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Mode in Darmstadt : Als die Herren Absatz trugen

Mieder, Spitze, Wagenradkragen: Das Hessische Landesmuseum zeigt kostbare Wämser und Schuhe aus dem siebzehnten Jahrhundert in der Ausstellung „Chic!“.

          Es gab eine Zeit, in der trugen die Herren enge Wämser mit Schlitzen am Leib und an den Ärmeln, aus denen das weiße Leinenhemd hervorzipfelte, dazu wagenradgroße Halskrausen, unten gebundene Pluderhosen und Seidenstrümpfe. Die Schuhe wurden mit großen Schleifen geschnürt, Stiefel reichten bis übers Knie. Die Schultern schmal, die Hüfte breit, der Bauch mitunter vorstehend wie der einer Mastgans. Das Mannsbild des siebzehnten Jahrhunderts verkörperte eine gewöhnungsbedürftige Silhouette, die erst im frühen neunzehnten Jahrhundert durch die klassische V-Form abgelöst wurde, die heute noch einen männlichen Idealkörper kennzeichnet. All das weiß man durch das gründliche Studium von Gemälden.

          Denn nur wenige textile Originalstücke haben sich aus dem siebzehnten Jahrhundert erhalten, etwa hundertfünfzig weltweit, so schätzt Wolfgang Glüber. Er kuratierte die Ausstellung „Chic!“ im Darmstädter Landesmuseum, in dessen Besitz sich gleich achtzehn Wämser und Mieder aus Köln befinden, und zwar – das ist besonders selten – aus bürgerlichem, nicht aus höfischem Kontext. Zu verdanken ist das einem gewissen Baron von Hüpsch, der im achtzehnten Jahrhundert ziemlich enzyklopädisch vor sich hinsammelte: Kunst und Waffen, Kunsthandwerk, Handschriften und Textilien. Nach seinem Tode vermachte er alles dem Landgrafen von Hessen, 341 Kisten voll Zeugs wurden den Rhein und Main heraufgeschifft. Der Landgraf wiederum stiftete seine Sammlung dem Museum, das fortan auch dank der Hüpsch-Sammlung über einen ordentlichen Grundstock verfügte.

          Ein Beispiel menschlicher Thorheit

          Wenn das Darmstädter Landesmuseum nun einen solchen Schatz sein Eigen nennt – warum hat man davon noch nichts gehört? Einerseits schlummerten die Wämser lange unrestauriert im Magazin. Andererseits betrachtete man sie in den frühen Jahren des Museums eher als Kuriosität. Sie wurden im neunzehnten Jahrhundert in einer Vitrine ausgestellt, und zwar in der Abteilung für Völkerkunde, gleich neben indianischer Kunst und Gebrauchsgegenständen.

          In einem Museumsführer von 1844 wird besonders auf die Schuhe verwiesen, „wichtig für einen etwaigen Geschichtsschreiber der Fußbekleidungen, noch wichtiger für den Geschichtsschreiber der menschlichen Thorheiten“. Eines der schönsten Wämser war verändert worden, die Achselstreifen zu einem Kragen umgenäht und das fragile Gitter aus Seide mit hellblauem Stoff unterfüttert. Es ist das weltweit einzige seiner Art, das erhalten blieb. Die feinen Kragenstützen aus Draht gaben Rätsel auf, man hielt sie für volkstümlichen Halsschmuck. Zu wenig wusste man über die tatsächliche Beschaffenheit der Kleidung, wie sie wirklich funktionierte, was diese imposanten Kostüme zusammenhielt – denn das sah man auf Gemälden ja nicht.

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