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China „Avatar“, Vorbild Nummer 1

21.01.2010 ·  „Avatar“ ist in China mit seinen bisher etwa 500 Millionen eingespielten Yuan ein gewaltiger kommerzieller Erfolg. Verblüffend stark haben die Chinesen „Avatar“ und seine Helden auf sich selbst bezogen. Warum wird der Film jetzt für manche Kinos verboten?

Von Mark Siemons, Peking
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Nach dem Besuch des Films „Avatar“ musste eine Frau aus Hangzhou wegen eines heftigen Schwindelanfalls das Krankenhaus aufsuchen; ein an Bluthochdruck leidender Familienvater aus Taiwan starb sogar an Gehirnblutung. Seitdem bekannt wurde, dass der Film von James Cameron von der staatlichen Distributionsanstalt am morgigen Freitag aus allen 2D-Kinosälen des Landes entfernt wird, hat sich der Berichterstattungsakzent in den staatlichen Medien etwas in Richtung gesundheitsgefährdender Aspekte verschoben. Doch die Zuschauer, die an diesem Nachmittag den Film in einem Pekinger Kino anschauen, machen alle einen noch ganz stabilen Eindruck, als sie am Ende ihre Brillen abnehmen. Allerdings haben die Mutter mit ihren beiden Kindern und die überwiegend allein gekommenen jungen Männer auch in den zweieinhalb Stunden zuvor keine besondere Aufgewühltheit zu erkennen gegeben, und überhaupt ist der Saal, entgegen dem Gerücht, die Vorstellungen seien über Wochen hinweg ausverkauft, eher schütter besetzt. Doch das mag auch daran liegen, dass das Saga-Cinema in der neuen Pekinger Einkaufsmall Solana täglich 46 Vorstellungen von „Avatar“ in seinen 2D- und 3D-Sälen anbietet; andere Filme sind derzeit nicht im Programm. Die Preise reichen von 70 bis 160 Yuan (gut sechzehn Euro), gemessen an der üblichen Kaufkraft ein sehr stolzer Betrag.

Der Film ist in China mit seinen bisher etwa 500 Millionen eingespielten Yuan nicht nur ein gewaltiger kommerzieller Erfolg. Verblüffend stark haben die Chinesen „Avatar“ und seine Helden, das unbeugsame Naturvolk der Na'vi, auf sich selbst bezogen. Nicht, wie man nach den zunehmend empfindlichen Reaktionen der Bevölkerung auf den Westen in den letzten Jahren hätte vermuten können, entlang dem nationalen Schema, das China grundsätzlich als Opfer des Kolonialismus sieht. Vielmehr deuteten viele „Avatar“ als eine Parabel auf die chinesischen Zwangsräumungen, bei denen skrupellose Immobilienfirmen, oft im Bunde sowohl mit Regierungsfunktionären als auch mit Schlägerbanden, die Bewohner aus ihren angestammten Siedlungen vertreiben Gleich nachdem der Film am 4. Januar angelaufen war, lieferte der beliebte Fußballkommentator und Blogger Li Chengpeng diese Interpretation: „Die Anwohner wollen einfach in den Bäumen leben, in Harmonie mit den Geistern, nicht in irgendwelchen luxuriösen Apartmenthäusern mit Fahrstuhl.“ Wochenlang hatte die chinesische Öffentlichkeit etwa vor drei Jahren das „Nagelhaus“ in der Stadt Chongqing in Atem gehalten, ein einsam aus einer Baugrube aufragendes Haus, in dem eine Familie bis zuletzt der Umsiedlung widerstand. „Avatar“ zeige, so Li, dass eine Verständigung nicht möglich sei: „Man kann Feuer nur mit Feuer bekämpfen.“

Die Fähigkeit, Thesen aufzustellen

Die Nagelhaus-Parallele, die sich auch über SMS wie ein Lauffeuer ausbreitete, wurde zum beherrschenden Interpretationsmuster. Auch Gegner des Films übernahmen sie. „Dieser Film ermuntert die gewöhnlichen Chinesen“, schrieb jemand im Internetforum Tianya, „Gewalt gegen die Häuserabrisse zu gebrauchen. Es ist ein Versuch, das große China zu unterwandern!“ Deshalb lag es nahe, die Nachricht von der ungeplant frühen Absetzung des Films mit diesen Diskussionen in Verbindung zu bringen, wie das die Hongkonger Zeitung „Apple Daily“ getan hat. Die für Filmpolitik und Zensur zuständige Staatsbehörde für Radio, Film und Fernsehen hat das jetzt offiziell zurückgewiesen; der Rückzug habe mit einer Marktbeobachtung zu tun, da die Zuschauerzahl in den 2D-Kinos zuletzt stark zurückgegangen sei. Das Amt richtete am Dienstag eine Konferenz aus, bei der es „Avatar“ als Vorbild präsentierte. Der stellvertretende Leiter der Behörde mahnte die chinesischen Regisseure, es Cameron gleichzutun und etwas Menschliches, „die vom Himmel gegebenen Menschenrechte“, darzustellen. Der Literaturwissenschaftler Zhang Yiwu von der Peking-Universität sagte, die Amerikaner hätten anders als die Chinesen die Fähigkeit, „Thesen aufzustellen“.

Auch bei vielen Internetreaktionen auf den Film erscheint Amerika in einem überraschend günstigen Licht. Ein Blogger namens „Alter Prinz“ meint, alle Leidenschaft gründe dort auf dem Privateigentum und nicht wie in China auf dem Neid, und Li Chengpeng findet gar, das chinesische Kino sei gegenüber Hollywood in technischer Hinsicht fünfzig Jahre zurück und in menschlicher fünftausend Jahre. Am Samstag kommt das nationale Epos „Konfuzius“ mit einer Rekordzahl von 2500 Kopien in die Kinos: Dann stehen sich die Propaganda liberaler amerikanischer und die Propaganda chinesischer Werte, wie die Zeitschriftenherausgeberin Huang Hung schreibt, gegenüber, und angesichts der von „Avatar“ offerierten Möglichkeit, auf Drachen zu fliegen, sieht sie schwarz für die chinesischen. Aber die Absetzung des amerikanischen Films aus den 2D-Kinos, versichert die Filmbehörde, habe auch nichts mit „Konfuzius“ zu tun.

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Jahrgang 1959, Feuilletonkorrespondent in Peking.

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