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Veröffentlicht: 07.01.2015, 19:30 Uhr

Georges Wolinski und Charb Sie stachen heraus, weil ihre Federn so spitz waren

Unter den Opfern in der Redaktion von „Charlie Hebdo“ sind die beiden Zeichner Georges Wolinski und Charb. Niemand in Frankreich hatte sich auf ihrem Feld mehr exponiert. Ein Nachruf.

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© dpa Stéphane Charbonnier 1967 - 2015

Jeder der ermordeten Mitarbeiter von „Charlie Hebdo“, des heute von mutmaßlichen Islamisten überfallenen französischen Satiremagazins, verdiente einen eigenen Nachruf, denn ihre Zeitschrift ließ sie niemals mundtot machen, also musste man sie selbst töten. Aber zwei müssen besonders herausgehoben werden, weil besonders sichtbar waren – im buchstäblichen Sinne: als Zeichner. Jeder in Frankreich kannte ihre Namen: Wolinski und Charb.

Andreas Platthaus Folgen:

Georges Wolinski war achtzig Jahre als, als man ihn an diesem Mittwoch ermordete, aber sein Strich war frisch wie kaum ein anderer. Vor zehn Jahren hat er in Angoulême den Großen Preis der Stadt erhalten, die wichtigste europäische Comic-Auszeichnung. Aber Comics waren gar nicht Wolinskis Hauptinteresse; er war Cartoonist mit Haut und Haaren, ein Witzezeichner mit sardonischem Humor und ohne jede Scheuklappe. Mit der Feinheit – ästhetisch wie gesellschaftlich verstanden – der etablierten Karikaturisten in den großen Pariser Blättern hielt er sich nicht auf: Sein Vorbild war Jean-Marc Reiser, mit dem er in den sechziger Jahren bei dem nicht zufällig „Hara-Kiri“ betitelten Vorgängerblatt von „Charlie Hebdo“ zusammengearbeitet hatte.

Reiser hatte das Verständnis von Satirezeichnung verändert, weil er bereit war, alle Regeln des Geschmacks zu verletzen, und damit hatte er die politische Bedeutung der Pressezeichner, die in Frankreich seit Charles Philipon und Honoré Daumier einen grandiosen Ruf, aber keinen grandiosen Biss mehr besaßen, neu belebt. Angefeindet wurde er dafür zur Genüge, und Wolinski erlebte es aus nächster Nähe mit und entschied sich, denselben Weg zu gehen, zumal nach Reisers frühem Tod 1982.



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Immer wieder hatte sich der große alte Mann der französischen Karikatur in den letzten Jahren exponiert, gerade im Streit um die Mohamed-Karikaturen, die die dänische Tageszeitung „Jyllands-Posten“ 2005 abgedruckt hatte. Er vertrat die konsequente Linie, dass Berichterstattung, auch polemische, nicht zum Schweigen gebracht werden darf. In  „Charlie Hebdo“, für das er seit dessen Gründung gezeichnet hat, hatte er dafür das richtige Forum. Mehrfach wurden auch dort Mohammed-Karikaturen veröffentlicht, durchaus mit der provozierenden Absicht auszuloten, was man in Europa zu befürchten hat.

Die jetzt erteilte Antwort ist fürchterlich. Wolinski und seine Kollegen haben für ihre Konsequenz mit dem Leben bezahlt, mitten in der Cité de lumières, worunter Paris immer auch die „Stadt der Aufklärung“ verstanden sehen wollte.

Georges Wolinski © AP Vergrößern Georges Wolinski 1934 - 2015

Es starb auch Stéphane Charbonnier alias Charb. Seine Zeichnungen prägten im vergangenen Jahrzehnt das Gesicht von „Charlie Hebdo“, er war seit 2009 der Chef der Publikation. Er zeichnete rastlos, darunter etliche Titelblätter und vor zwei Jahren eine Comicsatire über den Propheten Mohamed, die als selbständiges Album erschien, aber von „Charlie Hebdo“ verlegt wurde. „Unter Polizeischutz stehe ich ja schon“, sagte Charb damals. Einen Brandanschlag auf das Redaktionsgebäude hatte es schon zuvor gegeben.

„La vie de Mahomet“ war kein Meisterwerk – eine fiktive Biographie des Propheten, die auf billige Gags setzte, aber im Geist der Polemik im Umgang mit Religion setzte sie explizit fort, was in Frankreich durch Voltaire begonnen worden war. Natürlich schlugen die Wellen hoch, und Frankreich erlebte eine Debatte darüber, was Satire darf, die sich das auf diesem Feld so traditionsreiche Land wohl nicht erträumt hatte. Immerhin: Überall war das Album zu kaufen, und es wurde fleißig gekauft.

© dpa, reuters Weltweite Anteilnahme für „Charlie Hebdo“

Ohne Satire ist unsere Kultur nicht zu denken

Seitdem hat sich die Redaktion von „Charlie Hebdo“ als Speerspitze im Kampf gegen Religionen allgemein und den Islamismus im Speziellen verstanden. das war auch ein Geschäftsmodell, das dem zuvor kriselnden Magazin neue Leser zuführte und Aufmerksamkeit sicherte. Die frühere linke Radikalität war schon vorher aufgegeben worden, aber den angestammt radikalen Laizismus behielt man bei. Mehr noch als aus Geschäftsinteresse agierte man aus Überzeugung, aus jener eigenen Tradition eines Journalismus, der auch auf Polemik setzt, wenn es um Aufklärung geht.

Charbs Illustrationen kamen solchen Polemiken zupass, denn noch mehr als Wolinski setzte der Siebenundvierzigjährige aufs Prinzip der Drastik – ein jüngerer Erbe Reisers. Nun müssen andere dieses Erbe antreten. Und ja: Es muss angetreten werden. Ohne Satire, ohne Lachen ist unsere Kultur nicht denkbar. Nach der Trauer über die Opfer des Pariser Massakers muss neben der Wehrhaftigkeit im Umgang mit Terrorismus auch die Spottlust wiederbelebt werden, sonst hätten die Schlächter nicht nur gemordet, sondern auch gewonnen.

Glosse

Auch im Netz hat der Hass nicht das letzte Wort

Von Michael Hanfeld

Nach dem Attentat in Manchester freuen sich IS-Anhänger, dass es viele, vor allem junge Opfer gefordert hat. Beileidsbekundungen und Angebote für Hilfe setzen sich dem beeindruckend entgegen. Mehr 1 14

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