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Chaos Computer Club Tanz mit dem Teufel

Hacker bekommen heutzutage immer mehr Macht und Möglichkeiten: Das ist ihnen durchaus bewusst, wie der Jahreskongress des Chaos Computer Clubs in Berlin zeigt.

© dpa Vergrößern Teilnehmer des 28. Jahreskongresses des Chaos Computer Clubs

„Das Internet ist kein Ozean. Das Internet ist mehr wie ein Spinnennetz: Wenn es an einer Stelle berührt wird, kommt das ganze Gebilde ins Schwingen.“ Nicht nur wegen dieses Satzes wurde der Buchautor und Internetphilosoph Cory Doctorow beim Jahreskongress des Chaos Computer Clubs (CCC) gefeiert, der gestern in Berlin zu Ende gegangen ist. Doctorow dämpfte allerdings die Hoffnung auf eine goldene Zukunft. Der Kampf um das Copyright sei nur - um eine Computerspielmetapher zu benutzen - das erste Level gewesen. Das Ringen um Freiheit und Offenheit werde sich auch auf andere Felder der computerisierten Gesellschaft ausdehnen.

Freiheit werde sich in Zukunft daran zeigen, inwieweit Menschen noch in der Lage seien, Computer zu modifizieren, in ihr Inneres zu sehen und die Funktionen von Geräten zu verändern. Denn die Welt, in der wir heute lebten, bestehe aus Computern - Hörgeräte, Autos, Spielkonsolen - alles Computer. Und diese Computer dürften nicht „gegen meine Interessen arbeiten“, sagte Doctorow. Eine Horrorvorstellung sei es, wenn das Hörgerät etwas anderes wiedergebe, als gesprochen werde, oder wenn das eigene Auto plötzlich von den Ermittlungsbehörden des Staates gesteuert würde.

Hacken von Nahrungsmitteln mit Gentechnik

Mehr als 3200 Hacker aus Deutschland, dem europäischen Ausland und den Vereinigten Staaten waren nach Berlin gekommen, um sich im fast schon zu klein gewordenen Kongresszentrum Vorträge zu politischen, technischen und kulturellen Themen anzuhören. Vertreter der Piratenpartei waren dabei, Bürgerrechtsorganisationen hatten Stände aufgebaut. Für Aktivisten aus dem In- und Ausland ist der Kongress nicht nur ein Lernort, sondern auch eine Vernetzungsmöglichkeit. Englisch und Deutsch klangen durch die Flure, auch zahlreiche Veranstaltungen fanden selbstverständlich auf Englisch statt. Pflicht für alle war der Dauerkonsum koffeinhaltiger Limonaden auf Matetee-Basis - „Hackerbrausen“ genannt. Und manche blieben vier Tage lang im Keller, löteten und hackten in ihre Computer.

„Hacken“ bezieht sich nicht nur darauf, Sicherheitslücken in Computer-Software zu finden. Hacken bedeutet auch: Finde einen Weg in ein eigentlich abgeschlossenes System. So gab es einen gefeierten Vortrag zum Querschnittsthema „Politik hacken“ und einen zum Hacken von Nahrungmitteln mit Gentechnik. Selbst Gentechnik-Gegner waren hier fasziniert von der vegetarischen Bouillabaisse mit der „Fish Tomato“ und von „Glowing Sushi“ - Sushi mit leuchtendem, manipulierten Fisch. Nicht ganz so spielerisch geht es in der Internetaußenwirtschaftspolitik zu. Der Forscher Evgeni Morossow attestierte im Eröffnungsvortrag Herstellerfirmen von Überwachungssoftware eine „heimliche Liebesaffäre“ mit autoritären Staaten wie dem Iran oder Syrien. CCC-Sprecher Frank Rieger sagte: „Hersteller von Überwachungs-Equipment sind Waffenhersteller, also sollten sie auch so reguliert werden.“

Entschlüsselung des Staatstrojaners

Fragen an Technik, Gesellschaft und Politik zu stellen ist das Kerngeschäft des Chaos Computer Clubs, der vor etwas mehr als dreißig Jahren gegründet wurde und sich seither nicht sonderlich verändert hat. Die Gesellschaft aber hat sich in Zeiten der immer stärker werdenden Vernetzung und Computerisierung mittlerweile auf ihn zubewegt. Heute sitzen Vertreter des Clubs in der Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ und führen Hintergrundgespräche - auch mit dem „Feind“.

Mehr zum Thema

So ist das Motto des diesjährigen Kongresses nicht zufällig gewählt. „Behind Enemy Lines“. Im Jahresrückblick sagte CCC-Sprecher Andreas Bogk: „Wenn du mit dem Teufel tanzt, veränderst du nicht den Teufel, sondern der Teufel verändert dich.“ Diese moralische Debatte werde auch auf der Mitgliederversammlung im Januar Thema sein mit Blick auf die Ausrichtung der politischen Arbeit, so Bogk - und auch mit Blick auf die Arbeit einiger Club-Mitglieder für Security-Firmen. Was ist moralisch noch korrekt, was geht nicht mehr? Das ist eine permanente Diskussion, die den Club seit vielen Jahren beschäftigt. Weiteres Streitthema bei der Mitgliederversammlung könnte die Wikileaks-Diskussion um Julian Assange und seinen Gegner Daniel Domscheit-Berg werden. Domscheit-Berg war im August vom Vereinsvorstand aus dem Club ausgeschlossen worden, eine nicht unumstrittene Entscheidung.

Im Rückblick auf das Jahr 2011 kann der CCC ansonsten zufrieden sein. Er hat jetzt 3700 Mitglieder, so viele wie noch nie. Die Entschlüsselung des Staatstrojaners im vergangenen Oktober ist einer der größten Hacks in der Vereinsgeschichte. Staatliche Trojanersoftware lehnte der Club auf dem Kongress abermals klar ab. Bereits jetzt gebe es bei schwerwiegenden Straftaten viele Überwachungsmöglichkeiten bis hin zum Großen Lauschangriff, sagte der Richter Ulf Buermeyer.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 30.12.2011, 15:50 Uhr

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