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China Die kulturelle Lücke

27.01.2005 ·  Ökonomen beschäftigen sich schon lange mit dem Aufstieg Chinas. Kulturell aber sind wir auf die Verschiebung der Gewichte noch gar nicht vorbereitet. Es gilt, den Bildungskanon der neuen Lage anzupassen.

Von Mark Siemons
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Maos Rotgardisten in Manhattan, in der Wohnzimmer-Clubgarnitur, ja sogar in Botticellis „Geburt der Venus“: Errós bunte Collagen im Agitpropstil nahmen versuchs- und ironiehalber die Besetzung des Westens durch die chinesische Kulturrevolution vorweg.

Was damals, in den siebziger Jahren, ein Spiel mit der „gelben Gefahr“ und den radikalen westlichen Sehnsüchten war, scheint heute allmählich zu einer ernstgemeinten Phantasie zu werden. Der Aufstieg Chinas zur Weltmacht ist in aller Munde. Seitdem das Magazin der „New York Times“ im Juli einen programmatischen Artikel mit dem Titel „The Chinese Century“ veröffentlichte, mehren sich auch hierzulande die Titelgeschichten, Sonderhefte und Reportagen, die die beeindruckenden wirtschaftlichen Zuwachsraten zu der Ahnung hochrechnen, daß sich die Kartographie auch der politischen und militärischen Kräfte erheblich verändern könnte.

Der Blick kehrt sich um

Noch weiß man nicht, wie bruchlos dieser Aufstieg vonstatten gehen wird, wie sehr ihn Börsenzusammenbrüche oder Massenerhebungen gefährden können. Doch schon kehrt sich der gewohnte Blick um. Bis jetzt war, wenn der Westen auf die marktwirtschaftlichen Reformen und Erfolge der Volksrepublik schaute, immer nur die gönnerhafte Frage, wie westlich China schon geworden sei. Jetzt schlägt diese Frage in die irritierte Ungewißheit um, wieviel vom Westen möglicherweise bald chinesisch sein wird.

Die Welle von Sachbüchern, die nun auf die Medienkonjunktur des Themas folgt, trägt diesem Perspektivwechsel Rechnung. Gleich zwei Titel, die in diesen Monaten bei Econ und S. Fischer erscheinen, beschäftigen sich mit der Frage, „wie der chinesische Aufstieg unser Leben verändert“. Aus der Objektmasse „Dritte Welt“ scheint ein Akteur eigenen Rechts herauszuwachsen, mit dem auf noch unbekannte Weise der Westen zu rechnen haben wird.

Ein kulturelles Beben

China dringt in unsere Welt, ja sogar in unsere Markennamen ein. Die Nachricht im Dezember, daß die chinesische Firma Lenovo die Sparte Personal Computer von IBM übernommen hat und nun fünf Jahre lang selber den Titel „IBM“ führen darf, wurde allgemein als kulturelles Beben empfunden. Der Kampf um westliche Marken mit klangvollem Namen gehört zu den mittelfristigen Strategien, die zu realisieren die chinesische Wirtschaftspolitik schon begonnen hat.

Eine Firma aus der ehemaligen deutschen Kolonie Tsingtau (heutige Umschrift: Qingdao) verdeutlicht den Wandel. Es ist das Brauereiunternehmen „Tsingtao“, das die Deutschen 1903 gründeten. 1914 mußten sie den Japanern weichen; 1922 wurde die Stadt an China zurückgegeben und im Zweiten Weltkrieg wieder von Japan besetzt. 1949 ging die Brauerei nach der kommunistischen Machtübernahme in Volkseigentum über. Doch erst in der zweiten Phase der marktwirtschaftlichen Reform änderte sich die Situation der Firma grundlegend. Seit 1993 ist sie an den Börsen von Hongkong und Schanghai notiert, der Staat hält nur noch eine Minderheitsbeteiligung, knapp zehn Prozent der Aktien besitzt das amerikanische Unternehmen Anheuser-Busch.

Der neuntgrößte Bierlieferant

Inzwischen ist die „Tsingtao Brewery Corporation“ der neuntgrößte Bierlieferant der Welt (der größte deutsche Brauer, die Holsten-Gruppe, liegt auf Platz 33). Der ursprünglich deutsche Exportartikel wird heute als chinesisches Produkt mit amerikanischen Anteilen in die ganze Welt, auch nach Deutschland, geliefert. Innerhalb von China hat „Tsingtao“ schon mehr als vierzig Brauereien gekauft, nun will es auch westliche, insbesondere deutsche, Brauereien übernehmen. Noch aber verhalten sich diese reserviert.

Eine andere Kulturbegegnung nimmt sich da eher hergebracht, um nicht zu sagen, reaktionär aus. Der deutsche Verlag „Zweitausendeins“ beschäftigte dreizehn chinesische Frauen in Nanjing, um innerhalb von drei Jahren das gesamte Deutsche Wörterbuch der Gebrüder Grimm (35.000 Seiten, 300 Millionen Zeichen) in den Computer einzugeben, um es dann als CD-ROM verkaufen zu können. Der chinesische Anteil war hier vorwiegend negativ definiert: darin, daß die Frauen kein Deutsch konnten und daher bei den altertümlichen Schreibweisen weniger Fehler machten, und natürlich im geringeren Gehalt.

Verwirrende Metamorphosen

Verwirrende Metamorphosen deutscher Kulturgüter vollziehen sich da jedenfalls beim Bier ebenso wie beim „Grimm“. Ist der chinesische Anteil bloß die äußere Hülle, oder beginnt er auch das Innere, das Wesen, zu beeinflussen? Der Export des Westens, den man bislang als potentiell unendlich ansah, scheint sich umzukehren: Das zuvor Exportierte kehrt zurück, aber unter eigenartig veränderten Vorzeichen, nämlich chinesischen. Was aber heißt „chinesisch“?

Bei dieser kulturellen Frage läßt der Wust an Informationen über das neue China das Publikum weitgehend ratlos zurück. Sosehr man auch hinguckt, scheint man nichts anderes als Westen sehen zu können. All die Wolkenkratzer, McDonald's und Sittenlockerungen, die einem dieser Tage aus den Metropolen des Landes vor Augen geführt werden, scheinen nur auf eine Bestätigung der alten Meinung hinauszulaufen, daß eine Kultur, sobald sie erst einmal richtig in die globale Marktwirtschaft integriert ist, über kurz oder lang westlich wird.

Die Zügel in der Hand

Die verbliebenen Unterschiede führt man bloß auf die Anachronismen der Kommunistischen Partei zurück oder auf einen Deus ex machina namens „Konfuzianismus“ - dem man aber, wie allen solchermaßen fixierten „Traditionen“, auf lange Sicht nur noch als folkloristisches Sahnehäubchen zur Tourismus-Förderung eine Chance gibt. Der Rest ist Trivialpsychologie („Gesicht wahren“, „Beziehungen“), wie sie bei den interkulturellen Schulungen für Manager im Auslandseinsatz trainiert wird. Sie funktioniert unter der altvertrauten Voraussetzung, daß sich das westliche Bewußtsein allem anverwandeln kann und auf diese Weise die Zügel in der Hand behält.

So ergibt sich ein eigentümliches Mißverhältnis zwischen der Fülle an Informationen und der weiter fortbestehenden Unkenntnis der Kultur. Im Unterschied zu den heute recht detaillierten Kenntnissen über westliche Kulturen, die über Medien, Schulen, Universitäten, erst recht über die vielen Auslandsstudenten nach China dringen, gehört in Deutschland noch nicht einmal ein Mindestmaß an Wissen über chinesische Philosophie, Geschichte und Kunst zum Bildungskanon.

Ignoranz auch in den Medien

Die weitverbreitete Esoterikwelle, die die „chinesische Weisheit“ ausschlachtet, degradiert die Traditionen zum Therapeutikum für westliche Zivilisationsschäden und ist an ihren Ursprüngen nur beiläufig interessiert. Die Ignoranz geht so weit, daß selbst bei angesehenen Zeitungen chinesische Vor- und Nachnamen immer noch vertauscht werden.

Der Bundesregierung ist offenkundig wenig daran gelegen, die kulturelle Lücke zu schließen; ihr sind die wirtschaftlichen Beziehungen genug. Das Kulturabkommen, das schon längere Zeit in Arbeit ist, betrifft vor allem Statusfragen der Goethe-Instituts-Mitarbeiter in Peking und Schanghai. Schon 2002 wurde auch über ein chinesisches Kulturinstitut in Berlin gesprochen, aber dieses Vorhaben hat sich bislang nicht konkretisiert. Frankreich dagegen setzt in seiner Politik stark auf die Kulturkarte. Nach dem „China-Jahr“ mit etwa dreihundert Veranstaltungen in Paris und vielen anderen Städten hat im Oktober in Peking ein „Frankreich-Jahr“ begonnen. Jean-Michel Jarre trat in der Verbotenen Stadt auf, es werden Impressionisten aus dem Musée d'Orsay gezeigt und zeitgenössische Kunst aus dem Centre Georges Pompidou.

„Humanism of China“

Auf halbstaatlicher Ebene gibt es auch in Deutschland einige Initiativen. Martin Roth zum Beispiel, der Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden, der vergangenes Jahr mit vier weiteren deutschen Museumsdirektoren eine Orientierungsreise durch China unternahm, hat eine Kooperation mit dem Chinesischen Nationalmuseum in Peking vereinbart. Eine Ausstellung über Chinoiserie in Europa ist für 2007 geplant, für später eine großangelegte Präsentation europäischer Kulturgeschichte aus deutschen Beständen. Schon 2006 wird ein Partner aus Kanton eine Fotoschau unter dem Titel „Humanism of China“ nach Frankfurt, München, Berlin und Stuttgart schicken.

Hans-Georg Knopp, der Intendant des „Hauses der Kulturen“ in Berlin und frisch ernannter Generalsekretär des Goethe-Instituts, arbeitet mit dem „Millennium Art Museum“ in Peking zusammen. Schon in diesem Frühjahr beginnt das Festival „Über Schönheit“, später ist eines über „Kulturelles Gedächtnis“ geplant. In beiden Fällen wird nicht bloß über die jeweils andere Kultur gesprochen, sondern sie wird in der gemeinsamen Arbeit wechselseitig erprobt. Kulturelle Recherchen sind auch die Arbeiten, die die Bundeskulturstiftung unter dem Titel „Beijing Case“ finanziert. Zehn Stipendiaten erforschen vier Monate lang selbstgewählte Aspekte des Pekinger Lebens, freilich innerhalb von ästhetischen Mustern, die ihre westliche Herkunft nicht verleugnen.

Eine andersartige Hochkultur

Einiges wäre noch zu nennen: neben der ausdauernden Arbeit des Goethe-Instituts manche Stiftungsinitiative oder die deutschen Galeristen, die sich in einer von der DDR errichteten Rüstungsfabrik in Peking tummeln, die heute von Künstlern benutzt wird. Das alles ist ein Beginn, aber ein notwendiger: Ohne solche längerfristigen Kooperationen läuft der China-Hype Gefahr, die Unkenntnis nur zu verfestigen. Wenn er erst einmal seinen Zenit überschritten hat, werden viele mehr als genug über das Thema zu wissen glauben - aber dabei an der Wirklichkeit einer bei aller Heterogenität und Wandlungsfähigkeit durchaus vom Westen verschiedenen Hochkultur vorbeigegangen sein.

Im Fall der Literatur war schon zu sehen, wie rasch eine solche Sättigung erreicht sein kann. Als sich nach der Kulturrevolution die Schleusen öffneten, war das Interesse an neuer Literatur aus der Volksrepublik groß; in den achtziger Jahren erschienen viele Übersetzungen. Doch nachdem sich der Schlüsselloch-Effekt verbraucht hatte, merkte man, daß die Qualität vieler Entdeckungen doch eher dürftig war oder daß man sie nicht beurteilen konnte, weil das Koordinatensystem fehlte. Selbst dem Nobelpreisträger Gao Xingjian wirft man vor, daß er zu sehr westliche Avantgardemuster übernimmt, aber zugleich kann man das, was ursprünglich chinesisch daran ist, gar nicht erkennen.

„Die chinesische Kultur“, sagte der Staats- und Parteichef Hu Jintao einmal vor dem australischen Parlament, „gehört nicht nur den Chinesen, sondern der ganzen Welt.“ Es ist noch ganz unklar, was dies genau bedeuten könnte (zumal die Regierung Traditionen gerne instrumentalisiert). Aber nur deswegen, weil man von dieser Kultur wenig weiß, sollte man sich über ihre Kraft und Expansionsfähigkeit nicht täuschen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.01.2005, Nr. 23 / Seite 35
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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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