten Aussichten, die westliche Herkunft der chinesischen Staatsdoktrin einmal vergessen zu machen.

Besonders deutlich wird das beim „Wissenschaftlichen Entwicklungskonzept“, dem jüngsten Beispiel eines sinisierten Marxismus, der die höchsten Weihen der Parteiführung erhalten hat. Von Marx' Thesen übernimmt diese Doktrin nur den Fokus auf die Entwicklung der Produktivkräfte in ihren Widersprüchen, um diesen dann aber zur Theorie eines permanenten Ausgleichs jeglicher Gegensätze auszuweiten; den Funktionären wird dabei ein immer dialektischeres Denken abverlangt: „Die Entwicklung ist ein zyklischer Prozess, bei dem sich die Dinge vom Ungleichgewicht zu einem relativen Gleichgewicht und dann wieder zurück zum Ungleichgewicht bewegen“, heißt es in einem Kommentar des Zentralen Übersetzungsbüros, das als direkt dem Zentralkomitee unterstellte Einrichtung eine besonders wichtige Rolle bei der Theoriebildung spielt.

Der Marxismus ist unterdessen zu einem Gehäuse mutiert, in dem sich so ziemlich jede Art Politik unterbringen lässt, solange sie nur als Einheit der Gegensätze unter dem Dach einer autoritären Partei interpretiert werden kann - und insofern auch als Gegenmodell zur westlichen Demokratie taugt.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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