Home
http://www.faz.net/-gqz-rv62
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

China Die Rückkehr des Meisters

10.01.2006 ·  In China schießen private konfuzianische Schulen wie Pilze aus dem Boden. Ihre Lehrer streben eine Rückkehr zu alten Werten an. Die kommunistische Regierung hält sich zurück.

Von Mark Siemons, Peking
Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (1)

Im Westen spricht man seit den achtziger Jahren gern davon, daß aufstrebende ostasiatische Staaten, die vor den pluralistischen Konsequenzen der Moderne zurückschrecken, beim „Konfuzianismus“ Zuflucht suchen: als einem verordneten Überbau über der kapitalistischen Realität.

Auch in China findet sich jetzt ein Vordenker, der in dieses Schema passen könnte. Ein Lehrer, dessen Name ironischerweise die gleiche Umschrift hat wie der von Jiang Qing, die für ihre kulturrevolutionären Anti-Konfuzius-Kampagnen und auch sonst berüchtigte Mao-Witwe, ruft kaum verhohlen dazu auf, den Konfuzianismus zu einer Art Staatsreligion zu erheben. China werde sich mit seiner Eigenart auf Dauer nicht gegenüber dem Westen und dessen Christentum behaupten können, wenn es nicht seine eigene „Religion“ unter besonderen staatlichen Schutz stelle. Die gesamte Nation solle auf diesen kulturellen und spirituellen Konsens verpflichtet werden.

An allen Ecken sprießen Schulen

Die Idee ist auf viel Kritik im Lande gestoßen. Doch Jiang Qing ist nicht der einzige, der in China heute Konfuzius im Munde führt, und bei weitem nicht alle lassen sich dem vertrauten westlichen Erklärungsmuster unterbringen. An allen möglichen Enden sprießen konfuzianisch inspirierte Schulen, Akademien, Editionsvorhaben und Sprachregelungen aus dem Boden. Verschiedene historische Linien überkreuzen sich dabei auf verwirrende Weise.

Um das Phänomen nicht vorschnell bloß einem autoritären Denken zuzuschlagen, das man mit „Konfuzianismus“ häufig assoziiert, ist es gut, mit Pang Fei zu sprechen. Vor fünf Jahren hat der junge Philosoph in Peking die „Yidan-Schule“ gegründet, die sich als kulturelle Bewegung zur Wiederbelebung der chinesischen Tradition versteht. Wir treffen Pang Fei am Ende einer Gasse, die zu finden der Taxifahrer erhebliche Mühe hat. Die „Yidan-Schule“ residiert in einem winzigen, an einen Verschlag erinnernden Haus in der Nähe der Peking-Universität. Im Eingangsraum brennen Räucherstäbchen vor einem kleinen Altar an der Wand. Im weiß getünchten, kahlen Zimmer nebenan sitzt Pang Fei in einem dicken Parka, um ihn herum vier weitere junge Männer. Die fünf stehen zur Begrüßung auf, setzen dann aber erst mal ihre Unterhaltung fort, bei der wir sie unterbrochen haben.

Lernen und Leben

Unterhaltung ist zuviel gesagt. Nur Pang Fei, ein zweiunddreißig Jahre alter Mann mit kurzen Haaren und einem sanften, aber entschiedenen Gesichtsausdruck, redet leise und bestimmt, während die anderen mit leicht geneigtem Kopf dasitzen und zuhören. Es geht um das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Dieses Verhältnis, sagt Pang, sei durch die Begriffe nicht schon beschrieben, es müsse von innen her mit Leben gefüllt werden. Das Lernen habe unmittelbar mit dem Leben zu tun.

Die mittlerweile tausend Mitarbeiter der Schule erteilen an Grundschulen Unterricht im „Dreizeichen-Klassiker“. Dabei handelt es sich um eine Art Kinderkatechismus aus der Song-Zeit, der die Eckpunkte der konfuzianischen Anthropologie und Geschichtsvorstellung in kurzen Zeilen von jeweils drei Schriftzeichen zusammenfaßt. „Von Geburt her / sind die Menschen gut, / ihre Natur ist gleich, / erst ihre Gewohnheiten machen sie verschieden. / Wird die Natur vernachlässigt, / nicht unterrichtet, verkommt sie“ - so lauten die ersten Zeilen, die schon den Zusammenhang von Lernen und Moral herstellen, der für das konfuzianische Denken kennzeichnend ist. Die Kinder sollen den Klang der fremden Sprache in sich aufnehmen und lernen die Zeilen auswendig.

Achten auf den Rhythmus

Doch beim Schulunterricht allein bleibt es nicht. Die Mitarbeiter sind in mehr als zwanzig Provinzen aufs Land gefahren, um die Bildungssituation dort zu untersuchen. In den Universitäten treffen sich Studenten frühmorgens, um gemeinsam die Klassiker zu rezitieren. Man stellt sich nach Osten, zum Aufgang der Sonne hin, und achtet besonders auf den Rhythmus: Das ist allerdings keine alte Tradition, sondern eine Neuerfindung des Instituts. Offiziell anerkannt ist die Schule nicht, aber sie wird geduldet.

Pang Fei legt Wert darauf, daß es bei der chinesischen Kultur, die er verbreiten will, nicht zuerst um bestimmte „Ideen“ gehe, sondern um den konkreten Menschen, dessen Ziel es sei, angenehm und mit Leidenschaft zu leben. Die Bedeutung Chinas für die Welt bestehe auch nicht in irgendwelchen Ideen, die es von oben herab zu predigen gelte, sondern darin, daß es zuerst sich selbst versteht. Dazu will die Schule beitragen; sie will von den Räucherstäbchen über die Gesten und den gesammelten Blick bis hin zur Sprache eine Atmosphäre herstellen, in der die Chinesen ihrer selbst bewußt werden können. Was daraus entsteht, sagt Pang, könne man jetzt noch nicht wissen. „Wir haben keine bestimmte Erwartung für die Zukunft; wir haben keine spezielle gesellschaftliche Vorstellung.“

Der alltäglichste aller Denker

Erst spät kommt das Gespräch auf Konfuzius, der für die Schule kein Selbstzweck sei; die chinesische Tradition als Ganzes gehe ja auch weit über ihn hinaus. Aber in China sei die Luft voll von Konfuzius, er sei der alltäglichste aller Denker und außerdem der Denker der Alltäglichkeit. So müsse, auch wer zu anderen Denkern, zum Daoismus oder zum Christentum etwa, fortschreiten wolle, erst einmal durch die Schule der konfuzianischen Alltäglichkeit gehen. Zum Beispiel der Idee, daß das Schlechteste, was ein Kind seinen Eltern antun könne, sei, ohne Nachkommen zu bleiben: Diesen Satz müsse erst einmal verstehen lernen, wer später möglicherweise zu anderen Denk- und Lebensweisen für sich kommen will.

Wenn man Pang Fei hört, meint man in ihm ein Gegenecho zu jenem „Aufruf an die Jugend“ zu vernehmen, mit dem der junge Schanghaier Intellektuelle Chen Duxiu 1915 dem gerade Republik gewordenen China die letzten Reste des konfuzianischen Kultursystems auszutreiben versuchte. Mit den alten chinesischen Schriften, schrieb Chen, fühle man sich wie ein Fremder in der Welt; man komme aus der Passivität und Rückwärtsgewandtheit, die China seine demütigende Abhängigkeit von ausländischen Mächten eingetragen hätten, nicht heraus. Mit westlichen Büchern dagegen, auch wenn sie pessimistisch sind, fühle man sich in der Welt und könne wieder agieren.

Fremd im eigenen Land

Heute scheint sich Chinas Selbstachtung das entgegengesetzte Problem zu stellen: Inmitten der Globalisierung fühlen sich immer mehr Menschen fremd im eigenen Land. Pang Fei schafft es, den früheren traditionsfeindlichen Impuls, dem ja auch die regierende Kommunistische Partei ihre Entstehung verdankt, mit der gegenwärtigen Lage in einem gemeinsamen Geschichtsschema unterzubringen. Die Revitalisierung Chinas habe drei Phasen durchlaufen müssen: Revolution, wirtschaftlicher Aufschwung, kultureller Aufbruch. Mittlerweile sei die dritte Phase erreicht. Die ganze Nation befinde sich im Aufbau eines Wir-Gefühls, sich als Teil einer langen Tradition zu empfinden.

Diese Annahme erscheint etwas verwegen, aber doch mehren sich erstaunliche Zeichen. Dieses Jahr forderten Gelehrte, die sich zum 2556. Geburtstag von Konfuzius in dessen Heimatort Qufu versammelt hatten, eine Renaissance des Rezitierens des traditionellen Kanons, wie das früher an den Schulen üblich war: der „Vier Bücher“ also und der „Fünf Klassiker“. In mehreren Provinzen sind Privatschulen nach dem Vorbild der alten „Sishu“ entstanden, in denen wohlhabende Eltern ihre Kinder am Wochenende die alten Schriften auswendig lernen lassen; sowohl Schüler wie Lehrer tragen dabei die alten Gewänder. Und Institute wie der Pekinger „China Studies Club“ sprießen aus dem Boden. Sie wollen traditionelle Philosophie für die „neue sozialistische Marktwirtschaft“ und deren Manager fruchtbar machen; ein dreitägiger Kurs in der „Boß-Klasse“ kostet 9800 Yuan, tausend Euro.

Arbeit am authentischen Text

Auch die Wissenschaft reagiert. An der Pekinger Renmin-Universität wurde jetzt ein Kolleg für „Guoxue“, Landesstudien, eingerichtet, das die verschiedenen zersplitterten Geisteswissenschaften wieder wie in alten Zeiten auf die Erforschung der nationalen Tradition hin sammeln will - nunmehr aber auf der Basis moderner wissenschaftlicher Standards und in Verbindung mit westlichen Theorien. Das Erziehungsministerium unterstützt zusammen mit der Peking-Universität ein alle bisherigen Maßstäbe sprengendes internationales Editionsvorhaben, das bis 2020 insgesamt fünftausend Bände über die Geschichte konfuzianischen Denkens herausgeben will. Im Vordergrund steht die philologische Arbeit am authentischen Text.

Die Zeit ist nicht zuletzt deshalb günstig für solche Initiativen, weil sogar die Kommunistische Partei selbst, die sich immer als legitime Erbin von Chen Duxius antitraditionalistischer 4.-Mai-Bewegung verstanden hatte und gerne „Anti-Konfuzius-Kampagnen“ durchführte, mittlerweile eine konfuzianische Wende vollzogen zu haben scheint. Seit vergangenem Februar spricht Staatspräsident Hu Jintao vom neuen sozialen Leitbild einer „harmonischen Gesellschaft“ und verwendet damit ein konfuzianisches Schlüsselwort, das dem früher geltenden Paradigma des Klassenkampfs diametral entgegengesetzt ist.

Ein grundsätzlicher Konflikt

Doch die Bewegung ist alles andere als einheitlich, und hinter den ähnlich klingenden Begriffen der verschiedenen Initiativen verbirgt sich ein grundsätzlicher Konflikt. Verfechter einer neu zu erfindenden Staatsreligion werden von den Kolumnisten staatlicher Zeitungen mit gutem Grund zurückgewiesen. Doch deren Ideologiekritik ließe sich auch auf die staatliche Bemühung anwenden, Konfuzius in den Dienst der Politik zu nehmen, beliebig benutzbar als Instrument zur Hebung der öffentlichen Moral: Das Fundament soll weiter die Kommunistische Partei bilden, nur die aktuelle Ausstaffierung darf konfuzianisch sein.

Zwischen beiden Systemen stehen die Versuche, die alte Kultur zu entideologisieren, ihre ursprünglichen Impulse zu vergegenwärtigen. Harmlos ist die konfuzianische Renaissance in keinem Fall. In dem Moment, da China im Begriff ist, Weltmacht zu werden, stellt sich dem Land die Frage, was seinen Boden ausmachen soll und was bloß die Dekoration.

Quelle: F.A.Z., 10.01.2006, Nr. 8 / Seite 31
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3