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Charles Dickens zum 200. Geburtstag : Er brachte den Engländern das Wetter bei

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Charles Dickens mit seinen Töchtern, Mamie und Katey im Garten von Gad's Hill, um 1865 Bild: The Charles Dickens Museum, London

Im neunzehnten Jahrhundert war Charles Dickens der berühmteste Schriftsteller Großbritanniens. Jetzt steht die Insel zu seinen Ehren kopf - nur in Deutschland hält man den radikal Modernen immer noch für einen Jugendbuchautor.

          Parasitäre Politiker, Bankiers, die ihre Anleger zu Schuldnern machen und dabei selbst immer reicher werden, bürokratische Strukturen, geschaffen, um den Bürgern ihre Machtlosigkeit zu demonstrieren, und ein von Spezialisten ausgetüfteltes Rechtssystem, in dem Prozesse sich mitunter so viele Jahre hinziehen, bis ihr Grund sich von allein erledigt hat - alles, was in unserer Gegenwart kafkaesk anmutet, ist ebenso sehr, nein, noch viel mehr: dickensisch. Denn die geistige Umtriebigkeit und die Phantasie, die man braucht, um solche Verhältnisse nicht nur illusionslos für sich zu erkennen, sondern sie auch für alle Naiveren mitreißend auszumalen, besaß keiner in so hohem Maße wie er.

          Charles Dickens ist ein Barometer, das weniger über die literarische denn die gesellschaftliche Großwetterlage Aufschluss gibt. Ob und wie dieser Schriftsteller von einer Epoche gelesen wird, verrät mindestens so viel über die jeweilige Zeit wie über den Autor selbst. Gerade stecken wir mittendrin in so einer dickensischen Phase, die allenfalls mit einer so kleinteiligen, nimmermüden, zu allem bereiten Vorstellungskraft wie der seinen zu fassen ist. Seit längerem schon wird Dickens wieder stärker als hochaktueller Autor wahrgenommen; das belegen aufwendige Fernsehverfilmungen seiner Romane „Bleak House“ oder „Little Dorrit“ ebenso wie der Umstand, dass 2003 bei einer großen Leserumfrage nicht weniger als fünf seiner Werke unter die hundert wichtigsten und beliebtesten Romane Großbritanniens kamen. Die ausgiebigen Feiern im Vereinigten Königreich zu seinem zweihundertsten Geburtstag am 7. Februar sind insofern auch nicht darauf aus, einen Autor dem Vergessen zu entreißen, sondern einem Schriftsteller, dessen Geist allgegenwärtig ist, vielfältig Reverenz zu erweisen.

          Von dem britischen Enthusiasmus ist bisher allerdings kaum etwas über den Ärmelkanal geschwappt. Die beiden größten verlegerischen Taten im deutschsprachigen Raum sind die Neuübersetzungen von „Große Erwartungen“ durch Melanie Walz bei Hanser und des „Geheimnis des Edwin Drood“ durch Burkhart Kroeber im Manesse Verlag. Der Aufbau Verlag hat die liebevoll verklärten Erinnerungen der Geschwister Mary und Charlie an „Unseren Vater Charles Dickens“ ins Deutsche gebracht, ebenso einige seiner besten Erzählungen unter dem Titel „Der schwarze Schleier“. Und C. H. Beck bietet die Nachtstücke „Reisender ohne Gewerbe“ in seiner Textura-Taschenbuch-Reihe.

          Er konnte die Grausamkeiten nie verzeihen

          Das alles kann und wird nichts daran ändern, dass Dickens in Deutschland in erster Linie als moralisch einwandfreier Jugendautor gesehen wird, nämlich als Verfasser von „Oliver Twist“, „David Copperfield“, „Nickolas Nickleby“ und natürlich der nur saisonal erträglichen „Weihnachtsgeschichte“. Wer sich hingegen mit dem ganzen, dem richtigen, dem düsteren und zerrissenen Dickens eindecken will, dem bleibt nur das E-Book. Denn da gibt es auch all die frühen, längst vergriffenen deutschen Übersetzungen, von „Klein Dorrit“ bis „Unser gemeinsamer Freund“, von „Eine Geschichte von zwei Städten“ (das Dickens-Werk mit der höchsten Auflage weltweit) bis „Schwere Zeiten“, in Sekundenschnelle, oft mit den Originalillustrationen und außerdem kostenlos, da die Rechte abgelaufen sind.

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