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Charles Darwin Der Geist in der Maschine

 ·  Von heute an laufen die Besuchermassen durch Charles Darwins Arbeitszimmer: Eine Ausstellung im Natural History Museum in London zeigt den Begründer der Evolutionstheorie von einer ganz anderen Seite.

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Jetzt ist der große Moment gekommen: Aus der Cambridge University Library wurden die Briefe und Notizbücher gebracht, aus Down House Arbeitstisch, Mikroskop und der Sessel mit den eleganten Holzrollen, aus dem Natural History Museum in Tring die Spottdrosseln der Galápagosinseln und von den Erben des englischen Naturforschers ein kleines versiegeltes Kuvert. „Nach seinem Tod in Vaters Manuskripten gefunden“, steht auf dem Briefchen, das nun zum ersten Mal ausgestellt ist. Darin befinden sich Haare, das letzte, was den Kindern von Charles Darwin plötzlich blieb, herausgefischt aus seinen Arbeitsunterlagen, als nach seinem Tod im April 1882 auf einmal alles ganz schnell gehen musste.

Die Familie rechnete noch mit einer privaten Beerdigung im kleinen Kreis, da traf die Nachricht ein, der Begründer der Evolutionstheorie solle ein Staatsbegräbnis erhalten, neben Isaac Newton in Westminster Abbey. Der Leichnam wurde abgeholt, am darauffolgenden Sonntag hielt Harvey Goodwin, der Bischof von Carlisle, die Gedächtnispredigt. Beerdigt wurden damit eigentlich schon damals zwei Mythen auf einmal. Der erste: Die Evolutionstheorie habe Darwin zum attackierten Außenseiter gemacht. Die zweite: Kirche und Wissenschaft seien über die Auseinandersetzung zerbrochen.

Fossilien, Käfer, Pflanzen, Briefe, Bilder

Wer war also Charles Darwin, wenn wir den großen Legenden keinen Glauben mehr schenken? Im Natural History Museum in London eröffnet heute die Ausstellung „Darwin“, die das Leben, Denken und Forschen als einem begehbaren Parcours für Kinder und Erwachsene aufgebaut hat. Die Schau bildet den Auftakt für das in wenigen Wochen anbrechende Jubiläumsjahr: Vor zweihundert Jahren, am 12. Februar 1809, wurde Charles Darwin im englischen Shrewsburg geboren und vor hundertfünfzig Jahren, am 24. November 1859, erschien das Gründungswerk der Evolutionstheorie „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“.

In London wurden zu diesem Anlass nun weltweit aus den Archiven Darwins Hinterlassenschaften versammelt - Fossilien, Käfer, Pflanzen, Briefe, Bilder, Messinstrumente oder Alltagsgegenstände. Bei der abendlichen Eröffnung brannten feierlich Fackeln vor der Tür, es wurde klassische Musik gespielt, Häppchen gereicht und dem freundlichen Stephen Keynes die Hand geschüttelt, dem Ururenkel von Charles Darwin und Begründer eines gleichnamigen Trusts. Durch das im viktorianischen Stil rekonstruierte Arbeitszimmer liefen an einem Abend so viele Leute wie wahrscheinlich während Darwins ganzen Leben nicht empfangen worden sind: Auf seinem Landsitz in Down schätzte er Besuch wenig, er verschanzte sich im Kreis seiner großen Familie und hielt sich den Rest der Welt mit vollendet höflichen, zum Teil auch sehr lustigen Briefen vom Leib. Die Herausforderung, die eine Ausstellung über Darwin den Kuratoren aufbürdet, hat niemand besser auf den Punkt gebracht als er selbst: „Mein Geist“, schrieb er in seiner Autobiographie am Ende seines Lebens, „ist eine Maschine geworden, wie gemacht dafür, allgemeine Gesetze knirschend aus großen Tatsachensammlungen herauszumahlen.“

Eine vertrackte Maschine

Die Londoner Schau ist der Versuch, dieses Mahlwerk abzuschreiten, seine großen und kleinen Zahnräder noch einmal in Bewegung zu setzen, durch die Röhren, Schläuche, Windungen zu kriechen. Es ist, daran gibt es nicht zu rütteln, eine vertrackte Maschine, die es zu rekonstruieren gilt und deren Aufbau in den nächsten Monaten immer und immer wieder neu erzählt werden wird.

Die Schwierigkeit liegt im Biographischen: Charles Darwins Leben bricht in zwei Teile auseinander. Es gibt den jungen Darwin, der reiste, die Welt sah, fünf Jahre lang an Bord der H.M.S. Beagle, als „El Naturalista Don Carlos“ in Südamerika, auf den Galápagosinseln, Tahiti, Neuseeland, Australien, Mauritius und in Cape Town. Es gibt aber auch den anderen Darwin, der 1842 nach Down in der Grafschaft Kent zog und außer zu Wasserkuren, die ihm sein chronisches Magenleiden aufzwangen, und einigen Ausflügen nach London seinen Wohnort, unbeweglich wie ein Stein, nicht mehr verließ. Ausgerechnet der Darwin aber, der die Evolutionstheorie formulierte, war nicht der Abenteurer und Reisende; es war der sesshafte, gewissenhafte Forscher, der mithilfe von Spezialisten seine Sammlungen auswertete und sich mit einer derartigen Detailversessenheit in seine Forschungsgegenstände hineinbiss, dass ihn der Schriftsteller Bulwer-Lytton als die Romanfigur Professor Lang karikierte, einen verschrobenen Napfschneckenspezialisten.

Revolution im Geheimen

Die Revolution spielte sich im Geheimen ab, und auch davon zeugt ein Ausstellungsstück: Das Notizbuch, in dem Darwin im Sommer 1837, ein halbes Jahr, nachdem er von seiner Weltumseglung zurückgekehrt war, zum ersten Mal alle Elemente seiner Evolutionstheorie zusammenbrachte. „I think“, notierte er oben auf die Seite, darunter zeichnete er ein faustgroßes Evolutionsdiagramm, Striche, Winkel und Linien, die das Entstehen, Variieren und Aussterben von Arten bedeuten. Wenn wir in der Ausstllung das berühmte Notizbuch erreichen, haben wir die Felsen mit den Meerechsen hinter uns gelassen. Nur ein paar Schritte weiter finden wir das, was seine Kinder zeichneten, während der Vater seine Evolutiontheorie ausarbeitete. Die Tochter Henrietta schnitt in dieser Zeit Vögel und Menschen aus illustrierten Zeitungen aus, klebte sie zusammen, sammelte Muscheln und Steine und bewahrte sie in einer kleinen Kommode auf. Francis Darwin, der älteste Sohn, malte in bunten Farben das Landhaus in Down. Sein Vater gab ihm Pinsel und Papier, eine Textmanuskriptseite von „Origin of Species“, weshalb sich das Kinderbild nun auch im Natural History Museum befindet.

Vielleicht können wir also mit dieser Ausstellung endlich einen Mythos verabschieden: Die Vorstellung von den abgründigen Genies, die in düsterer Entschlossenheit die Welt mit ihren Enteckungen schockieren. Der klügste Mann Englands im 19. Jahrhundert hatte die besten Ideen in einem mit Kletterpflanzen bewachsenen Landhaus, während Kinder auf die Rückseiten seiner Manuskripte Zeichnungen kritzelten.

Darwin. Bis zum 19. April 2009 im Natural History Museum in London. Kein Katalog.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1974, Redakteurin im Feuilleton.

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